Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Google+
Igelhilfe funkt SOS – Aufnahmestopp in Radebeul

Freiwillige Igelhilfe funkt SOS – Aufnahmestopp in Radebeul

„26. September 2016: Aufnahmestopp. Wir haben heute den 219. Igel in diesem Jahr aufgenommen. Zur Zeit geht hier nix mehr. Erst wenn wieder Igel ausziehen oder auf Pflegestellen sind können wir neue aufnehmen. Dringend brauchen wir Leute in der Igelhilfe, die mit zupacken bei der Pflege.“ Die Igelhilfe in Radebeul funkt SOS.

Einer von vielen Schützlingen der Radebeuler Igelhilfe.

Quelle: Catrin Steinbach

Radebeul. „26. September 2016: Aufnahmestopp. Wir haben heute den 219. Igel in diesem Jahr aufgenommen. Zur Zeit geht hier nix mehr. Erst wenn wieder Igel ausziehen oder auf Pflegestellen sind, können wir neue aufnehmen. Dringend brauchen wir Leute…, die mit zupacken bei der Pflege.“ Die Igelretter in Radebeul rufen um Hilfe.

Die Tiere, die in die Pflegestation gebracht werden, sind verletzt, verwaist, dehydriert, unterernährt, krank oder einfach noch zu klein, um den bevorstehenden Winter zu überstehen. Etwa hundert Vierbeiner leben gegenwärtig bei der Igelhilfe am Steinbergweg zwischen Lindenau und Friedewald, werden hier gesund gepflegt und aufgepäppelt. Die ganz kleinen mit Aufzuchtmilch. Die größeren mit Katzenfutter.

Denn dass Igel Obst und Nüsse fressen, ist ein Märchen. Auch normale Milch vertragen die Tiere nicht. Sie bekommen aufgrund des für Igel unverträglichen Milchzuckers Durchfall. In der Folge entstehen Darmentzündungen und Infektionen, an denen die Tiere sterben können. 

Sobald die stachligen Gesellen alleine klarkommen, kehren sie in die Freiheit zurück. „Wir wollen keine Kuscheltiere aus ihnen machen. Es sind Wildtiere, die wir nach Möglichkeit wieder dahin zurückbringen, wo sie gefunden wurden“, stellt Cornelia Schicke klar.

Dass es die Radebeuler Igelhilfe gibt, ist ihr Verdienst. Beruflich arbeitet sie als Erzieherin im Hort in Radebeul-Naundorf. Mit dem „Igelvirus infiziert“, wie sie selbst sagt, habe sie sich vor sieben Jahren. Damals fand sie in ihrem Garten einen kleinen Igel. 65 Gramm wog der Anfang September. „Er hätte keine Chance gehabt. Ende September müssen die Tiere 250 bis 300 Gramm, Ende Oktober mindestens 400 Gramm auf die Waage bringen, sonst wachen sie aus dem Winterschlaf nicht mehr auf.“

Sie wollte das Tier in Pflege geben. Doch sie fand niemanden, der es ihr abnahm. „Der Igelretter in Klotzsche, den mir der Tierarzt genannt hatte, war schon ausgebucht. Aber er gab mir Tipps, wie ich den Igel aufpäppeln kann und was ich alles beachten muss.“

Bei der Aufzucht des einen Igels blieb es nicht. Weil sie ja nun Erfahrung hatte, wurden aufgefundene, verletzte und kranke Stacheltiere zu ihr gebracht. Nein sagen war für Cornelia Schicke keine Option. So wuchs die Zahl der Pfleglinge Jahr für Jahr. 2015 waren es insgesamt 192, in diesem Jahr sind es Stand 28. September 222.

