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Nun bekommt auch Radebeul sein großes Theaterspektakel - Premieren-Marathon an den Landesbühnen

Nun bekommt auch Radebeul sein großes Theaterspektakel - Premieren-Marathon an den Landesbühnen

Während Dresden vor allem sommers fest in der Hand der permanenten Festivalitis ist, hat die Landesbühnen am Rande der Stadt nun die latente Spektakelistis erfasst - eine eigene Kunstform, die von Ostberlin Ende der Siebziger in die Republik schwappte und jenseits der Großstädte als opulente Spielzeiteröffnungsparty bis heute große Erfolge feiert - jüngst erst beim Jahr-100-Spektakel an der Neuen Bühne Senftenberg oder beim Stapellauf am Rostocker Volkstheater.

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Sibylle Bergs "Hund, Frau, Mann" (Szene mit Boris Schwiebert (M.), Sophie Lüpfert und Michael Heuser) ist Teil des Radebeuler Theaterspektakels.

Quelle: Hagen König

Nun also auch Radebeul. Am Sonnabend und Sonntag toben nun im Stammhaus der Landesbühnen die "Irrtümer 1", thematisch allesamt unter das Spielzeitmotto "Familienwahnsinn" zu subsumieren, als sächsische Premiere dieser Art von Kraftakt über alle Bretter der Weltbedeutung. Drei von neun Stücken, davon acht nagelneu, kann der geneigte Theaterfan im Neunzig-Minuten-Takt sehen, die drei Zeitebenen sind rot, gelb und blau gekennzeichnet, für je 350 Leute ist insgesamt Platz, der große Saal wird eigens umgebaut. Ansonsten verteilen sich die Spielstätten übers gesamte Haus und nach reichlich vier Stunden mit mindestens 2:45 Stunden Nettotheatergenuss darf auch noch getanzt werden.

Gisela Kahl, nun im zweiten Jahr Radebeuler Chefdramaturgin, ist wohl die erfahrenste Spektakelexpertin schlechthin, denn sie hat einst den Start an der Berliner Volksbühne als Zuschauerin erlebt und war bei ihren Stationen in Schwerin, Cottbus und Senftenberg aktiv an der Gestaltung beteiligt. Mit ihr sprach vorm Start der Radebeuler Ära Andreas Herrmann für die DNN.

Frage: Können Sie sich noch an Ihr allererstes Spektakel erinnern?

Gisela Kahl: Natürlich, das war Mitte der 70er bei Benno Besson an der Berliner Volksbühne. Er hat diese Form erfunden. Damals gab es sechs bis acht Stücke - und er wollte ursprünglich mehr mit den Leuten im umliegenden Kiez ins Gespräch kommen, um das Haus dort mehr zu verankern. Dazu bot er ein kluges Programm, näherte sich mit einem komödiantischen Blick dem Publikum. Denn für Zuschauer wie für Theaterleute bietet die Form mehr als eine Reihe von Premierenabenden. Man bleibt den ganzen Abend, vielleicht sogar, wie in Cottbus, die ganze Nacht zusammen, kommt ins Gespräch, versteht sich besser,

Was taten Sie an der Volksbühne?

Da war ich als reiner Zuschauer. Ich war damals am Theater in Brandenburg. Doch Christoph Schroth war Assistent bei Besson - und er hat mich 1976, als er Schauspieldirektor am Mecklenburgischen Staatstheater war, als Regieassistentin nach Schwerin geholt.

Und in Schwerin wurde das Konzept dann übertragen?

Nicht übertragen, sondern weiterentwickelt und angepasst. Wir haben bis zum Abschied 1989 einige außergewöhnliche Spektakel erarbeitet, so zum Beispiel Faust I und Faust II in Regie Schroths an einem Abend. Das wurde dann bis zum Schluss gespielt - insgesamt 114 Mal. Und wir tourten mit dem Antike-Projekt 1984 und 1985 quer durch die BRD, waren aber auch in Nancy, Wien und Rom. Das waren künstlerisch große Erfolge, barg aber auch einige Probleme.

Die üblichen DDR-Reiseprobleme?

