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Dirk Synatzschke ist Wolfsbeauftragter in der Königsbrücker Heide

Dirk Synatzschke ist Wolfsbeauftragter in der Königsbrücker Heide

Dirk Synatzschke kennt die Königsbrücker Heide so gut wie das Innenleben seiner olivgrünen Hosentaschen. Ein für den Laien kaum hörbares Rascheln lässt den 57-Jährigen aufhorchen.

Königsbrück.

Er rümpft die Nase. "Es duftet heute ziemlich stark nach Wildschwein. Die müssen hier irgendwo ganz in der Nähe sein", sagt er und wiegt seine Hand dabei ein wenig verschwörerisch hin und her.

Synatzschke ist Wolfsbeauftragter für die Schutzgebiete Königsbrücker Heide und Gohrischheide Zeithain. Seine Aufgabe ist es, die Rückkehr der Wölfe in das Naturschutzgebiet zu begleiten, alle bemerkbaren Anwesenheitsmerkmale zu erfassen und damit verbundene Probleme zu erkennen. Diesmal steht eine Gebietskontrolle an, sie führt Synatzschke in den Kernbereich der zurückkehrenden Wildnis der Königsbrücker Heide. Das Material zweier Fotofallen muss gesichert werden. "Ich versuche immer, möglichst viel über die Wölfe und ihren Alltag herauszufinden. Dabei helfen uns eben genau solche Fotofallen", erklärt er. Vier davon hat der Naturschützer inzwischen im gesamten Gebiet angebracht.

Erst seit wenigen Jahren werden die scheuen Tiere wieder in der Königsbrücker Heide gesichtet. Fast 100 Jahre war der europäische Wolf hierzulande nicht mehr beheimatet. Bereits im Mittelalter als Nahrungs- und Jagdkonkurrent zum Gejagten erklärt, festigten Angst und Unwissenheit das Bild des "bösen Wolfes" bis heute. Laut BUND Sachsen ließ etwa 1904 der letzte freilebende Wolf auf deutschem Boden in der Lausitz sein Leben. Erst 2011 hat sich in der Königsbrücker Heide wieder ein Wolfspaar angesiedelt, das seitdem jedes Jahr für Nachwuchs sorgt. Sechs Wolfswelpen durchstreifen dieses Jahr das Naturschutzgebiet.

"Eigentlich gibt es keinen Grund, Angst vor einem Wolf zu haben", meint Synatzschke, während er mit dicken Wanderschuhen durch das kaum berührte Heidekraut stapft. "Wölfe greifen den Menschen nur in seltenen Ausnahmesituationen an, wie beispielsweise bei Tollwutfällen. Wo immer es geht, weicht das scheue Tier dem Menschen aus", erklärt der Wolfsbeauftragte. Neun Begegnungen habe er bisher mit den majestätischen Tieren gehabt. "Meist sind die in Sekundenschnelle wieder fort", erzählt er. Viel mehr "Spundus", wie er sagt, habe er vor Frischlingen führenden Wildschweinen. Die Tiere könnten dann sehr aggressiv werden. "Hier sollte man Mut nicht mit Leichtsinn verwechseln", betont er. Sein Blick schweift dabei in Richtung 7000 Hektar unberührte Natur. Offene Heiden mit Pionierwald, Birken und Kiefern. Bis auf Synatzschke und ein paar wenige Mitglieder der Verwaltung, die NSG-Wacht und den Kampfmittelräumdienst darf hier niemand einfach so herumspazieren. Bis zur Wende war das gesamte Heidegebiet ein Truppenübungsplatz des russischen Militärs. "Noch heute liegen hier Unmengen an Munition. Es heißt, nur 2,5 bis 3,5 Prozent der gesamten Fläche seinen kampfmittelfrei", erklärt Synatzschke. Nur die Arbeitswege der Naturschutzgebietsmitarbeiter seien bisher gesichert. "Wer hier einfach so durch die Botanik schlendert, der läuft Gefahr, auch auf gefährliche Kampfmittel zu treten", mahnt der gebürtige Pulsnitzer.

Plötzlich stoppt Synatzschke abrupt. Auf dem Forstweg beugt er sich tief über die "Hinterlassenschaften" eines Tieres. Eine "Losung" nennt der Fachmann das. Vorsichtig untersucht der Wolfskundige den Fund nach sichtbaren Inhaltsstoffen wie Haaren und Knochensplittern. Größe und Lagerort werden ebenfalls geprüft, bis feststeht: Das hat ein Wolf hier "hingelegt". Schnell klappt er das grüne Köfferchen auf, das ihn schon die ganze Zeit auf seinem Weg durch den Wald begleitet. Mit den Plastikbehältern und kleinen Tütchen darin kann Synatzschke Kot, Urin und andere Körperflüssigkeiten der Wölfe aufbewahren, um die darin enthaltenen Informationen und gegebenenfalls DNA zu sichern. Die Proben werden anschließend im Senckenberg-Museum in Görlitz oder von spezialisierten Naturschutzgenetikern in Gelnhausen (Spessart) ausgewertet. "Nur so konnten wir beispielsweise herausfinden, dass die derzeitige Wolfsfähe des Laußnitzer Heiderudels aus unserem Welpenjahrgang 2011 stammt", erläutert Dirk Synatzschke.

Nach einigen Minuten Fußmarsch ist die erste Fotofalle erreicht. An einem dürren Stamm baumelt ein tarnfarbenes Kästchen. Nur Dinge, die Wärme abstrahlen und sich bewegen, können die Kamera auslösen. "Diese Stelle ist ein beliebter Pass für die Wölfe, deshalb habe ich die Kamera auch hier positioniert", macht Synatzschke klar. Unterschiedlich ergiebig seien diese Fallen. Manchmal finden sich nach 14 Tagen nur 10 Bilder auf der Speicherkarte. Er hätte aber auch schon 5000 Fotos sichten müssen. "Natürlich sind dann da nicht nur Wölfe zu sehen. Auch Hasen, Rehe, Wildschweine und Vögel bekomme ich so regelmäßig vor die Linse. Oder eben mich selbst", lacht der Forstmann.

Wenig später sitzt Dirk Synatzschke mit einem zufriedenen Lächeln an seinem Schreibtisch in Königsbrück. Die Ausbeute der Fotofalle kann sich sehen lassen: Unzählige Bilder hat sie in den vergangen Wochen eingefangen. Wölfe, Wildschweine, Rotwild und andere Waldbewohner. "An dieser Vielfalt kann man zum Beispiel erkennen, dass der Wolf eben nicht alle anderen Tierarten verjagt und ausrottet, wie so manch einer gern behauptet", erklärt Synatzschke. Grundsätzlich könne er schon verstehen, dass beispielsweise Schäfer sich vor Wolfsrissen fürchteten. " Klar ist das traurig, wenn der Wolf an die Herden geht. Aber das ist eben eine neue Realität, die es zu berücksichtigen gilt", meint er.

Dass sich die Wölfe in der Königsbrücker Heide rasant vermehren könnten, davon geht der Wolfskenner nicht aus. "Ein Wolfsrudel braucht ein Revier von mindestens 150 bis 250 Quadratkilometern Größe. Ein zweites hätte bei uns gar keinen Platz", erklärt Synatzschke. Auszuschließen sei jedoch nicht, dass die auch in anderen Gefilden heimisch würden. "Der Wolf ist für uns alle Neuland. Wir müssen einfach sehen, wie sich das in den kommenden Jahren entwickelt."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.10.2014

Susann Schädlich

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