„110 Igel kamen allein in den zurückliegenden vier Wochen“, zählt Cornelia Schicke. Denn über jeden „Patienten“, seinen Fundtag und -ort, die Ernährung, Gewichtszunahme und die verabreichten Medikamente wird akribisch Buch geführt.Doch warum gibt es schon im Spätsommer so viele hilfsbedürftige Stacheltiere? „In diesem Jahr wurden sehr viele dehydrierte Igel abgegeben. Ich denke, dass das an dem trockenen Sommer lag. Zudem kommen zunehmend Igel mit Darmvorfällen, aber auch unterernährte Tiere. Offensichtlich gibt es nicht genug Insekten. Kein Wunder, wenn die ihrerseits keine Nahrung finden, weil in der Landwirtschaft Monokultur betrieben wird und in den Gärten Zierpflanzen angebaut werden, mit denen Insekten nichts anfangen können.“

Immer wieder werden Igel auch von Fahrzeugen angefahren oder durch Rasentrimmer verletzt. Und auf geschwächte Igel legen Fliegen Eier ab. In nur wenigen Stunden schlüpfen Maden, die sich in den Körper bohren. „Nicht jeden Igel können wir retten“, so Cornelia Schicke.

Sie hat sechs Mitstreiter, die mit ihr den Verein Igelhilfe Radebeul gründeten – als Teil der Arbeitsgruppe „Wildtiere in Not“ beim Naturschutzbund Dresden. Doch es sind zu wenige, um den immensen Arbeitsaufwand zu bewältigen.

„Zwei zum Beispiel arbeiten in Berlin, sind nur ab und an da. Aber sie tun, was sie können, kümmern sich um Finanzen und Internetauftritt“, so die Igelretterin. Vjera Knezevic lebt in Pirna, reist mit dem Zug nach Radebeul, um Cornelia Schicke auf dem eigens für die Igel gepachteten Wochenendgrundstück zwischen Lindenau und Friedewald zu helfen. Zudem hält sie Kontakt zu den Pflegefamilien u.a. in Freiberg und Chemnitz. Sie nehmen der Radebeulerin Igel ab. Aber das Gros der Tiere wird in Radebeul aufgepäppelt.

„Meist steht die Conny alleine hier. Ganz früh, vor dem Dienst und danach bis zum späten Abend. Sie arbeitet im Grenzbereich“, weiß Carmen Fritzsche. Die Informatikerin, die am Tharandter Wald wohnt, ist heute das dritte Mal bei der Igelhilfe Radebeul. „Das erste Mal habe ich vier ganz kleine Igelbabys abgegeben, weil ich Urlaub gebucht hatte. Dann bin ich nach einer Woche wieder hergekommen, um die Igel zu mir zu holen. Heute brauche ich ein paar Ratschläge und will auch Igelkinder zur Pflege mitnehmen. Denn die Conny hat SOS gefunkt.“ Carmen nutzt den Besuch, um gleich mit anzupacken. Wie die Floristin Anja Süße. Sie wohnt ebenfalls am Tharandter Wald, ist zum ersten Mal da und schrubbt im Akkord Igelkäfige.

Cornelia Schicke braucht dringend zuverlässige Helfer für die Igelpflege und Käfigreinigung in Lindenau. Zudem sucht der Verein Igelpaten, die Tiere in Pflege nehmen und sich jeden Tag um die Tiere kümmern können. Auch Spenden sind jederzeit willkommen.

Wie viel privates Geld allein sie schon in die Igelrettung investiert hat, will die Radebeulerin nicht sagen. In den Urlaub gefahren ist sie mit ihrem Mann aber schon ein paar Jahre nicht mehr. „Wir haben ausgerechnet, dass uns ein Igel bei einer Verweildauer zwischen sechs und acht Wochen etwa 100 Euro kostet – mit Futter, tierärztlichen Behandlungen und Medikamenten, Desinfektion, Heizungskosten, Wäsche, Müllentsorgung usw.“ Eine Spendenaktion eines Radiosenders brachte jetzt 750 Euro. Weitere Initiativen sind immer willkommen.

Von Catrin Steinbach

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Region News
Anzeige

Ob zur Entspannung, in der Mittagspause oder zum Spaß mit Freunden. Auf unserer Spieleseite können Sie wählen zwischen Denksport-, Geschicklichkeits-, Such- und Sportspiele. Jetzt gratis spielen im Spieleportal von DNN.de! mehr

Die Friedensburg gehört als fester Bestandteil zu Radebeul. Soll sie zukünftig wieder als Gaststätte genutzt werden? Und falls ja, wie genau? Sagen Sie uns Ihre Meinung und stimmen Sie ab! mehr