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Die Inszenierung "Charleys Tante" an den Landesbühnen als Provinzschwank

Die Inszenierung "Charleys Tante" an den Landesbühnen als Provinzschwank

Eigentlich brauchen die studentischen Pennäler Jack Chesney und Charley Wykeham für ein doppeltes Schäferstündchen mit ihren angebeteten Ladies Kitty und Anny, die am nächsten Tag ins Schottische abreisen, nur eine Anstandsdame.

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Eine ewige Jagd ohne Happy End: Matthias Henkel als Advokat Spettigue ist begeistert von Holger Uwe Thews, der als Lord Bubberley die falsche Tante gibt.

Quelle: Hagen Koenig

Radebeul. Eigentlich brauchen die studentischen Pennäler Jack Chesney (Johannes Krobbach) und Charley Wykeham (Jens Bache) für ein doppeltes Schäferstündchen mit ihren angebeteten Ladies Kitty (Elke Zeh) und Anny (Julia Rani), die am nächsten Tag ins Schottische abreisen, nur eine Anstandsdame. Charleys Tante namens Donna Lucia d' Alvadorez soll es richten, doch die kommt nicht, so muss ihr Freund, Lord Bubberley (Holger Uwe Thews), ein- und in Frauenklamotten springen. Der hat allerdings noch eine unerfüllte Begegnung mit der jungen Waisen Ella Delahay (Christin Rettig) im Kopf.

Gleichzeitig soll diese Tante ein reiches Erbe mitbringen, weshalb auch der Advokat Spettigue (Matthias Henkel), der als Onkel von Anny und Vormund von Kitty für deren Unschuld und Vermählung bürgt, und Colonel Sir Francis Chesney (Michael Heuser) als verarmter Vater von Jack auf die Dame reichlich scharf sind. Es wartet - soviel ist schnell klar - eine Drei- bis Vierfachpaarung, nur wer mit (oder gegen) wen, wird noch verhandelt...

41 Jahre alt war Walter Brandon Thomas, als sich dank der Tante sein Leben wendete: Mit der Uraufführung - die Premiere war auf einer Tournee durch englische Provinzstädte mit ihm als Francis Chesney auf der Bühne - wurde er finanziell unabhängig. Die Landesbühnen Sachsen haben seit Sonnabend eine neue Inszenierung der Farce in drei Akten im Repertoire: bunt, plakativ großkariert, ein wenig schrill, aber vermutlich nicht sonderlich nachhaltig.

Während Bühne und Kostüme (Ausstattung: Esther Kemter und Ulrich Schreiber) in ihrer farbigen Penetranz eher an ein Kinderstück als an eine Oxforder Studentenbude erinnern, wozu auch die Pappkulissen mit sechs schrägen Versteckecken passen, passiert auf der Bühne in Regie von Uta Koschel pomadiges Rampentheater: Gespielt wird parallel zur Bühnenkante, die größte Bewegung ergibt sich aus dem voreinander Weglaufen. Ewig zelebrieren das Matthias Henkel und Holger Uwe Thews als Advokat Spettigue und falsche Tante, immer wieder quer über die Bühne, hin und her. Oder her und hin. Später darf Thews ein Lied zur Gitarre trällern. Und Patrick Finger, der als Ex-Tänzer nun als Bühnentechniker am Haus arbeitet, darf als Butler Brasset ein wenig beim Umbau tanzen. Ansonsten heißt es oft: Stillstehen und passend gucken.

Das Grundproblem der Inszenierung: Uta Koschel, die vor fünf Jahren, also zu Beginn der neuen Fallada-Welle, eine eigene Stralsunder Fassung von "Kleiner Mann, was nun?" dazu besteuerte, scheint weder den Text noch dessen Figuren zu mögen: Jenseits der wahren Tante, die in Form von Anke Teickner erst nach der Pause auftaucht und sich rasch und unglaubwürdig in den sie einst enttäuschenden Colonel Sir Francis Chesney (Michael Heuser), vor 25 Jahren als Leutnant verschwundener Kurzzeitschwarm, verliebt, sind allesamt Unsympathen, die viel von Geld und Liebe schwafeln, aber eigentlich nur Gier und Geilheit meinen. Und viel, viel Naivität verströmen - fern von aller englischer Eleganz oder gar Charme und Witz. So sind alle drei jungen Damen, die ebenso glücklich wie die Tante zum Schluss unter die Haube kommen, blasse, oft quiekende und hüpfende Püppchen, deren Begehrer es als ausgewiesene Waschlappen mit Nerdbrillen und Schirmmützen aber auch nicht besser verdienen.

Nichtsdestotrotz funktioniert die entscheidende Szene dramatisch anrührend: Jene, in der sich Anke Teickner als echte Tante offenbart und für Spettigue in Form von Matthias Henkel eine Welt zerbricht. Neben diesen beiden überzeugt auch Holger Uwe Thews in der inneren Gespaltenheit seiner Doppelrolle - ihm gelingt der Spagat, nicht ins Tuntige abzugleiten - sehr gut.

Die nicht volle Premiere am Sonnabend symbolisiert noch ein anderes Problem des mitsamt Pause rund zweistündigen Abends: Der Schwank des Liverpooler Theatermannes, der sich einst mit großem Willen aus der Armut nach oben ins Theater arbeitete, dessen Stück schon in der ersten Fassung vor 123 Jahren über 1500 Aufführungen erfuhr, recht schnell in 28 Sprachen schwappte, zu den erfolgreichsten englischen Stoffen für Theater, Musical und Film wurde und so als dessen einziges Vermächtnis bleibt - ist einfach ein Relikt aus vergangener Zeit, dem hier rein gar nichts Neues abgewonnen wird. Dazu korrespondierend das Programmheft: Dessen drei Textseiten stammen komplett und im Wortlaut aus Wikipedia, zum Teil wenigstens aus der kompletteren englischen Version.

Hierzuabendlande ist heute alles fremd, worauf die Geschichte basiert: Anstandsdamen, Heiratsverkupplung, Bevormundung und Weltfremdheit sind einfach per Auf- und Abklärung ausgestorben, dadurch wird die Motivlage aller Akteure obsolet. Dies allein durch ein wenig Frivolität und komische Slapstick-Nummern zu kompensieren, gelingt nur vereinzelt, wobei alle Spieler tun, was sie können - dass der Abend an aufgepeppter Ideenarmut scheitert, ist ihnen nicht anzulasten.

So mag diese altmodische Tante wohl eher in den Kulturhäusern von Bad Elster, Großenhain oder Freital funktionieren. Trotzdem warmer Beifall des Radebeuler Premierenpublikums, vor allem für Patrick Finger.

nächste Vorstellungen: 25. Oktober, 10. Dezember

www.landesbuehnen-sachsen.de

Andreas Herrmann

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