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Die DNN blicken hinter die Kulissen der Staumauer an der Gottleuba

Die DNN blicken hinter die Kulissen der Staumauer an der Gottleuba

Die Talsperre Gottleuba versorgt Dresden und die Region mit Trinkwasser. Aufgrund der geologischen Bedingungen ist die Mauer ein besonderes Bauwerk. Seit dem 11. September 2001 dürfen aber kaum noch Besucher das Innenleben der Anlage erkunden.

Die DNN öffnen heute in ihrem Adventskalender ein Türchen in den Koloss.

Von Ingolf Pleil

Es ist duster, kühl und riecht nach feuchtem Beton. Doch Heiko Hinz kann beruhigen. "Das ist alles nur Kondenswasser." Der 48-Jährige ist Staumeister an der Talsperre Gottleuba und hat gerade die Tür in die Sperre geöffnet. Jeden Tag ist ein Marsch durch die Kontrollgänge der Mauer Pflicht. Bei relativ warmer Außenluft beschlagen die Wände - schließlich sind die ja wassergekühlt. Mit zunehmender Entfernung zum Eingang lässt das Phänomen nach, das so auch aus manchem Keller bekannt sein dürfte.

Ein etwa 800 Meter langes Gangsystem durchzieht die Sperre, rund 1000 Stufen sind zu bewältigen. Zunächst geht es abwärts. In regelmäßigen Abständen befinden sich an der Mauer im Dreieck angeordnete Punkte. Der Betonriese besteht aus 29 Feldern. Beim Bau zwischen 1965 und 1974 sind diese Stück für Stück gegossen worden. PVC- und Kupferbänder dichten die Fugen ab. An den Messpunkten werden Verschiebungen zwischen den Feldern überwacht. An ein knirschendes Hin- und Her muss man dabei nicht denken. "Geräusche macht die Mauer nicht", erklärt Hinz und lacht. Aber nichts bleibt unbeobachtet. "Alle Bewegungen, die die Mauer machen kann, werden gemessen", erläutert Hinz. Das klingt kurios. Die Sperre ist eine Beton-Gewichtsmauer mit gerader Achse. Im Gegensatz zur Talsperre Klingenberg beispielsweise ist das Bauwerk also nicht als Bogen errichtet. Solche Bauwerke können schlanker und billiger gebaut werden. Sie leiten den Wasserdruck auf die Felsen, zwischen denen sie errichtet sind. Doch das ging in Gottleuba nicht, das Gestein ließe das nicht zu. 270 000 Kubikmeter Beton - jeder Kubikmeter wiegt etwa 2,5 Tonnen - stehen als gerade Wand der Gottleuba im Weg.

Fast 13 Millionen Kubikmeter Wasser könnten angestaut werden. Um für ergiebige Niederschläge gewappnet zu sein, beschränkt Hinz die Staumenge auf höchstens 9,5 Millionen Kubikmeter. 2002 lag die Obergrenze noch bei 10,5 Millionen. Innerhalb weniger Tage kamen damals aber 6,5 Millionen Kubikmeter dazu. Zwei Tage nach der ersten Warnung lief die Talsperre über. Staumeister Hinz und seine Kollegen konnten das nicht verhindern. "Ich war damals gerade ein dreiviertel Jahr im Amt, da hab ich meinen Vorgänger angerufen und gesagt, Werner du musst uns helfen." Doch der Ruheständler hat nur abgewunken. In seinen 25 Dienstjahren hatte er so etwas nie erlebt.

Übers Jahr verteilt kommt es zu Bewegungen der Mauer zwischen zehn und zwölf Millimetern. Das liegt an den Reaktionen des Materials auf die Temperaturunterschiede zwischen Sommer und Winter sowie zwischen Wasser- und Luftseite des Bauwerks. Ein ausgeklügeltes Lot- und Pendelsystem im Mauerinneren überwacht dieses "Schwanken". Ganz simpel funktioniert dagegen das Prüfwürfel-Lager, in das Hinz beim Kontrollgang auch einen Blick wirft. Hier lagern Quader aus dem Beton der Mauer. Unter vergleichbaren Bedingungen kann damit das Verhalten des Baustoffs beobachtet werden.

Im Bauch der Mauer kann selbst die Wasserqualität kontrolliert werden. "Darüber haben sogar die Japaner gestaunt", ist Hinz ein bisschen stolz. Die Gäste aus Fernost gehören zu Gruppen von Fachleuten aus der Wasserwirtschaft, für die der Staumeister noch Führungen anbieten kann. Früher gehörte ein Blick ins Mauerinnere fast zu jeder besseren Familienfeier. Seit dem 11. September 2001 ist das jedoch vorbei. Kaum jemand kann jetzt noch sehen, wie an manchen Stellen der Mauer austretende Kalkverbindungen zu Stalaktiten werden, wie man sie aus Tropfsteinhöhlen kennt - nur viel kleiner. Eine Gefahr gehe davon auch nicht aus, versichert Hinz. Tief unten auf der Talsohle des Bauwerks muss er über den fragenden Blick des Besuchers auf die Wasserseite der Mauer schmunzeln. 1,9 Meter Beton trennen hier vom kühlen Nass. Bei einer Wassertiefe von etwa 40 Metern an der Mauer drücken ungefähr vier Bar gegen die Wand. Auf einem Autoreifen sind meistens zwei bis 2,5 Bar, wenn der platzt, ist einiges los. Richtig greifbar sind die Wert trotzdem nicht. Hier unten wird auch das Sickerwasser gemessen. 100 Milliliter, also ein halbes Saftglas voll, mogeln sich durchschnittlich pro Sekunde in der gesamten Mauer durch die Fugen und werden - natürlich - ständig gemessen. Es ist auch die einzige Stelle, die irgendwie nach Abwasser riecht. Mangan und Eisenverbindungen seien daran schuld, meint Hinz und findet noch ein paar beruhigende Worte: "Die Mauer ist für die Ewigkeit gebaut." Trotz des Sickerwassers sei das Bauwerk "relativ trocken".

Nach einem kurzen Abstecher in den Steuerraum der Grundablässe - die beiden Rohre mit einem Durchmesser von 80 Zentimetern ermöglichen die maximale Wasserabgabe ins Flussbett von einer Million Kubikmeter am Tag - geht es auf den Rückweg. Fast hat man die Orientierung verloren. Wieder sind hunderte Stufen zu bewältigen. Dann ist es geschafft und plötzlich steht man wieder in Hinz' Schaltzentrale. Von hier kann er jede Lampe in den Kontrollgängen bedienen, jede bedrohliche Veränderung im Betonkoloss würde sofort angezeigt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.12.2012

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