Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 6 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
In "Sachsens heimlicher Hauptstadt"

In "Sachsens heimlicher Hauptstadt"

Es könnte vorkommen, dies zur Warnung aller Geschichtsmuffel unter unseren jüngeren Lesern, dass im Fach Geschichte folgende Aufgabe gestellt wird: Beschreibe die historische Rolle Friedrich des Streitbaren! Das schreibt sich nicht leicht hin, erst recht nicht, wenn einem Friedrich der Streitbare zur Gänze unbekannt ist, zumal das Leben mit kurzweiligeren Versuchungen lockt, etwa Public Viewing oder einem Konzert von Linkin Park.

Voriger Artikel
Talsperre Klingenberg wird 100
Nächster Artikel
Hinsche-Gedenktafel im Hüttertal: Erinnerung an den in Radeberg geborenen Trapper

Durch diese "hohle Gasse", die Burgstraße, kämpft sich das Gros der Touristen nach oben Richtung Dom und Schloss Albrechtsburg.

Quelle: "Meißen"

Natürlich könnte der Schüler sagen: Ich kann nichts dafür, dass ich den Typen nicht kenne, daran ist die flotte Kirsche Samantha schuld oder Papa oder die böse, weil kapitalistische Gesellschaft. Zumindest der nicht ganz so simpel gestrickte Schüler aber schreibt: "Friedrich der Streitbare war ein berüchtigter Störer des Friedens im Land, er suchte - nomen es omen - Streit, wo immer er konnte; wer ihn kannte, suchte das Weite." Für den Lehrer ist das jetzt nicht leicht. Einerseits müsste er wegen des unbestreitbaren Mangels an Detailwissen eine Sechs geben, andererseits wird Leben und Wirken Friedrichs in diesen knappen Sätzen aufs Trefflichste zusammengefasst.

Begraben ist Friedrich der Streitbare im Meißner Dom wie so manch anderer Wettiner. Und der olle Stinkstiefel Friedrich wird auch von Rolf Schneider in seinem Buch über Meißen - natürlich - nicht außen vor gelassen. Das Werk trägt den Untertitel "Sachsens heimliche Hauptstadt", was ziemlich hochtrabend ist, deutlich weniger gerechtfertigt als der Titel "Deutschlands heimliche Hauptstadt", den sich München in den 1970er und 1980er Jahren gab. Meißen mag die Keimzelle Sachsens sein, eine über tausendjährige Geschichte haben, aber Sachsens heimliche Hauptstadt? Nun gut, Schneider, geboren 1938 in Chemnitz und Autor zahlreicher Romane, Bühnenstücke und Sachbücher, hat ein Faible für flott-unorthodoxe Formulierungen. So wird Albrecht der Beherzte, der Begründer der albertinischen Linie der Wettiner, als "eine Art Warlord" bezeichnet, bloß weil der seit 1488 fast pausenlos mit eigenen Truppen im Dienst der Habsburger stand und sich vor allem in den Niederlanden (Kaiser Friedrich III. hatte ihn zum Generalstatthalter dort ernannt), aber auch in Friesland engagierte.

Albrecht dem Beherzten, Namensgeber der Burg, wurde 1876 ein Denkmal errichtet. Es stand auf dem Schlosshof - (eigentlich meint Schneider wohl den Domplatz) - und wurde in der DDR abgerissen und eingeschmolzen. "Darf man den existierenden Fotoaufnahmen glauben, ist der kunsthistorische Verlust zu verschmerzen", beteuert Schneider. Das kann man anders sehen, aber gut. Regelrecht unpassend ist die Bemerkung, dass in Böhmen, wo die Elbe entspringt, "damals selbstverständlich tschechisch gesprochen wurde". Nun ja, da hat der Autor offensichtlich verdrängt, dass in diversen Gebieten Böhmens bis 1945 überwiegend deutsch gesprochen wurde, auch etwa in Spindlermühle im Riesengebirge, wo die Elbe entspringt.

