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Mehr Fragen als Antworten drei Wochen nach Giftfund in Sachsenwein

Ausmaß bei Genossenschaft in Meißen weiter unklar Mehr Fragen als Antworten drei Wochen nach Giftfund in Sachsenwein

Der Skandal um Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in Wein beschäftigt weiter die Winzer und Weintrinker in Sachsen. Wie lange schon hantieren einzelne Winzer oder Traubenerzeuger mit im Weinbau nicht zugelassenen Substanzen? Die Antwort bei Ämtern und in Weingütern bisher: Schulterzucken.

Die sächsischen Weinbauern mit ihren knapp 500 Hektar Ertragsrebfläche dürften auch durch den inzwischen handfesten Giftskandal nicht gänzlich in der Bedeutungslosigkeit versinken.

Quelle: dpa

Meißen. Der Skandal um Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in Wein beschäftigt seit gut drei Wochen die Winzer und Weintrinker in Sachsen. In einem Privatweingut in Diesbar-Seußlitz müssen knapp 15.000 Liter Goldrieslung und Müller-Thurgau des Jahrgangs 2015 entsorgt werden. Wie viele belastete Weine bei der Sächsischen Winzergenossenschaft Meißen in den Tanks liegen, scheint weiter unklar. Genossenschaftswinzer gehen inzwischen davon aus, dass womöglich ein Drittel der Weine aus den Jahren 2014 und 2015 nicht verkauft werden kann. Die finanziellen Folgen für die Genossenschaft und ihre Mitglieder wären immens. Geschäftsführer Lutz Krüger will die Zahl nicht bestätigen. Bisher hat der größte Weinerzeuger des Anbaugebietes zunächst fünf Weine des Jahrgangs 2014 aus dem Verkauf nehmen müssen. Der bei Aldi gehandelte Rivaner (Müller-Thurgau) sei davon nicht betroffen, hieß es. Die 15er Weine sind noch nicht gefüllt. Trotzdem stellt sich die Frage, wie lange schon hantieren einzelne Winzer oder Traubenerzeuger mit im Weinbau nicht zugelassenen Pflanzenschutzmitteln. Da sächsische Weine meist schnell ausgetrunken sind, könnten nur Analysen der sogenannten Konterproben Aufschluss geben. Die Betriebe müssen von jedem abgefüllten Wein wenige Flaschen für einige Jahre aufheben.

Die Antwort bei Ämtern und in Weingütern bisher: Schulterzucken. Zum Vertrauen der Verbraucher trägt das nicht bei. Garten- und Weinbauberater Wolfgang Patzwahl aus Franken ist empört, dass seit drei Wochen nahezu nichts passiere. In Brandbriefen an Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU), Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt (CDU) und Verbraucherschutzministerin Barbara Klepsch (CDU) fordert er zu dringendem Handeln auf. In anderen Anbaugebieten wären betroffene Betriebe von der Weinkontrolle wahrscheinlich längst gesperrt worden, bis Klarheit über das Ausmaß herrscht, ist Patzwahl überzeugt. Zumindest aber würden alle betroffenen Weine von Ämtern aus dem Verkehr gezogen. In Sachsen versuche man offenbar weiter zu verharmlosen. Dabei sei der Einsatz verbotener Pflanzenschutzmittel längst ein Fall für die Staatsanwaltschaft. Es sei völlig unerheblich, ob Dimethoat im Wein noch nachgewiesen werden kann oder nicht. "Sobald Rebflächen mit dem verbotenen Mittel in Kontakt kamen, dürfen Trauben von dort nicht verarbeitet werden. Wein daraus ist nicht verkehrsfähig", so Patzwahl. "Inzwischen wird in der sächsischen Weinbranche auch darüber berichtet, dass angesichts der Absatzzahlen von regionalen Pflanzenschutzmittelhändlern noch weitere größere Weinbaubetriebe im Anbaugebiet Sachsen in den Jahren 2014 und 2015 Pflanzenschutzmittel mit dem Wirkstoff Dimethoat gekauft haben." Der Sachverständige gibt zu bedenken, dass das einen "noch weit großflächigeren Einsatz dieses im Weinbau nicht zugelassenen Wirkstoffs als bisher bekannt ist" vermuten lasse. Die bisher bekannten Fakten bedeuteten "nicht nur einen eklatanten Verstoß gegen Pflanzenschutzrecht, sondern zeugen auch von Verbrauchertäuschung in großem Stil und einem gehörigen Maß an krimineller Energie", findet Patzwahl deutliche Worte.

