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Im Tal des Schweigens: Spurensuche in Freital

Vor Ort Im Tal des Schweigens: Spurensuche in Freital

„Ich bin ein Freitaler“ – das vor Jahren kundgetan, hätte kaum einen interessiert. Jetzt ausgesprochen, bekomme ich erstaunliche Reaktionen zu hören: „Nicht möglich“, „Wie denn das?“, sogar „Du Armer“. Freital, die Große Kreisstadt mit rund 40 000 Einwohnern unweit von Dresden, ist berühmt-berüchtigt geworden.

Quelle: dpa

Freital. „Ich bin ein Freitaler“ – das vor Jahren kundgetan, hätte kaum einen interessiert. Jetzt ausgesprochen, bekomme ich erstaunliche Reaktionen zu hören: „Nicht möglich“, „Wie denn das?“, sogar „Du Armer“. Freital, die Große Kreisstadt mit rund 40 000 Einwohnern unweit von Dresden, ist berühmt-berüchtigt geworden. Ein Stadtname wird verbunden mit einem rechtsradikalen Mob gegen Flüchtlinge, der darin gipfelte, dass in aller Herrgottsfrühe des 19. Aprils die Anti-Terror-Truppe GSG 9 anrückte, um vier Männer und eine Frau als Mitglieder der Bürgerwehr „Freital“ festzunehmen. Der Staat griff zu, man verdächtigt die Verhafteten, Sprengstoffanschläge auf Asylunterkünfte und auf Wohnobjekte von politisch Andersdenkenden verübt zu haben beziehungsweise zu planen. Schon 2015 war Freital in aller Munde, als gegen die Einquartierung von Asylbewerbern ins Hotel „Leonardo“ heftig Front gemacht wurde.

Das Edelstahlwerk überlebte

Mein Freital? Ein bisschen Nostalgie muss sein. 1949 geboren kurz vor Gründung der DDR. Die Kindheit war schön und behütet. Auf der Rudeltstraße auf dem Raschelberg, einer bebauten Anhöhe gegenüber dem die Stadt dominierenden Windberg (353 Meter), konnten wir Fußballspielen. Kaum eine Auto kam, allenfalls der „Abschnittsbevollmächtigte“, dem unser Herumtollen nicht gefiel. Volkspolizist Wenzel auszutricksen, gehörte zum Kinderspaß. Zehn Minuten zu Fuß und man war im „Tal der Arbeit“, wie Freital verallgemeinernd genannt wurde. Hier gab es ja auch Tausende von Arbeitsplätzen, allein 5000 im Edelstahlwerk „8. Mai 1945“, dem einzigen Edelstahlproduzenten der DDR. Nach dem Krieg von der Sowjetunion als Teil der NS-Rüstungsschmiede komplett demontiert, begann 1947 der Wiederaufbau zu einem bedeutenden Industriestandort, der nach 1990 schon wieder einen grundlegenden Wandel über sich ergehen lassen musste. Das Edelstahlwerk überlebte, heute haben hier 700 Menschen Arbeit.

Freital ist ein schöner Name. Den gibt es erst seit 1921. Da wurden die Gemeinden Deuben, Döhlen und Potschappel zu einer Stadt vereint. Um deren Namen wurde gestritten, man wollte sie Windbergen, Dreistadt oder Weißeritz nennen. Schließlich folgte man dem Vorschlag des Stadtrats Julius Hermann Henker von der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD). Der Name Freital nimmt Bezug auf die geografische Lage. Im bis 1964 eigenständigen und heutigen Stadtteil Hainsberg fließen die Rote und die Wilde Weißeritz zusammen und nehmen vereint ihren Lauf durch ein breites Tal, bevor sich der Fluss durch den Plauenschen Grund Richtung Elbe auf den Weg macht.

Fast neun Kilometer lang ist die Stadt, die sich zu beiden Seiten der Weißeritz entwickelte und sich in den vergangenen Jahren einschneidend verändert hat. Häuser und vor allem Industrieanwesen wurden abgerissen. Vom einst traditionsreichen Handel künden an der Dresdner Straße, der Magistrale, nur noch verblasste Inschriften, so die der Spielzeug- und Papierwarenhandlung Oskar Hänel. Wie groß war die Freude, konnte man hier zu DDR-Zeiten vor Weihnachten einen Räuchermann erwerben oder als ebensolche Bückware ein gefragtes Buch. Freital wird nun quasi aus der Not heraus mehr und mehr zur Stadt im Grünen. Private Investoren fehlen. Abriss wurde EU-gefördert, ebenso das neue Technologiezentrum, das aber noch immer einer sich lohnenden Vermietung harrt. Wo einst das Kulturhaus der Edelstahlwerker stand, ist längst nur noch Wiese. Der freie Blick zum Windberg hat was.