Aber das Buch hat auch deutlich nachvollziehbarere Erkenntnisse zu bieten. So weist Schneider darauf hin, dass das vermutlich älteste erhaltene Baudenkmal auf Meißens Burgberg die Schlossbrücke ist. Errichtet aus Granit- und Sandsteinquadern, hat sie zwei wuchtige Bögen, die auf einem Mittelpfeiler ruhen; als Entstehungszeit gelten die Jahre 1221 bis 1228. In die westliche Zinnmauer eingefügt ist, wie Schneider zudem wissen lässt, ein heute stark verwitterter Wappenstein, der einen Helm mit Federbusch zeigt. Die Albrechtsburg ist das Ergebnis einer steten Abfolge aus Um-, An- und Neubauten über 800 Jahre hinweg. Der Rote Turm des hochmittelalterlichen Schlosses hat die Zeiten allerdings nicht überdauert, findet sich nur noch im Meißner Stadtwappen, wie Schneider nicht zu erwähnen vergisst

Es geht in dem Werk nicht nur um die Herrscher, sondern auch die Literaten, die vorbeikamen. Goethe etwa, der im April 1813 in einem Brief an seine Frau Christiane wissen lässt, dass der Dom äußerlich nichts Anziehendes habe, das Innere aber in höchsten Tönen lobt. Interessanter sind die Ausführungen Schneiders über Louise Otto, die in Meißen geboren wurde und für ein Sängerfest, das 1844 in Meißen stattfand, u.a. dichtete: "Hier singt auch Ihr im Tempel der Germanen / Dem heiligen Vermächtnis unsrer Ahnen..." Fürwahr keine große Dichtkunst, aber auch nicht peinlicher als so manche erlebnisentkernte Bachmannpreis-Prosa, die angeblich so toll sein soll, aber nur ein Nischenpublikum findet. Um auf den Dom zurückzukommen: Schneider bescheinigt dem Lächeln der Adelheid-Figur im Dom eine Ähnlichkeit mit dem freundlichen Grinsen der Reglindis im Naumburger Dom. Die Skulpturen in den Domen von Meißen und Naumburg entstammen laut Schneider derselben Werkstatt. Aber man spricht - so kann's gehen - vom "Naumburger Meister"; und während Uta & Co Kultstatus besitzen, genießen die Plastiken im Meißner Dom nicht mal ansatzweise vergleichbare Popularität.

Dankenswerterweise geht es in dem handlichen Büchlein Schneiders in punkto Technikgeschichte mal nicht lediglich um die Nacherfindung des Porzellans durch Böttger und Tschirnhaus sowie die Meissner Manufaktur, sondern auch um die Klaviere der Firma Thürmer. Erinnert wird nicht zuletzt auch an die Teicherts. Sie waren es, die in ihrem Hauptgeschäft, den Kacheln, mit allerlei Dekoren experimentierten, und letztlich waren sie es auch, die das Zwiebelmuster populär machten. Den Reben und dem Weinhaus Vincenz Richter ist ein Kapitel gewidmet, ein anderes der Fürstenschule. Hübsch ist ab und an der ironische Unterton, etwa wenn Schneider die Restaurierung der Albrechtsburg zu DDR-Zeiten mit der Bemerkung kommentiert, die DDR sei "nicht unempfänglich" gewesen für "Historienkitsch, da sie selbst welchen lieferte". Aber letztlich ist es oft eine Frage der Betrachtung: Für Schneider "lümmeln" Jugendliche am Heinrichsbrunnen, die Jugend selbst würde da eher von "chillen" (abhängen) sprechen. Auch ein Pluspunkt dieses essayistischen Rundgangs durch Geschichte und Gegenwart Meißens: Der Band ist reich illustriert, sowohl mit Reproduktionen historischer Stiche, Gemälde, Fotos usw. als auch aktuellen Fotografien von Therese Schneider.

Rolf Schneider: Meißen. Sachsens heimliche Hauptstadt. be.bra Verlag, 80 S., 9,95 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.07.2014

Christian Ruf

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Region News

Ob zur Entspannung, in der Mittagspause oder zum Spaß mit Freunden. Auf unserer Spieleseite können Sie wählen zwischen Denksport-, Geschicklichkeits-, Such- und Sportspiele. Jetzt gratis spielen im Spieleportal von DNN.de! mehr