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Im Müglitztal steppt der Kuchen-Bär

Im Müglitztal steppt der Kuchen-Bär

Arbeitsplätze entstehen nicht aus dem Nichts: Hinter ihnen stehen unternehmerische Weichenstellungen, die mitentscheiden, ob die Sachsen Lohn und Brot haben.

Besondere Erfolgsgeschichten würdigen die "Dresdner Neuesten Nachrichten" mit dem DNN-Wirtschaftspreis "So geht's aufwärts". In diesem Jahr hat eine Jury aus Vertretern der DNN, des sächsischen Wirtschaftsministeriums, der Ostsächsischen Sparkasse, der Industrie- und Handelskammer sowie der Handwerkskammer Dresden zehn solcher Unternehmen, die auf die eine oder andere Art herausragen, nominiert. Darunter ist auch die Backmühle Bärenhecke im Müglitztal.

Es fängt gut an im Chefbüro, zwei Mühlen-Etagen über der rauschenden Müglitz: "Obermüller" Gerald Seifert lässt einen Original-Bärenhecke-Kaffee in die Porzellantasse rinnen. "Aus unserem frischen Quellwasser gemacht - schmecken Sie's?!" Ohne eine Antwort abzuwarten, schiebt der Genossenschaftsvorstand einen prallgefüllten Teller mit Eierschecken, Obsttörtchen und allerlei Kuchenneukreationen hinterher: "Kosten Sie!" Wer lässt sich das schon zweimal sagen?

Während Seifert beschäftigt ist, blättere ich zwischen zwei Bissen in einer Festschrift herum. Die Geschichte beginnt vor etwa 600 Jahren mit einem - anonym gebliebenen - Bären. Der lungerte in einem Müglitzbogen oberhalb von Glashütte herum und gab der kleinen Ortschaft, die während des erzgebirgischen Silberfiebers gerade mal aus einer "Wassermule, zwei Köhlern und drei Inwohnern" bestand, den Namen: "Bärenhecke".

Irgendwann indes waren die Silberadern leergehämmert, es folgten Missernten, später wirtschaftliche Probleme durch frühneuzeitliche Globalisierung und Industrialisierung. Im August 1898 ergriffen 26 Müglitztal-Bauern die Initiative und gründeten eine Genossenschaft, um die verfallene Wassermühle Bärenhecke aufzumöbeln, damit sie ihr Korn künftig selbst mahlen und verbacken konnten. Der Beginn einer Erfolgsgeschichte: Selbst zu DDR-Zeiten hielt die Genossenschaft allem Verstaatlichungsdruck stand, nach der Wende positionierte sie sich als "Mühle und Bäckerei Bärenhecke eG" neu.

Seitdem sorgt die - laut eigenen Angaben - deutschlandweit einzigartige Kombination aus Mühle, Bäckerei und Café-Betrieb dafür, dass Touristenbusse nicht nur vor der Semperoper und Frauenkirche in Dresden herumlungern, sondern naschfreudige Reisende regelmäßig auch im Müglitztal abladen. Während dieses historischen Exkurses hat sich der Kuchenteller auf dem Tisch gelichtet und Seifert endlich gesetzt - mit sorgenvoll gerunzelter Stirn. "Diese Hitze ist Gift für uns", weist der Daumen des Chefs durchs Fenster auf die Café-Terrasse unten, auf der sich bei 35 Grad im Schatten gerade mal vier Hanseln verirrt haben. Aber er hat schon gegengesteuert: Die Bärenhecke hat Eis ins Café-Sortiment aufgenommen, Eigenkreationen wie kühle "Obsttorten im Glas", außerdem einen "Bärencino" für die Jugend - de facto ein mit Bärensiegel versehener "Café frappé", ein eigentlich in Griechenland "erfundenes" kaltes Kaffee-Trendgetränk für heiße Sommertage. Aber gut: Auf die Idee muss man als Bäcker erst mal kommen.

Gerade dies ist eben auch so ein Markenzeichen von Seifert und Kollegen. "Ihm gehen die neuen Ideen wirklich nie aus", schätzt die Ostsächsische Sparkasse Dresden ein. In der Bäckereimühle gebe es laufend neue Produkte. Seiferts Kernbotschaft, die er dabei nicht müde wird, sachsenweit zu verkünden: "Leute, gebt Euch nicht mit Tiefkühlbrötchen zufrieden, richtig tolles Brot und schmackhafter Kuchen wird von Hand gemacht, ohne Konservierungsstoffe!" Okay, das lässt sich empirisch überprüfen - dieser Schmandkuchen da sieht auch recht verlockend aus. "Ja", sagt Seifert, "Schmandkuchen und Eierschecke gehören zu unseren A-Produkten - die gehen immer." Damit die auch so schmecken, wie sie sollen, schwören die Bärenhecke-Macher auf besagte Handarbeit und regionale Zutaten: Das Mehl wird selbst gemahlen, das Wasser kommt aus einer eigenen Quelle, künstliche Aromen oder Haltbarmacher duldet Seifert schon gar nicht. Dieser Purismus hat freilich seine Kehrseite:

Zum einen ist und bleibt echte Bäckerware teurer als Brot und Brötchen aus den Großmarkt-Backstationen, die nur importierte Teiglinge aufheizen. Und: Verkaufte die Bärenhecke vor Jahren auch abgepacktes Brot in Supermärkten, gibt es die Backwaren aus dem Müglitztal inzwischen nur noch in den 25 Präsenzfilialen der Genossenschaft im Erzgebirge und im Raum Dresden. Denn ohne Konservierungsstoffe bleiben Bäckerbrötchen nur wenige Stunden frisch. Wer sich über das Argument "Qualität" verkauft, kann dann eben nicht unbegrenzt in die Fläche expandieren.

Dennoch ist die Bärenhecke in den vergangenen Jahren bemerkenswert gewachsen: Die Mitarbeiterzahl ist auf - je nach Saison - durchschnittlich 130 gestiegen, der Umsatz auf etwa sechs Millionen Euro. Doch unbegrenztes Wachstum stehe ohnehin nicht im Mittelpunkt der Genossenschaft, betont Seifert: "Unser Motto ist Klasse statt Masse." Nachtrag: Der Kuchenteller ist jetzt fast leer.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.08.2013

Weckbrodt, Heiko

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