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Hans-Jürgen Schönborn wartet nach Fernsehauftritt im Kulturpalast 30 Jahre auf eine Flasche Wein

Hans-Jürgen Schönborn wartet nach Fernsehauftritt im Kulturpalast 30 Jahre auf eine Flasche Wein

Wein, der 30 Jahre auf Schloss Wackerbarth eingemauert blieb, ein Mathematiklehrer, der mit Chansonnier Gilbert Bécaud im Dresdner Kulturpalast beklatscht wird und eine leider ausgefallene Silvesterfeier auf dem Fernsehturm.

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Matthias Erler (l.) vom Stadtarchiv Radebeul und Hans-Jürgen Schönborn präsentieren die Urkunde, die 30 Jahre Wartezeit für einen auf Wackerbarth eingemauerten Wein bescheinigt.

Quelle: Uwe Hofmann

Das sind die Zutaten für eine wahnwitzige Geschichte, auf die der Radebeuler Stadtarchiv-Mitarbeiter Matthias Erler zufällig gestoßen ist.

Im Archiv an der Wasastraße ist man seit dem Umzug im Februar immer noch damit beschäftigt, die Archivalien einzuordnen. Keine leichte Arbeit. Aus irgendeiner der unzähligen Kisten zog Erler dabei vor ein paar Wochen eine Urkunde. Sie ist auf das Jahr 1970 datiert und bescheinigt einem gewissen Hans-Jürgen Schönborn, der damals in Radebeul in die Biologieklasse der Arbeiter- und Bauernfakultät (ABF) ging, das Anrecht auf "eine Flasche Wein für das Jahr 2000". Warum, das war der Urkunde nicht zu entnehmen, nur, dass es etwas mit der Fernsehsendung "Mit dem Herzen dabei" zu tun hat, die damals vom Deutschen Fernsehfunk (DFF) produziert wurde.

"Das war eine der ersten Sendungen, die in Farbe ausgestrahlt wurden", erinnert sich Hans-Jürgen Schönborn heute. In aufwendiger Recherche hat Erler den 63-Jährigen in Leipzig ausfindig gemacht und gestern zur Übergabe der Urkunde ins Stadtarchiv gebeten. Auch natürlich, um von Schönborn zu hören, welche Geschichte sich hinter dem Dokument verbirgt.

Die begann mit einer miesen Mathematik-Arbeit. "Am Anfang des zweiten Halbjahrs der zwölften Klasse muss das gewesen sein, wir waren schon alle gespannt auf das Abitur. Da hat es nur Vieren und Fünfen gegeben, eine Drei vielleicht auch", berichtet Schönborn. Der in seiner Klasse sehr beliebte Mathe-Lehrer Georg Büchner nahm sich die Sache zu Herzen. Dieses Ergebnis müsse sein Fehler sein, habe er gemeint und die Arbeit noch einmal schreiben lassen. Das hat den Schülern, die in der ABF für das Studium im Ausland fit gemacht wurden, imponiert. Die Mädchen der Klasse schrieben deswegen an Hans-Georg Ponesky. Der moderierte damals die Sendung "Mit dem Herzen dabei", bei der neben einem Show-Programm, wie es später bei "Ein Kessel Buntes" zu sehen war, immer eine Person für ihre Verdienste geehrt wurde. Die Klasse B5 schlug dafür ihren Mathe-Lehrer vor.

