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Landesbühnentage in Radebeul mit Memminger Heavy-Metal-Oper "Kanaan" beendet

Landesbühnentage in Radebeul mit Memminger Heavy-Metal-Oper "Kanaan" beendet

Der Abschluss hatte es in sich: "Kanaan - die Geschichte Abrahams" war als Heavy-Metal-Oper vom Landestheater Schwaben angekündigt. Das klingt spannend und hatte zudem den Vorteil, dass die Memminger nicht mit ihrer neuen Hitlerei-Performance "Ich bin wieder da" (Timur Vermes) kamen, was wohl nicht so recht zum Radebeuler Oberthema "Treffpunkt Familie", mit der sie die 16. Deutschen Landesbühnentheatertage beschlossen, gepasst hätte.

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Große Bilder mit viel Rauch und etwas Leerlauf: Das Landestheater Schwaben brachte aus Memmingen eine biblisch-modernen "Kanaan" mit.

Quelle: Karl Forster

Die Geschichte Abrahams schon eher - und das eigentlich sogar für alle Gläubigen drei großer Weltreligionen, denn Abraham zeugte sowohl Isaak als auch Ismael - mehr über diese Urväter in diversen Rollen oder Testamenten. Doch hier, bei Walter Weyers fünfter Heavy-Metal-Oper, für die sich der Intendant die musikalische Mitarbeit des Leadsängers Kobi Farhi und dessen israelischer Band Orphaned Land, die auch bei Palästinensern punktet, sicherte, ist Abraham mit Julian Ricker ein eher finsterer Typ und schlechter Vater.

Außerdem ist er einerseits ein geiler Bock, aber andererseits enorm gottesfürchtig und weitestgehend empathiefrei. So schwängert er, nachdem er seiner Frau, der blonden und stets barbusigen Sara (Michaela Fent in Gelb) trotz allen Bemühens keinen Sohn bescheren kann, auf deren Anraten die schöne ägyptische Sklavin Hagar (Barbara Weiß), um sich fortzupflanzen. Aber nur "wie eine Hündin", also von hinten. Nun greift Gott dreimal in die Story ein: Auch Sara schenkt Abraham plötzlich einen Sohn, woraufhin dessen älterer Halbbruder Ismael (Christian Müller) plus Mutter böse verstoßen werden - in biblischen Zeiten immer in die Wüste. Jahre später testet Gott seinen Adepten erneut: Er soll seinen Sohn Isaak (Jan Arne Looss) brandopfern, was dann doch zu viel des keuchen Guten ist, woraufhin dieser trotz väterlichem Kehlenschnitt gerettet wird, so dass plötzlich - Jahre später - beide Söhne gemeinsam ihren Vater begraben können, um sich danach als zu ungleich für wahre Brüderlichkeit zu erkennen. Nur deshalb kamen Kreuzzüge übers Morgenland und die Ismaelisierung des Abendlandes überhaupt zustande, so die Botschaft.

Regisseur Walter Weyers setzt in elf Szenen und elf Songs auf Lautstärke und große Bilder, dazwischen wird recht hölzern gesprochen und getanzt, plus einigem Leerlauf. Neben viel Show und eingespielter Musik verstört auch, dass das nicht benötigte Personal als steife Staffage im Bild verharren muss, am bequemsten hinten, auf einer riesigen weißen Hand Gottes. Darüber thront eine Art leuchtendes Insekt, vielleicht Heuschrecke, vielleicht Malariamücke. Sängerisch wie spielerisch überzeugt vor allem die ägyptische Seite, also Barbara Weiß und Christian Müller. Allein letzterer ist mit solcherart Stimmkraft gesegnet, dass er auch beim Sprechen kein Microport braucht. Schön auch das Duett zwischen den Rivalinnen, genannt "Struggle".

