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"Lassen Sie uns nicht menschenfeindlich sein" - Heftige Debatte um Asylunterkunft in Neusörnewitz

"Lassen Sie uns nicht menschenfeindlich sein" - Heftige Debatte um Asylunterkunft in Neusörnewitz

"Eine solche Diskussion habe ich noch nicht erlebt", sagt Oberbürgermeister Frank Neupold (parteilos). Zwei Stunden lang hat er eine erhitzte Debatte moderiert, sich Anfeindungen angehört und Vorwürfe machen lassen.

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Vielleicht 30 Asylbewerber sollen in sechs Wohnungen in der Köhlerstraße 33 in Neusörnewitz untergebracht werden.

Quelle: Martin Förster

Anlass: Ein Informations-Abend zur Asylbewerber-Unterkunft, die Ende März in Neusörnewitz eingerichtet werden soll. Einen "solchen Widerstand" habe er nicht erfahren, als Coswig vor 15 Jahren begann, mehr als 500 Russlanddeutsche zu integrieren. Nicht, als man vor zweieinhalb Jahren die ersten Asylbewerber-Familien im Wohngebiet Dresdner Straße aufnahm. 64 Asylbewerber leben dort jetzt, ohne nennenswerte Probleme, wie Neupold betont. Eine Argument, das offenbar wenig Eindruck macht.

Vor allem von den hinteren Reihen wird bei der Versammlung fremdenfeindliches Gift verspritzt. Die wenigsten Rufer sind auszumachen, stecken in einer anonymen Masse. Vor allem in den vorderen Reihen wird darüber häufig der Kopf geschüttelt, manche treten auch ans Mikrofon und plädieren für Menschlichkeit und Offenheit, wie Reinhard Meissner, der der mehr als 50-köpfigen Initiative "Coswig - Ort der Vielfalt" vorsteht. Es handle sich um verfolgte Menschen, sagt er. Man solle sie willkommen zu heißen und sich bemühen, sie zu integrieren. "Dann geh doch nach Afrika", krakelt ein Zwischenrufer dazwischen. Beifall. Kopfschütteln. Die Atmosphäre bleibt vergiftet.

Dabei kennen sich hier viele. Reden sich mit Vornamen an und bezeichnen den Ortsteil mit mehr als 2000 Bewohnern als Dorf. In der Asyldebatte sind sie sich fremd. Eine Frau lamentiert vom "Schrott", der "hierher geschickt" werde. Wer es hört, dem treibt es die Schamesröte ins Gesicht. "Lassen Sie uns nicht menschenfeindlich sein", sagt Neupold. Die Fakten gehen in der allgemeinen Entrüstung fast unter. Es geht um sechs Wohnungen, die leerstehen. Vielleicht 30 Menschen sollen darin ab März leben.

Ganz unberechtigt ist die Empörung allerdings nicht. Zwei Mieter, deren Wohnungen in dem Haus an der Köhlerstraße liegen, haben erst durch die Ankündigung des Info-Abends von den Plänen erfahren. "So geht das nicht, Asche auf mein Haupt", sagt Neupold. Der Vermieter, der ebenfalls unter den mehr als 200 Anwesenden ist, sagt dazu nichts. Eine Weile geht es dann darum, dass die Stadt alternative Wohnungen für die bisherigen Mieter in der künftigen Asylunterkunft suchen will. Die könnte sich um zwei Wohnungen vergrößern, wenn diese Pläne aufgehen.

Auch der Rest der Neusörnewitzer fühlt sich vor vollendete Tatsachen gestellt. Am 15. Januar habe er das Angebot des Vermieters erhalten, sagt Ulrich Zimmermann, der als Beigeordneter im Landratsamt Meißen für Asylfragen verantwortlich ist. "Ich muss es nehmen, wenn mir so etwas angeboten wird", sagt er. Bis zu 1000 weitere Asylbewerber muss er in diesem Jahr im Landkreis unterbringen, knapp 1000 leben schon dort. Er hat keine Wahl, die Neusörnewitzer auch nicht. Die Asylunterkunft wird kommen. Wie damit umgehen?

Es wird viel über Sicherheitsfragen diskutiert. Sie lebe allein mit ihren zwei Kindern, was solle sie tun, wenn ein Asylbewerber einbreche, fragt eine junge Frau. Was tun, wenn man an der Bushaltestelle belästigt wird? Kommen jetzt Drogen und Gewalt? Asylbewerber setzen viele hier mit Kriminellen gleich, so einfach ist das. Der Meißner Revierchef Hanjo Protze hält mit seinen Erfahrungen dagegen. Drei bis vier Einsätze führen seine Kollegen im Jahr, die aber nur zu den großen Heimen in Weinböhla und Radebeul. Straftäter unter den Asylbewerber seien sehr selten. Er sagt aber auch, dass man sehen müsse, wie sich die Lage mit 1000 zusätzlichen Asylbewerbern kontrollieren lasse. Nachts seien im gesamten Revier nur sechs Funkstreifenwagen verfügbar.

Die Ablehnung bleibt. Einer rät, die Asylbewerber spüren zu lassen, dass sie nicht willkommen sind. "Aber ich möchte ausdrücklich nicht zur Gewalt aufrufen", sagt er. Als ob das eine ohne das andere ginge. In einer mutigen Rede findet der Neusörnewitzer Unternehmer Andreas Mischalke darauf die richtige Antwort. "Wenn wir ihnen ablehnend gegenüber stehen, haben wir nichts gewonnen. Wir müssen ihnen eine Chance geben, wir wissen doch gar nicht, wer da kommt", sagt er. Zumindest diese Wahl haben die Neusörnewitzer.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.02.2015

Uwe Hofmann

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