Das Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) hat nach eigenen Angaben die Verkaufslisten der beiden regionalen Anbieter von Pflanzenschutzmitteln überprüft und festgestellt, dass sieben Weinbaubetriebe 2015 dort dimethoathaltige Insektizide erworben haben. "Alle sieben Betriebe sind zwischenzeitlich durch das LfULG kontrolliert worden. In einem Betrieb, der bereits im Ermittlungsfokus stand, konnte auf dieser Grundlage der Verdacht auf Verstöße gegen das Pflanzenschutzgesetz erhärtet werden", erklärte eine Sprecherin. Entsprechende Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen den Betriebsleiter und den mutmaßlichen Anwender seien eingeleitet worden. Die übrigen sechs Betriebe hatten die erworbenen dimethoathaltigen Mittel entweder noch vollständig im Lager oder konnten eine zulässige Anwendung in anderen Kulturen nachweisen. Für 2014 liefen die Überprüfungen noch, nicht erfasst werden könne der mögliche Online-Kauf solcher Pflanzenschutzmittel, für die ein Sachkundenachweis erforderlich ist.

Bundesweit keine vergleichbaren Pannen

Auf die Frage, ob die Lebensmittelüberwachung des Landkreises Meißen denn inzwischen weitere belastete Weine gesperrt habe, antwortete die Behördensprecherin, das habe die Winzergenossenschaft von sich aus gemacht und fügte lapidar an: „Ich kann nicht schreiben, trinken Sie bitte vorsichtshalber keinen Meißner Wein mehr. Er könnte vielleicht Spuren von Dimethoat enthalten, was aber im Kirschsaft erlaubt ist.“ Aus anderen Ämtern hieß es, dieser Vergleich sei völlig unangebracht. Es spielt tatsächlich keine Rolle, dass der belastete Wein keine Gesundheitsgefährdung darstellt. Er ist schlichtweg mit einen Wirkstoff kontaminiert, der im Wein verboten ist. Wird das nachgewiesen, ist der Wein unabhängig irgendwelcher EU-Grenzwerte definitiv nicht verkehrsfähig, hieß es aus dem Verbraucherschutzministerium in Dresden. Fehler habe die Lebensmittelüberwachung des Kreises aber nicht gemacht, indem sie keine Weine sperrte. Es genüge, wenn dies die Betriebe selbst tun, so eine Ministeriumssprecherin.

Am Freitag aber hat die Landesdirektion das Landratsamt  angewiesen, dieses habe der Winzergenossenschaft verbindlich die Durchführung von Eigenkontrollen aller Weinchargen der Jahre 2015 und 2014 anzuordnen. Sämtliche Ergebnisse seien der Lebensmittelüberwachung des Landkreises vorzulegen. Stichprobenartig würden die Ergebnisse durch die Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen Sachsen überprüft. Bis zum Abschluss der Kontrollen und Überprüfungen dürfe der Wein nicht in den Verkehr gebracht werden.
Die sächsischen Weinbauern mit ihren knapp 500 Hektar Ertragsrebfläche dürften auch durch den inzwischen handfesten Giftskandal nicht gänzlich in der Bedeutungslosigkeit versinken. Viele gehen selbst davon aus, dass ihnen langjährige Stammkunden weiter vertrauen und treu bleiben. Vor allem ältere Weinfreunde kommen seit Jahren zu "ihrem" Winzer und kennen die Weinmacher häufig persönlich. Aufmerksamkeit ist den Winzer von den Elbhängen in der Branche außerhalb Sachsens sicher: Das Deutsche Wein-Institut bestätigt, dass es bundesweit bisher noch keine vergleichbaren Pannen mit Pflanzenschutz-Rückständen gab. Mehr möchte man dazu aber nicht sagen und verweist auf den Weinbauverband Sachsen. Der aber schweigt beharrlich, Vorstandschef Christoph Reiner geht seit drei Wochen nicht ans Telefon.

Das LfULG und die Genossenschaft versuchen derweil den oder die Verursacher weiter einzugrenzen. Ein Traubenerzeuger aus dem Raum Meißen steht im Verdacht, das Pflanzenschutzmittel Danadim Progress eingesetzt zu haben. Die Konzentrationen in der Traubenprobe von Goldriesling aus dem September 2015 ließen vermuten, dass das Mittel direkt auf die Rebflächen gespritzt wurde. Das hätten Versuche und Studien des Herstellers ergeben, hieß es vom LfULG. Der Anwender gibt hingegen an, das Mittel sei beim Einsatz neben Agrarflächen abgetrieben. Außerhalb von landwirtschaftlichen Flächen darf das Mittel ohne Genehmigung wegen des Naturschutzes aber auch nicht angewendet werden. 

Das Weingut Schloss Proschwitz und das Staatsweingut Schloss Wackerbarth erklärten auf Anfrage, man habe zusätzlich eigene Weine untersuchen lassen und könne Entwarnung geben: In beiden Betrieben seien keine Rückstände des unerlaubten Pflanzenschutzmittels nachgewiesen worden. Proschwitz verarbeite nur eigene Trauben, weshalb eigentlich keine zusätzliche Analyse notwendig wäre. Wackerbarth kaufe nur von vier Erzeugern zu, deren Arbeitsweise man genau kenne. Ein Sprecher des Staatsweinguts betonte, es seien auch keine Grundweine der Genossenschaft versektet oder in Cuvées verarbeitet worden. Gegenteilige Angaben von Winzern bezeichnete er auf mehrfache Anfrage als Spekulation und als falsch.

Lars Müller

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