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Kulturbürger am Abgrund - Jörg Bernig las in Radebeul aus seinem neuen Roman "Anders"

Kulturbürger am Abgrund - Jörg Bernig las in Radebeul aus seinem neuen Roman "Anders"

In Radebeul, wo er lebt, im Gemeindesaal der evangelischen Lutherkirche, hat Jörg Bernig, Jahrgang 1964, jetzt erstmals einige Stellen aus seinem neuen Roman "Anders" vorgetragen.

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Quelle: Buch

Es ist ein sehr ernstes, ja düsteres Buch. Hier erhebt ein Schriftsteller warnend die Stimme. Am Ende lässt er den Freund seiner Hauptfigur bitter resümieren: "Wir glauben, in einem freien Land zu leben. Aber die Membran zur ideologischen Sonderbehandlung ist nur ganz dünn und schnell durchstoßen. Ständig kommt einer daher und maßt sich an, uns vorzugeben, wie wir zu denken und wie wir zu sprechen haben. Oder besser, was nicht erlaubt ist zu sagen." Was in diesem Buch geschildert wird, nennt dieser Freund - mit einem Seitenblick auf einen Romantitel von Gabriel Garcia Marquez - "Chronik einer angekündigten Erledigung".

Die geschieht einem Mann, Peter Anders, 47 Jahre alt, Geschichtslehrer am Gymnasium einer ländlich geprägten Vorstadt, die in vielem an Radebeul erinnert. Seine Frau Susanne arbeitet in einer Bank, vergibt dort Kredite an Handwerker und Mittelständler. Das Ganze spielt vor dem Hintergrund der Finanzkrise, die mit dem Zusammenbruch der US-amerikanischen Großbank Lehmann Brothers 2008 begann. Susanne erlebt das als einen unerklärlichen, bedrohlichen Vorgang. Geldwerte werden plötzlich wertlos - "es war ein Loch in der Wirklichkeit".

Hinzu kommt bei den beiden die schwierige Phase der Neuorientierung im Privatleben. Sohn und Tochter sind erwachsen, leben woanders. Die Beziehung bekommt Risse. Einmal hat Susanne eine Affäre mit einem Kollegen. Noch läuft der Alltag, aber - diese beunruhigende Erkenntnis nimmt man aus dem Buch mit - von einem Tag auf den anderen kann sich alles ändern.

Diesen Peter Anders, dem das passiert, gestaltet der Autor am genauesten. Als einen Lehrer, der spürt, dass sich untergründig etwas Bedrohliches an seiner Schule zusammenbraut. Stärkere schikanieren Schwächere - doch niemand unternimmt etwas. Bequemlichkeit im Lernen breitet sich aus. Er will etwas unternehmen dagegen; Anstrengung will er mit guten Noten honorieren, "Wille und Haltung" sollen zählen. Damit macht er sich unter seinen Kollegen keine Freunde, wird als "Saubermann" abgestempelt, gemieden.

Auch in seiner Kleinstadt sieht er zerstörerische Kräfte walten: Der Respekt vor dem Anderen schwindet. Aber es gibt keine Gegenkraft. Das Bürgertum ist weithin zum "Einkommensbürgertum" verkommen. Es sind diese alarmierenden Zeitsymptome, die dem Buch Gewicht verleihen: Die Kultur des Zusammenlebens droht zu erodieren. Peter Anders will sich nicht abfinden, gründet eine unabhängige "Stadtbürgerliste" und kandidiert für die Kommunalwahl. Das ruft Gegner auf den Plan. Eine Bewegung, die der Autor "Initiative für Soziale Befreiung" (ISB) nennt. Linksradikale Klassenkampfparolen mischen sich dort mit rechtsextremer Ausländerfeindlichkeit.

Mit denen, so viel sei verraten, hat auch die Anschuldigung zu tun, die gegen Peter Anders erhoben wird: Er soll die Schülerin einer 8. Klasse "sexuell belästigt" haben, wie deren Eltern in einem Brief an den Schulleiter schreiben. Etwas, was sie nicht beweisen müssen. Gängige Rechtsnormen werden verdreht: Der Angeklagte muss nachweisen, dass er etwas nicht getan hat. Ein moralisches Attentat also, bei dem sich mit geringstem Aufwand größtmögliche Wirkung erzielen lässt.

Der Autor schildert auf bedrängende, psychologisch genaue Weise die Folgen - die Zerstörung einer Existenz. Es ist ein Abwärtsstrudel, in den schließlich auch seine Frau gerissen wird. Erzählt ist das in präziser, schöner, bildkräftiger Sprache. Eingebettet ist die Handlung in Landschaft und Natur, die ausführlich beschrieben werden, auch als ein Refugium des Geheimnisvollen. Das erinnert einen an Adalbert Stifter. Allerdings geht die Schilderung an manchen Stellen tüchtig in die Breite. Dadurch wirkt das Buch in der ersten Hälfte behäbig. Aber dann steigert sich die Dramatik, gibt es überraschende Wendungen.

Jörg Bernig: Anders. Mitteldeutscher Verlag. 408 S., 19,95 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.11.2014

Tomas Gärtner

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