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Mythos und Wahrheit: Vor 250 Jahren starb die legendäre Gräfin Cosel

Mythos und Wahrheit: Vor 250 Jahren starb die legendäre Gräfin Cosel

Nichts solle ihr abgehen“, lautete die Anweisung von Sachsen-Herrscher August der Starke für seine in Ungnade gefallene Mätresse Anna Constantia von Cosel (1680-1765).

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Figur von Gräfin Cosel (r.)

Quelle: Arno Burgi dpa

Eine noble Geste. Auch in der Verbannung sollte die Cosel fürstlich residieren - mit eigenen Gemächern, Dienstboten und erlesenen Speisen.

Am Heiligabend 1716 ließ August die selbstbewusste und eigenmächtige Frau auf Burg Stolpen bei Dresden verbringen. Jens Gaitzsch, Museologe und Autor, spricht von einem „schönen Weihnachtsgeschenk“. Denn bis heute wirkt Burg Stolpen wie ein Magnet auf geschichtsinteressierte Touristen und bringt Geld in die Kassen. Stolpen ist das Mekka der „Coselianer“. Zum 250. Todestag der schillernden Gräfin am 31. März räumt man hier aber mit vielen Mythen um die prominenteste Bewohnerin der Burg auf. Auch Gaitzsch hat die lange Beschäftigung mit ihr den Blick geschärft. „Sie ist mir im Laufe der Recherchen nicht unbedingt sympathischer geworden“, räumt der Experte (52) ein. Die Ergebnisse seiner Arbeit liegen nun im Buch „Lebenslang verbannt“ vor.

Symbolfigur der sächsischen Geschichte

Darin hält der Autor die Cosel für eine Symbolfigur der sächsischen Geschichte. Nicht alle Attribute, die er seiner Heldin zuschreibt, sind schmeichelhaft: geltungssüchtig, exzentrisch und unnachgiebig, nennt er sie. Aber auch intelligent, belesen und großzügig. Der Steckbrief der Anna Constantia von Brockdorff ist bekannt. Nur selten ist eine Frauengestalt aus der Barockzeit so gut erforscht. Am 17. Oktober 1680 kommt sie auf Gut Depenau in Holstein zur Welt. In ihrer Jugend ist sie Hoffräulein im Schloss Gottdorf bei Schleswig und in Wolfenbüttel. Noch als Fräulein wird sie schwanger, doch weder vom Vater noch vom Kind erfährt die Nachwelt etwas. Die Heirat mit dem sächsischen Geheimrat Adolf Magnus von Hoym gibt ihr die Chance, die Schande vergessen zu machen. So gelangt sie nach Dresden. Doch die Ehe ist schon nach einem Jahr zerrüttet. Hoym reicht Anfang 1705 die Scheidung ein, und nach langem Hin und Her ist die Cosel wieder frei. An dieser Stelle kommt der sächsische Kurfürst und Polen-König August der Starke (1670-1733) ins Spiel. Er ist so sehr von Anna Constantia fasziniert, dass er sie zur Mätresse macht und ihr sogar ein Eheversprechen gibt - für den Fall, dass seine 1693 in Bayreuth geheiratete Christiane Eberhardine das Zeitliche segnet.

Als das 1727 geschieht, befindet sich die Cosel freilich schon seit mehr als einem Jahrzehnt in der Verbannung. „Es ist doch merkwürdig, dass die Sachsen heute nahezu nichts über Eberhardine, aber fast alles über die Gräfin Cosel wissen“, wundert sich Stolpens Burgdirektor Jürgen Major. Cosel gelte als Frau Augusts, obwohl sie das de facto nie war. In Stolpen ist man sich sicher, dass die Cosel eine „erotische Ausstrahlung“ besaß. Anders wäre nicht zu erklären, warum August bei seiner „hohen Mätressen-Dichte“ die Cosel erwählte. Unklar sei bis heute aber, ob die Angebetete dem starken August das Ehesprechen abnötigte oder der Herrscher im Überschwang der Gefühle den späteren Bund fürs Leben selber in Aussicht stellte.

Nach schnellem Aufstieg kam der tiefe Fall

Tatsache ist: Gräfin Cosel war zeitweilig die eigentliche Herrscherin am Hof, fühlte sich als Kurfürstin und Königin. Dass sie sich in höfische Angelegenheiten einmischte, bescherte ihr nicht nur Feinde, sondern besiegelte auch ihr Schicksal. Nach schnellem Aufstieg kam der tiefe Fall. Gaitzsch beschreibt die Gräfin als Frau, die gar nicht anders konnte als im Rampenlicht zu stehen - als würde ein Insekt zum Kerzenlicht streben, auch wenn es am Ende darin verbrennt. „Sie besaß ein hohes Geltungsbedürfnis bis hin zur Sucht. Cosel war kämpferisch, gab nie klein bei. Eher setzte sie noch eins drauf. Lieber eine Szene machen als nur danebenzustehen“, listet der Autor Handlungsmuster auf. Ein Menschenschlag wie Gräfin Cosel hätte gut im heutigen Politikbetrieb bestehen können: „Das Faszinierendste ist ihre Wirkungsgeschichte.“

Ihre Wirkung zahlte sich aus. Nach Sachsen kam die Cosel weitgehend mittellos. August gab ihr das Taschenbergpalais und Schloss Pillnitz. Als sie 1718 in der Verbannung ihr Vermögen offenlegen musste, zählte man 828 582 Taler. „Das ist nach heutiger Umrechnung ein mehrfacher Millionenbetrag“, sagt Gaitzsch. Ein Knecht habe damals bei freier Kost und Logis einen Taler im Monat bekommen, der Festungskommandant von Stolpen 40. Dass August der Starke die Cosel eiskalt abservierte, will der Museologe so nicht stehenlassen. Von lebenslanger Verbannung sei anfangs keine Rede gewesen.

August habe sie lediglich in ihrer Wirkung begrenzen wollen. 36 Jahre war die Gräfin, als sie 1716 nach Stolpen kam. Wer das Gemäuer heute sieht, könnte meinen, sie habe hier ein karges Dasein gefristet. Aber auch das ist ein Mythos. Sie durfte zwar mit keinem Menschen allein reden, aber ab und zu wurden ihr auch Spaziergänge in einem abgegrenzten Gelände außerhalb der Burg gestattet. Und gute Speisen gab es sowieso. Nicht selten ließ sich die Cosel Feinkost von der Leipziger Messe liefern. Ob sie tatsächlich ernsthaft die Flucht erwog, gehört wie viele andere Geschichten zu den Legenden. „Cosel polarisiert heute noch“, sagt Burgdirektor Major. 49 Jahre verbrachte die Gräfin in Stolpen. Als sie 1765 starb, war sie 84 Jahre alt.

Von Jörg Schurig, dpa

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