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Flüchtlinge in Heidenau: Beten zwischen Bauzaun und Rolltreppe

Ehemaliger Baumarkt Flüchtlinge in Heidenau: Beten zwischen Bauzaun und Rolltreppe

Mekka liegt irgendwo hinter einer unverputzten Wand. Männer knien auf einem Teppich zwischen Rolltreppen und Bauzäunen. Sie beten. Inmitten eines Baumarkts. 700 Menschen leben in der Heidenauer Flüchtlingsunterkunft.

Quelle: DRK Sachsen

Heidenau. Mekka liegt irgendwo hinter einer unverputzten Wand. Männer knien auf einem Teppich zwischen Rolltreppen und Bauzäunen. Sie beten. Inmitten eines Baumarkts. Die Zeit hat noch nicht gereicht, einen „Raum der Stille“ mit Trockenbauwänden abzugrenzen, sagt Christoph Neidhardt. Der medizinische Versorgungspunkt sei wichtiger gewesen. Der junge Mann leitet für das Deutsche Rote Kreuz (DRK) die Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Praktiker-Baumarkt in Heidenau. „Wir sind eine Notunterkunft“, betont er.

Der Betonung hätte es nicht bedurft. Die Not wird offenbar in der ersten Etage des Gebäudes, in der früher Elektrowaren und Malerbedarf angeboten wurden. Jetzt sind die Regale und Warenträger verschwunden. Stattdessen ragen mit Planen verhängte Bauzäune in den Raum. „Cluster“ habe man gebildet, sagt Neidhardt, um den Flüchtlingen so etwas wie Privatsphäre zu ermöglichen.
Acht bis zehn Notbetten stehen in den Verschlägen. Die Bewohner konnten sich selbst aussuchen, mit wem sie zusammenziehen wollten. 701 Asylbewerber leben gegenwärtig in der Notunterkunft. Darunter 139 Frauen und 154 Kinder und Jugendliche.

In Heidenau leben über 700 Menschen in einem ehemaligen Baumarkt. Nun hat das DRK einen Blick hinter die Kulissen ermöglicht.

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Das DRK hat die Notunterkunft förmlich aus dem Boden gestampft. „Als wir hier ankamen, haben wir ein leeres Gebäude ohne Struktur vorgefunden. Teilweise waren die Kabel gezogen“, sagt der Leiter. „Wir haben von Null begonnen.“ Schon die Bauzäune, so provisorisch sie auch aussehen mögen, sind eine Erleichterung. Zuerst stand Feldbett an Feldbett.

Das Außengelände ist zubetoniert – früher waren hier Parkplätze und Anlieferzonen. Jetzt spielen junge Männer Fußball oder stehen mit Zigaretten an einem der großen Aschenbecher. Auf der einen Seite fährt der Zug, auf der anderen ist die Bundesstraße. Ein Zaun schützt die Unterkunft vor neugierigen Blicken und vor Bürgern, die die Flüchtlinge nicht in Heidenau haben wollen. Die Lage habe sich beruhigt, sagt Neidhardt, es gebe keine Protestbekundungen mehr am Zaun.

Außen hat es gebrodelt, aber auch innen brodelt es regelmäßig. 25 Sicherheitskräfte sind pro Schicht im Einsatz – auch, um Rangeleien und Meinungsverschiedenheiten im Keim zu ersticken. Die Nerven bei den Flüchtlingen liegen blank. Unterbringung auf engstem Raum und bohrende Ungewissheit – der kleinste Anlass kann sich zum Tumult entwickeln. Neidhardt spricht von einem Bearbeitungsstau bei der Erfassung der Asylanträge. „Wir hatten wenig Transfers in letzter Zeit.“

Auf einer Pinnwand im ersten Stock werden die Listen mit den Namen der Glücklichen ausgehängt, die zur Anhörung nach Chemnitz gebracht werden. Wer nicht in Chemnitz war, hat keine Aussicht, in naher Zukunft den Baumarkt verlassen zu können. Sobald die Listen aushängen, bilden sich dichte Menschentrauben vor der Wand. Viele Asylbewerber wenden sich mit Fragen an die DRK-Mitarbeiter. „Wir können nur sagen, dass wir die Fristen nicht beeinflussen können“, sagt Neidhardt.

Die Spendenbereitschaft sei groß. Das kann auch zu grotesken Szenen führen, bei denen einem das Lachen im Hals steckenbleibt. Ein Mann aus Syrien trägt ein T-Shirt mit Werbung für das Strategiespiel „Die Siedler von Catan“, ein Pakistani ist mit dem Shirt einer Sparkasse bekleidet, auf dem „Kreissieger“ prangt. 394 Menschen aus Syrien sind in dem Baumarkt untergebracht, 70 kommen aus Irak, 56 aus Pakistan. Es gab auch Auseinandersetzungen zwischen Nationalitäten, sagt Neidhardt, Massenschlägereien aber nicht.

Der gesundheitliche Zustand der Bewohner sei durchwachsen. Viele hätten eine mehrjährige Flucht hinter sich, besonders die Zähne hätten da gelitten. Zweimal pro Woche kommt ein Zahnarzt und begutachtet die Gebisse der Flüchtlinge. Er legt fest, was gemacht werden muss von Zahnärzten außerhalb der Notunterkunft. Das DRK hat eine Kooperation mit dem Pirnaer Krankenhaus abgeschlossen, sagt Neidhardt, dort werden Flüchtlinge mit akuten Beschwerden behandelt.

400 Asylbewerber leben in der ersten Etage, 300 im Erdgeschoss. Dort, wo früher Pflanzen und Rindenmulch verkauft wurden, stehen die Sanitärcontainer. Toilettenpapier und Hygieneartikel sind nicht mehr frei zugänglich, sondern werden zugeteilt. Das Problem mit verstopften Toiletten habe man so in den Griff bekommen, so Neidhardt.

In einer Ecke stehen acht nagelneue Waschmaschinen. Der erste Probelauf ist abgeschlossen, die Flüchtlinge können unter Anleitung ihre Wäsche waschen. Wobei viele eine Anleitung nicht benötigen. „Als wir die Maschinen gerade erst installiert und einen Moment nicht aufgepasst hatten, liefen bereits vier.“ In einer Notunterkunft bleibt nichts unbeobachtet – auch nicht das Angebot, die Wäsche selbst waschen zu können.

Raum der Stille, Spielzimmer für Kinder, abgetrennte Bereiche für Frauen und Familien – Neidhardt hat eine lange Liste an Vorhaben für eine Unterkunft, die aus dem Boden gestampft wurde. Das Wichtigste aber, sagt er, sei Beschäftigung. Sinnvolle Beschäftigung. „Die Nachfrage nach Deutschunterricht ist riesig.“ Er sei der Aktion Zivilcourage aus Pirna sehr dankbar, die im Ehrenamt den ganzen Tag über für Angebote sorge. „Die Flüchtlinge freuen sich sehr über jede Abwechslung“, sagt er.

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