Und die Menschen? Sie trifft man im Einkaufszentrum Weißeritzpark. Es entstand in einer ehemaligen Spinnerei. Hier ist immer was los. In der Stadt, die seit jeher kein Zentrum hat, eher nicht. Beim Imbiss sagt mein Gegenüber: „Mensch, Mayer …“ Ich denke mir: „Den kennst du …“ Hannes Peukert, Malermeister, 65, sichtlich gut im Leben stehend: „Weißt du noch, wir in einer Fußballmannschaft, deine Tore …“ Balsam für die Seele. Über das heutige Freital-Problem will Hannes nichts sagen. Wie so mancher im „Tal des Schweigens“, verabredete Gespräche mit guten Bekannten finden nicht statt. Der altgediente Kneiper sagt, ohne genannt werden zu wollen: „Spezialtruppe gegen Böller im Küchenschrank?“ Auf dem Raschelberg, wo in den 1950er-Jahren eine Siedlung für die Stahlwerker entstand, sind die Ureinwohner alt geworden. „Jeder baut eine Mauer um sich rum“, sagt meine Schwiegermutter, auch schon 92 Jahre alt.

Morddrohungen am Telefon

Mit diesem Satz konfrontierte ich eine Frau, die ausspricht, was sie denkt. „Es gibt keinen Aufstand der Anständigen in Freital“, sagt Steffi Brachtel, 1975 in Freital geboren, heute eine Stimme der Organisation für Weltoffenheit und Toleranz. Die Initiative hat nur zwölf Mitglieder und wohl kaum mehr Sympathisanten. Sie wehren sich gegen den Terror made in Freital, helfen Flüchtlingen bei der Bewältigung des Alltags und stiften an für Aktionen gegen Rechts. Ungefährlich ist das nicht. Steffi Brachtel wurde schon mal aufgelauert und ihr Hausbriefkasten im Plattenbau in die Luft gejagt. Ihren Mitstreitern erging es ebenso. Die Bündnis-Grüne Stadträtin Ines Kummer erhielt per Telefon Morddrohungen, ihrem Kollegen Michael Richter von den Linken wurde das Auto abgefackelt. Kommenden Montag wird dank einer Initiative des genannten Häufleins der Aufrechten und des Hamburger Bündnisses „Laut gegen Nazis“ ein sicht- und hörbares Zeichen gesetzt. Auf dem Platz des Friedens gibt es eine Demokratiemeile, Reden und Musik, unter anderem mit Vertretern der Linken, mit Banda-Internationale und Smudo von den Fantastischen Vier. Einer der Moderatoren der Show ist Brachtels 16-jähriger Sohn Nico. Ob dann auch Vertreter der Stadtverwaltung zugegen sind, kann Brachtel nicht sagen. Die GSG 9-Aktion hatte Oberbürgermeister Uwe Rumberg (CDU) positiv beurteilt und weiter erklärt: „In unserer Stadt ist kein Platz für extremistische Straftäter.“

Noch ein Rede-Treff. Wolfgang Petrovsky ist Bild-Künstler, wurde 1947 im heutigen Stadteil Hainsberg geboren und ist seit 1980 freischaffend. Dass der Freitaler Kunstverein mit Sitz im historischen Einnehmerhaus über viele Jahre so erfolgreich wirkt, ist vor allem sein Verdienst. Der Maler zeigt sich „tief besorgt“. Künstlerkollegen selbst aus Österreich rufen ihn an: „Was ist denn bei dir los?“ Die aktuelle Stimmung in seiner Stadt beschreibt Petrovsky so: „Erst gab es ein großes Erschrecken, und nun gibt es eine Schockstarre.“ Der Künstler wird nicht laut werden. Er sei für die Kammertöne zuständig und spiele nicht die Trommel. Initiativen von Mensch zu Mensch sind seins, ob nun hier in Freital oder seit 1980 in Bitterfeld, wo er im Verein Kunst vermittelt. Wenn nun ein Freitaler Gärtnereibesitzer Freundschaft mit zwei Eritreern schloss und die regelmäßig ins Fitness-Studio einlädt, freut das Petrovsky. Mit Flüchtlingskindern zu malen, hat er vor.

Auch das ist Freital. Nur müsste es viel mehr davon geben. Diese Stadt braucht ein neues Image und ihre Bürger neuen Mut für Menschlichkeit. Gerade mit Blick auf die 100-Jahrfeier 2021. Als die Stadt 50 wurde, kam die „Freitaler Kantate“, ein Lobgesang auf die damalige Zeit des Freitaler Komponisten Eckehard Mayer, zur Aufführung. Was derzeit hier gespielt wird, ist ein Drama.

Thomas Meyer

* Unser Autor war von 1991 bis 2012 Chefreporter der Leipziger Volkszeitung

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