Ja, leider. Vor jeder Reise wurden alle geprüft - und einige durften nicht mit, weil sie oder ihr Partner Ausreiseanträge laufen hatten. Dann mussten wir rasch umbesetzen - von den privaten persönlichen Tragödien ganz zu schweigen.

Zurück zum Spektakel. Wie rechtfertigt sich denn dieser Riesenaufwand?

Das Konzept trägt langfristig Früchte. Es bietet Platz für besondere Perspektiven, neue ästhetische Zugänge, neue Räume und andere Zugriffe auf Autoren oder Themen. Dadurch, dass die Trennung von Publikum im Saal und dem Ensemble vorn auf der Bühne im Guckkasten aufgehoben werden kann, entsteht automatisch Interaktion und Kommunikation. Und die Zuschauer können zwischen verschiedenen Angeboten wählen.

Sie haben dann mit Christoph Schroth in Cottbus die "Zonenrandermutigung" und mit Sewan Latchinian in Senftenberg die "GlückAufFeste", also zwei weitere legendäre Spektakelformen, entwickelt und organisiert ...

Der Start in Cottbus war überaus kompliziert, es gab eine regelrechte Blockade von Publikum und Lokalmedien gegen das runderneuerte Ensemble. Die konnten wir erst mit einer langen Brecht-Nacht knacken. Da luden wir das Publikum ein, mit uns durch die Nacht zu kommen und dann früh um sieben gemeinsam zu frühstücken. Es blieben fast alle da.

Und in Senftenberg existiert, auch dank seiner außergewöhnlichen Theaterrettungsgeschichte, sowieso ein besonders enges Verhältnis zwischen Publikum und Theater. Als wir dann schon im zweiten Jahr von der Fachzeitschrift "Theater heute" als "Theater des Jahres" nominiert wurden, war die ganze Stadt stolz.

Wenn ich nun in Radebeul alles sehen will, muss ich dann wirklich zwei Mal wiederkommen?

Ja, aber dann nur noch für jeweils die Hälfte des Preises. Außerdem laufen die Stücke später zum Teil im Repertoire. Und mit einigen - dazu taugen die kleineren Formate auf den Probebühnen sehr gut - fahren wir zu unseren Gastspielorten von Torgau bis Bad Schandau. Wir haben daher viele unserer Gastgeber eingeladen. Insofern ist es nicht nur eine Leistungsschau, sondern auch eine Art Angebotsmesse für unsere Partner oder andere Theater.

Schaut man aktuell auf die an Ihrem Premierentag parallel laufenden Spektakel in Rostock oder Senftenberg, dann fehlt in Radebeul der direkte politische Bezug, das Wuttheater - und auch ein roter Faden...

Da irren Sie! Wir gehen in allen Stücken tief in die Keimzelle alles Politischen: in die Familien. Also in ganz konkrete Problemlagen, von der Geburt bis zum Tod. Dort sind alle großen Probleme angelegt, das finden Sie in jedem einzelnen Stück. Der rote Faden ist unser Spielzeitmotto - also Familien-Wahn-Sinn.

Sie haben die Irrtümer mit der Nummer 1 versehen - das impliziert, dass es weitere Spektakel gibt. Also dürfen Sie gar nicht scheitern?

Doch, nur besser. So wie es George Tabori formulierte: "Es ist die vornehmste Aufgabe, immer besser zu schei- tern:" Und ohne Ironie: Wir freuen uns erstmal auf das erste Theaterspektakel - das es übrigens in dieser kompakten Form nur fünf Mal gibt! Und auf neu-gierige Zuschauer und ein gemeinsames Fest.

Eine persönliche Frage zum Schluss: Sie waren 15 Jahre in Schwerin, zehn in Cottbus, neun in Senftenberg - also Ihren Häusern recht treu. Haben Sie eine ähnliche Ära in Radebeul vor?

Mein Vertrag geht bis 2016 - dann sehen wir weiter.

Premiere am Sonnabend, 19.Uhr, weitere Termine am 26. & 31. Oktober und 1. Nov. (je 18 Uhr) sowie am 7. November (19 Uhr), Wiederkehrer zahlen bei Vorlage der Eintrittskarte nur die Hälfte

www.landesbuehnen-sachsen.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.10.2014

Andreas Herrmann

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