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Ökostrom macht Pumpspeicherwerk Niederwartha zu teuer

Ökostrom macht Pumpspeicherwerk Niederwartha zu teuer

Der schwedische Energiekonzern "Vattenfall" will das Pumpspeicherwerk Niederwartha in den nächsten zwölf Monaten schließen. Das kündigte Vattenfall-Manager Gunnar Groebler gestern in Dresden an.

Der schwedische Energiekonzern "Vattenfall" will das Pumpspeicherwerk Niederwartha in den nächsten zwölf Monaten schließen. Das kündigte Vattenfall-Manager Gunnar Groebler gestern in Dresden an. Steigende Netzentgelte, die Abkehr von der Atomkraft und das hohe Angebot an Ökostrom hätten den Betrieb des Energiespeichers unrentabel gemacht - der zudem hohen Reparatur- und Modernisierungsbedarf habe. Landespolitiker äußerten sich kritisch.

Von Heiko Weckbrodt

Das braungeziegelte "Krafthaus" am Stausee Cossebaude hat seine besten Tage längst hinter sich - das erkennt selbst der Laie. Beeindruckend sehen sie ja aus, die grün-stählernen Kombinationen aus übermannshohen Pumpen, Generator-Motoren und Turbinen, die da an den bis zu drei Meter dicken Rohren hängen, die vom Oberbecken Oberwartha Wasser nach unten schicken. Doch an ihnen ist mindestens ein halbes Jahrhundert Technologie vorbeigegangen: Das stolze Schreibschrift-Logo stanzt das Dresdner "Sachsenwerk" schon seit Jahrzehnten nicht mehr in seine Generatoren. Vier der sechs Turbinen-Linien im Pumpspeicherwerk Niederwartha sind eh kaputt - über zehn Jahre ist es her, dass sie das letzte Mal Strom erzeugt oder gesaugt haben.

Managertreffs in DDR-Schaltwarte

"Früher hat es hier ordentlich gedröhnt, wenn alle Pumpen anliefen", erinnert sich Standort-Leiter Lothar Pietzsch wehmütig. "Da hat selbst der Ofen drüben in den Schaltwarte vibriert." Auch diese Warte ist längst still gelegt - aber die nostalgische Schalter- und Regler-Optik dort lockt bis heute Industriearchitektur-Fans an, vor allem Vattenfall-Manager, die inmitten von DDR-Schalttechnik, Ampere- und Hertz-Anzeigen ihre Treffen zelebrieren.

Zu DDR-Zeiten hielten im Werk 80 Männer und Frauen die Stellung - jetzt sind es nur noch 15. Pietsch ist einer von der "alten Garde", seit 1979 dient er hier. X-mal hat er erlebt, wie die Maschinen abends anliefen, um mit billigem Nachtstrom stundenlang Wasser ins Oberbecken zu pumpen - ein Energiespeicher für die Stoßzeiten tagsüber, wenn die Dresdner Industrie Strom saugte und saugte.

Doch die Zeiten sind vorbei - paradoxerweise gerade wegen der Energiewende, die doch nach Stromspeichern schreit. "Die Rolle der Pumpspeicherwerke hat sich von Grund auf verändert", sagt Groebler. Inzwischen mache Vattenfall - das insgesamt fünf solcher Großspeicher in Ost und Norddeutschland betreibt - nur noch Minus damit.

Dafür gibt es mehrere Gründe: Weil die Kernkraftwerke vom Netz gehen, kann Niederwartha nachts nicht mehr billigen Atomstrom für die Pumpen kaufen, sondern muss teureren Braunkohlestrom nehmen. Und tagsüber lässt sich mit dem Speicherstrom weniger verdienen als früher: 25 Gigawatt installierte Solarkraftleistung und 30 Gigawatt Windkraft drücken die Preise. Aber aus der Differenz aus billigem Nachtstrom und teurerem Tagstrom finanzieren sich Speicher wie Niederwartha.

Ständig schwanken die Preise

Zudem halten sich Sonne und Wind eben nicht an Pläne. Statt wie früher zweimal täglich schwankt der Strompreis dadurch heute ständig. Was heißt: Niederwartha müsste manchmal im Zehn-Minuten-Takt vom Pump- in den Generator-Modus umschalten, um diese Differenzen zu nutzen. Gerade damit aber hat das ab 1929 gebaute und zuletzt 1960 grundlegend modernisierte Werk Probleme. Wegen überalterter Technik arbeitet es nur noch mit einem Drittel der früheren 120 Megawatt Spitzenleistung. Und die Turbinen-Pumpen-Sätze wurden einst gebaut, um stundenlang zu pumpen oder Strom zu erzeugen - nicht aber für ständige Wechsel.

Rund 200 Millionen Euro würde es kosten, das Werk auf den aktuellen Stand der Technik zu bringen, hatten die Dresdner Vattenfall-Ingenieure ausgerechnet, aber von der Konzernzentrale eine Abfuhr kassiert. Tenor: Warum viel Geld in einen Speicher stecken, der immer wenige Gewinne, ja sogar Verluste erwirtschaftet? Auch Stadt, Drewag und Energieverbund Dresden ließen nach einer eingehenden Prüfung die Finger von einer Kaufoption (DNN berichteten).

Die Chancen, bestehende Pumpspeicherwerke auch nur kostendeckend zu betreiben, engen sich laut Vattenfall in naher Zukunft weiter ein. Bereits jetzt übersteigen die Nutzentgelte, die die Speicher an die Energienetzbetreiber zahlen müssen, teils die Personalkosten, behauptet Groebler. Für 2013 sei eine weitere Erhöhung um 40 Prozent angekündigt. Daher sei Niederwartha nicht haltbar und werde wohl binnen eines Jahres stillgelegt, kündigte er an und forderte einen politischen Eingriff: Die Pumpspeicherwerke sollten als Stützen der Netzsicherheit und Energiewende betrachtet und von Netzentgelten befreit werden, so der Vattenfall-Wunsch.

Die Folgen für Dresden, wenn Niederwartha vom Netz gehen sollte, sind noch schwer absehbar. So versorgt das Werk zum Beispiel das Bad Cossebaude mit Wasser. Auch ist es Teil des Katastrophenplans für einen totalen Netzausfall in Dresden: Dann würde Niederwartha wie ein Auto-Anlasser das Kraftwerk an der Nossener Brücke mit Startstrom beliefern, damit dort die Turbinen wieder anlaufen können. Auch für die ehrgeizigen Pläne mancher Kommunalpolitiker, im Raum Dresden eine eigene Öko-Energiepolitik zu etablieren, dürfte ein Aus für Niederwartha ein Rückschlag sein.

FDP kritisiert "Öko-Planwirtschaft"

Die Drewag sieht zwar vorerst keine negativen Folgen für die Energieversorgung in Dresden. Kritisch äußerte sich aber Torsten Herbst, der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion: "Die Ankündigung einer möglichen Schließung von Pumpspeicherkraftwerken durch Vattenfall macht deutlich, dass die Energiewende übereilt und undurchdacht ist", erklärte er. "Die Öko-Planwirtschaft sorgt für immer stärkere Verzerrungen auf dem Energiemarkt."

Links-Stadträtin Annekatrin Klepsch forderte derweil Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) auf, "ein Zukunftskonzept für das Areal vorzulegen".

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.10.2012

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