Erstaunlich viele junge Leute, die das Werk begeistert beklatschten, waren unter den rund 150 Zuschauern. Und sie bekamen kurz vor Schluss noch eine Einlage geboten: ein echter Feueralarm mit allem drum und dran (außer Feuer). Dennoch musste das Theater schnell geräumt werden, Intendant Manuel Schöbel nahm dem Publikum sofort die Ängste: Es gehe gleich weiter, es sei sicher nur ein Fehlalarm. Er sollte recht behalten, es war nur ein wenig zu viel Nebel im gelobten Land. Trotzdem mussten alle raus, für ein Viertelstündchen in den Regen.

Kurz vor der Pause, als Hagar das Zedernfeuer besang, das dann auch echt in den beiden Portalen auf der Bühne loderte, blieben die Alarmsensoren ruhig, denn die Bühnentechniker hatten sich darauf eingerichtet. Nun war offenbar hinter der Bühne eine Tür offen geblieben und ein Rauchmelder im Hinterhaus hatte angeschlagen. Sowohl Hauspersonal wie auch Publikum und Feuerwehr bestanden die Durchlauffeuerprobe des Ernstfalles, so gab es kurz vor der nächsten Premiere am Ostersonnabend - passenderweise "Das Feuerwerk".

Die acht Künstler, auf der Bühne zumeist halbnackt, warteten derweil unter dem Fahrradunterstand und setzten nach der Entwarnung tapfer die fehlenden zehn Minuten fort, der Beifall war umso herzlicher. Nun gehen sie damit auf Tour, so zu den Bayrischen Theatertagen in Bamberg, nach Israel ins Mara-Theater und ins Stuttgarter Theaterhaus. Die dortigen Haustechniker dürften, so sie richtig lesen, nun gewarnt sein.

Ebenso positiv Schöbels Bilanz der ersten Landesbühnentage in Radebeul, insgesamt die dritten im Osten: "Wir haben es geschafft, dass sich trotz des gestreckten Zeitraumes etliche Ensembles trafen, allein zur Eröffnung waren acht Intendanten da." Es war sein erstes Festival als Landesbühnenintendant, aber in seiner Berliner Zeit am Carrousel-Theater hatte er aller zwei Jahre ein großes Festival vor der Brust. Nun sei es aber insgesamt erstaunlich, wie sich die Landesbühnen und ihr Publikum neuen Formen öffnen, verstaubte Klassiker sind nur noch selten im Repertoire. Persönlich fand er die Hofer Inszenierung der Glass-Oper "Der Untergang des Hauses Usher" richtig gut, auch die Umweltvision "Der Ende des Regens" vom Rheinischen Landestheaters Neuss sei sehr gelungen. "Aber am schönsten für uns Radebeuler ist, dass wir uns nicht zu verstecken brauchen - im Gegenteil, wir halten gut mit und setzen Akzente."

Und was könnte man am Konzept verbessern? "Wir hätten schon gern am Wochenende noch mehr die Häuser in Freital, Meißen und Großenhain mit größeren Produktionen unserer Gäste bespielt. Aber das ist schwierig, denn diese werden ja zu Hause auch gebraucht." Im Juni treffen sich alle 23 Landesbühnenchefs im Rahmen der Intendantenrunde des Bühnenvereines zur Auswertung, bis dahin sammle er die Eindrücke und Ideen für die nächsten Gastgeber, um den Festival- und Werkschau-Charakter weiter zu stärken, versichert Schöbel.

Insgesamt 3660 Zuschauer kamen zu dieser 16. Edition, davon 1110 zu den Veranstaltungen außerhalb des Haupthauses. Auch eine erste Umfrage zur Nutzung des VVO-Kombitickets, das für Dresdner dank der Tarifzonengrenze besonders attraktiv ist, fiel mit rund zehn Prozent positiv aus. Das lässt Spielraum für Verhandlungen, gerade beim Aktionsradius der Landesbühnen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.04.2015

Andreas Herrmann

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