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Die Coswigerin Sarah Weißflog hat ein Jahr in der Ukraine gelebt

Die Coswigerin Sarah Weißflog hat ein Jahr in der Ukraine gelebt

"Natürlich hatte ich Angst", sagt Sarah Weißflog. "Es war aber mehr die Angst, dass ich das Land verlassen und meine Leute im Stich lassen muss.

Radebeul/Obuchiw.

" Ein Jahr lebte die Coswigerin in der Ukraine, ist seit wenigen Tagen wieder in der Heimat. Als Freiwillige hat sie in Radebeuls Partnerstadt Obuchiw behinderten Menschen im Alltag geholfen - ein seit Jahren laufendes Austauschprojekt. Als sie in die nahe Kiew gelegene Stadt kam, war die Ukraine trotz aller Spannungen ein friedliches Land. Dann kamen Maidan-Protest, Krim-Annektion und der Bürgerkrieg im Osten des Landes. Die 20-jährige Weißflog wollte die Ukraine dennoch nicht einfach so verlassen - und erlebte den Alltag im Wahnsinn des Krieges.

Dabei ist das Leben der Freiwilligen im Austauschjahr schon herausfordernd genug. Aufgabe dabei ist es, Familien mit behinderten Menschen zur Hand zu gehen. Spaziergänge und Gespräche gehören dazu, aber auch, dass man Einkäufe erledigt oder den Besen schwingt. Genau das richtige für sie, wie Sarah nach dem Abitur findet. Sie habe damals nicht so recht gewusst, was sie studieren solle und suchte die Herausforderung. Russisch hatte sie in der Schule gelernt und die Länder im Osten Europas reizten sie. Nach einer Probewoche übernahm sie den Job.

Dann gingen die Proteste auf dem Maidan in Kiew los. Weißflog besuchte in der ukrainischen Hauptstadt immer wieder Deutsche, die ebenfalls ein Auslandsjahr absolvierten und ihre Freunde wurden. Anfangs gingen sie noch auf den Maidan, ließen sich von der Euphorie der Demonstranten mitreißen, wie Weißflog sagt. "Die Rufe begannen schon in der Metro - wir zogen einfach mit", erinnert sie sich heute. Bilder zeigen sie lächelnd vor Barrikaden. Sie berichtet vom Gemeinschaftsgefühl der Protestierenden, die gemeinsam über ein selbstverhängtes Alkoholverbot wachten oder aus dem ganzen Land mit Essen versorgt wurden. Das war bevor es regelmäßig zu heftigen Ausschreitungen kam, Scharfschützen Opfer forderten. Als Ausländerin habe sie aufpassen müssen, dass sie sich nicht zu sehr engagierte, meint Weißflog. Sie blieb in diesen Wochen fern. Ihr blaugelbes Armbändchen verbarg sie vor ihrem Vorgesetzten, Parteigänger Janukowitschs, den sie nicht brüskieren wollte. Im Februar kehrte sie auf den Maidan zurück. Da hatte der sich schon in eine Art Freiluftmausoleum gewandelt. Überall erinnerten Blumen an die Getöteten. Auch ein Mann aus Obuchiw ist darunter. In der zum Oblast Kiew zählenden Stadt wird dem zweifachen Vater derzeit ein Denkmal errichtet.

Dann annektiert Russland die Krim, wo Weißflog noch im Sommer Urlaub gemacht hatte. Diesen Schlag hätten die Ukrainer noch ganz gut verkraftet, meint Weißflog. Ihre Neugier auf Osteuropa bleibt ungebrochen, im nächsten Urlaub wandert sie durch Georgien. Zwei Wochen nach ihrer Rückkehr nach Obuchiw wird ein Passagierflugzeug der Malaysia Airlines über der Ukraine abgeschossen - auf derselben Flugroute, auf der Weißflog vorher unterwegs war. Gab es da keine panischen Anrufe aus der Heimat? "Natürlich wollte meine Mutter, dass ich heimkehre. Aber ich wollte nicht und es gab auch keine Anordnung vom Auswärtigen Amt", sagt die 20-Jährige.

Sie bleibt also und erlebt, wie die Preise für Benzin, Lebensmittel und Transport steigen und den Alltag der von ihr betreuten Familien noch kärglicher machen. "Sie haben sich nichts anmerken lassen", sagt Weißflog. Die Auswirkungen des Krieges werden aber immer stärker zu spüren. Flüchtlinge aus dem Osten tauchen auf. In ganz Obuchiw gibt es kein warmes Wasser. Wohl, weil die Regierung Gas sparen will, so genau kann das Weißflog aber nicht sagen, weil sie die nur noch in ukrainischer Sprache verfassten Verlautbarungen nicht lesen kann. In vielen Familien sitzt man gebannt vor dem Fernseher, um die Entwicklungen zu verfolgen. "Alle zwei Wochen passiert etwas Dramatisches, so richtig zur Ruhe kommt man nicht", sagt Weißflog.

Kein Wunder also, dass für sie kein Nachfolger gefunden werden konnte, was die Coswigerin grämt. "Ich habe viel Zeit in diesen Familien verbracht und habe jetzt das Gefühl, sie zurück gelassen zu haben", sagt sie. Dennoch blickt Sarah Weißflog nach vorn, will ab Oktober soziale Arbeit in Görlitz studieren. Und zurückkehren in die Ukraine. "Wenn das dann möglich ist."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.09.2014

Uwe Hofmann

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