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Die 125-jährige Pfarrkirche St. Benno in Meißen erzählt von einer Rückkehr

Die 125-jährige Pfarrkirche St. Benno in Meißen erzählt von einer Rückkehr

Vornehmste Lage war das Grundstück nicht gerade, auf dem Meißens Katholiken vor 125 Jahren ihre Kirche errichteten. Etwas abseits, drunten im Tal, dicht an der Triebisch, auf deren anderer Seite die "Leipzig-Dresdner Staats-Eisenbahn" vorüberfauchte.

Es war die Zeit nach 1871, als die Domstadt hier ins Tal hinauf wuchs, mit Fabriken und Wohnzeilen für die Arbeiter. Größter Nachbar war damals - und ist es bis heute - die Porzellanmanufaktur. Das hat etwas Symbolisches. Denn der Katholizismus und die Herstellung des Weißen Goldes hängen in Meißen auf besondere Weise zusammen.

Die ersten Katholiken, die sich mehr als 200 Jahre nach Einführung der Reformation hier niederließen, waren Weißdreher, Blumen- und Blaumaler in der Porzellanmanufaktur, 1710 von August dem Starken in der Albrechtsburg gegründet, später, 1863 ins Triebischtal verlegt. Weihnachten 1764 feierten sie, geleitet von Pater Fermeli aus Dresden, einem Jesuiten, erstmals einen katholischen Gottesdienst, im Wohnhaus des Blaumalers Peter Kolmberger. Ihre erste Kapelle richteten sie - nach außen unauffällig - in einem Wohnhaus in der Altstadt ein, das Graf Marcolini, damals Leiter der Manufaktur, 1786 im Auftrag Kurfürst Friedrich Augusts des III. gekauft hatte. Über einen Strohmann, denn Katholiken war damals in Sachsen Grundbesitz verwehrt. An jenem Haus Burgstraße 11 will die Kirchgemeinde jetzt in der Festwoche, am 4. November, eine Erinnerungstafel anbringen - aus Meißner Porzellan.

Am neuen Standort im Triebischtal, heute Wettinstraße 15, baute die Gemeinde zunächst ein kombiniertes Schul-, Pfarr- und Gemeindehaus. Denn für die auf 71 gewachsene Schar katholischer Schüler war es in der Burgstraße zu eng geworden - Hauptgrund für den Umzug.

Der neugotische Klinkerbau von Friedrich Wilhelm Dürichen aus Meißen-Cölln, der 1887 mit seinem spitzen Turm 54 Meter hoch emporragte, demonstrierte das neue Selbstbewusstsein der Katholiken: Von nun an gehörten sie wieder sichtbar zu dieser Stadt. Gewidmet wurde die Kirche dem Heiligen Benno, dessen 1906 angebrachtes Relief bis heute über dem Eingangsportal zu sehen ist. Damit kehrte auch jener Meißner Bischof des 11. und 12. Jahrhunderts wieder zurück, dessen Heiligsprechung 1523 mitten in die Reformationsstreitigkeiten fiel. Martin Luther verdammte ihn damals als "neuen Abgott und alten Teufel". 1539 zerstörten Protestanten sein Grab im Dom. Einer der wenigen Fälle von Bilderstürmerei in Sachsen.

Wer die Hallenkirche heute betritt, findet sie in gänzlich veränderter Innengestaltung vor. Ausgerechnet die als konservativ und traditionsverhaftet geltenden Katholiken gestalteten ihre Kirche weitaus radikaler um als manche Evangelische.

Unter Pfarrer Werner Laukus begannen sie damit bereits 1958, sieben Jahre vor Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils. Doch schon in seinem Geist. "Wir waren süchtig nach Moderne", erinnert sich Gerhard Wyppler, der sich damals vehement für die Innenerneuerung einsetzte. Kanzel, Hochaltar, Benno- und Konrad-Altar kamen raus. Die neogotischen Verzierungen an Orgelgehäuse, Marienaltar, Kreuzwegstationen und Säulen, die Pfarrer Laukus spöttisch "Tischlergotik" nannte, wurden ganz im damaligen Erneuerungsgeist entfernt. Im Altarraum verschwand die Kommunionbank, die Priester und Gemeinde trennte, ein moderner Altar, ein Opferblock aus französischem Kalkstein, kam da hin. Die historistischen Glasbilder ersetzten sie durch eine zeitgenössische Gestaltung der Dreifaltigkeit von Many Jost. Davor brachten sie die Figur eines schwebenden, verklärten Christus von Friedrich Press an - aus Porzellan, hergestellt in der benachbarten Manufaktur.

Ein weiteres Mal neu gestaltet wurde das Innere nach der Flut 2002, bei der das Wasser der Triebisch mehr als einen Meter hoch in der Kirche gestanden und das gesamte Mobiliar zerstört hatte. Der Altar kam von seinem mehrstufigen Podest herunter und rückte weiter auf die Gemeinde zu, neue Bänke aus leicht rötlich gebeiztem Holz im Halbkreis darum angeordnet. "So wurde die Eucharistie, das Abendmahl, erkennbar vom Opfer zum gemeinsamen Mahl", erläutert Pfarrer Bernhard Dittrich.

Katholiken in Meißen: 968 gründet Kaiser Otto I. das Bistum Meißen; 1539 wird Sachsen nach dem Tod des katholischen Herzogs Georg evangelisch; 1581 erlischt das Bistum Meißen in Sachsen; 1764 erster katholischer Gottesdienst; 1787 wird die erste katholische Kapelle an der Burgstraße geweiht; 1887 wird die St.-Benno-Kirche geweiht

Kirche: neugotischer Klinkerbau nach Entwurf von Friedrich Wilhelm Dürichen (baute auch Krankenhaus Meißen-Cölln), errichtet 1885-1887; im Tympanon über Hauptportal seit 1906 (800-Jahr-Feier St. Benno) Sandsteinrelief von Bischof Benno (um 1010-1106)

Ausstattung: neugotische Innengestaltung 1959 stark verändert; Buntglasfenster im Altarraum von Many Jost, symbolische Darstellung der Dreieinigkeit Gottes; Christusfigur aus Meißner Porzellan von Friedrich Press (1904-1990); Altartisch, Lesepult aus französischem Kalkstein; Taufstein von Friedrich Press; Statuen der Maria, des Hl. Benno und des Hl. Konrad von Heinrich Thein (Porzellanmanufaktur); Orgel der Firma Jahn (Dresden) von 1887; drei Bronzeglocken

Ausstellung: m Kirchenraum, historische Gegenstände und Bruchstücke

Festwoche: 3. November, 16 Uhr, Konzert Dresdner Kapellknaben; 4. November, 10 Uhr, Festmesse mit Altbischof Joachim Reinelt, anschließend Einweihung Gedenktafel Burgstraße; 9. November, 19 Uhr, St.-Afra-Kirche Jiddische Musik und Lesung mit Gruppe "Aufwind"; 10. November, 19 Uhr, Rathaussaal, festlicher Gemeindeabend, Vortrag zu Kirchengeschichte von Bistums-Kanzler Christoph Pötzsch; 11. November, 10 Uhr, Festgottesdienst, 16.30 Uhr, Martinsfest mit Umzug von Frauenkirche zu St.-Benno-Kirche

Festschrift: "125 Jahre Pfarrkirche St. Benno Meißen", hg. von katholischer Pfarrgemeinde St. Benno, sechs Euro; erhältlich im Pfarramt (Wettinstr. 15), Stadtmuseum, Meißner Buchhandlung (neben der Frauenkirche); Internet: www.kath-kirche-meissen.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.10.2012

Tomas Gärtner

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