Dass das Schreiben Erfolg hatte, kam dann ziemlich überraschend. "Die Klasse wurde abgeholt und niemand sonst durfte davon wissen", erinnert sich Schönborn. Die Schüler sollten Teil der Show sein, die zumeist zu wichtigen DDR-Feiertagen ausgestrahlt wurde. Aufgabe der Klasse: ein Lied singen. "Welches, das kann ich leider nicht mehr sagen", bedauert Schönborn. Geprobt haben sie das bis nach Mitternacht, bei der Livesendung aus dem Dresdner Kulturpalast ging es dennoch schief. "Das Orchester war Playback und wir sangen live darüber - allerdings waren wir zu schnell und liefen der Musik davon", muss der aus dem brandenburgischen Velten stammende Schönborn heute noch schmunzeln. Die Überraschung für den unter einem Vorwand an Ort und Stelle gelockten Lehrer Büchner war aber auch so perfekt. Auch weil er auf ehemalige Schüler traf, die inzwischen zu Mathematik-Professoren gereift waren oder im Ausland Meriten erworben hatten. Eine typisch anrührende Inszenierung für den Unterhalter Ponesky, der deswegen den Spitznamen "Seelen-Hitchcock" erhalten hatte.

"Für uns war das spannendste der Blick hinter die Kulissen gewesen", sagt Schönborn. Dort habe sich Rolf Herricht ziemlich mürrisch und störrisch gezeigt, Dagmar Frederic nach dem gemeinsamen Essen die Teller weggeräumt. Von der abschließenden Feier, bei der es ein Spanferkel gab, nahmen die Schüler einen Schweinekopf mit. "Den haben wir der Deutschlehrerin als Mitbringsel überreicht, die haben wir nicht so sehr gemocht", feixt Schönborn noch heute.

Für die Mitwirkung an der Sendung erhielt jeder der Schüler eine Urkunde, wie sie jetzt im Stadtarchiv gefunden wurde. Offenbar war damit die nächste Show-Idee verbunden: Wein wurde im damaligen VEB Weingut Radebeul im Sandsteingewölbe von Schloss Wackerbarth eingemauert. Nach 30 Jahren sollte er an die Abiturienten ausgegeben werden, die dann gemeinsam auf dem Dresdner Fernsehturm (Foto: Archiv) in das neue Jahrtausend feiern sollten. Dazu ist es nicht mehr gekommen.

Zwar bekamen die ehemaligen ABF-Schüler ihren Wein Ende 1999, auf den Fernsehturm konnten sie jedoch nicht mehr gelangen. Schönborn selbst holte sich seine Flasche irgendwann im Jahr 2000 ab, weil er beim Gruppentermin gerade im Urlaub weilte. "Das war russischer Dessertwein, der hat furchtbar geschmeckt", sagt er.

Umso besser, dass mit dem faden Nachgeschmack die Geschichte für ihn nicht beendet ist. Das Staatsweingut ließ sich nicht lumpen und spendierte eine Maxi-Flasche seiner "Edition 1950", geerntet im Goldenen Wagen. Und lud Schönborn mit seiner kürzlich angetrauten dritten Frau Irene zu einer Führung nach Wackerbarth ein.

Und was hatte eigentlich der Lehrer Buschner, die eigentliche Hauptperson, von der Aktion? Er bekam Bücher. Und zwar für jede Bestnote, die seine Schüler beim Auslandsstudium erzielten, einen Titel. Den ersten, "Nackt unter Wölfen" von Bruno Apitz, erhielt er noch in der Sendung, auf mehr als 80 Bücher wuchs seine "Weltbibliothek" an, wie Schönborn sagt. Der trug selbst auch ein bisschen dazu bei, wechselte nach zwei Jahren Chemiestudium in Donezk aber bald wieder nach Halle, wo er auf Biochemie umsattelte. Später arbeitete er beim Forstinstitut Eberswalde und der Wissenschaftlichen Akademie Halle, die ihn 1986 als ihren Vertreter nach Havanna schickte. 1990 kehrte Schönborn von dort zurück und arbeitete als Pharmavertreter. Jetzt betreut er als Monitor klinische Studien. Ein bewegtes Leben also, in dem eines aber irgendwie fehlt. Die Silvesterfeier auf dem Fernsehturm, sagt Schönborn, die hätte er schon gern erlebt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.08.2014

Uwe Hofmann

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