Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Der Wolf wird in Sachsen noch für viele Diskussionen sorgen

Der Wolf wird in Sachsen noch für viele Diskussionen sorgen

Eine Informationsveranstaltung in Neustadt zur Einwanderung des Wolfes in die Region hat gezeigt, wie tief bei einigen Menschen die Ängste sitzen.

Neustadt .

Neustadt (DNN). Eine Informationsveranstaltung in Neustadt zur Einwanderung des Wolfes in die Region hat gezeigt, wie tief bei einigen Menschen die Ängste sitzen. Viehzüchter fühlen sich im Stich gelassen. Und die Behörde können mit der vagen Aussicht auf eine Jagdgenehmigung in ferner Zeit kaum Druck vom Kessel lassen. Wenn sich der Wolf weiter erwartungsgemäß in Sachsen ausbreitet, werden sich Debatten wie in Neustadt in den nächsten Jahren im Freistaat noch verschärfen.

Die junge Frau schüttelt sich. Dabei ist es gar nicht kalt an diesem Abend in der proppevollen Lobby der Friedrich-Schiller-Mittelschule in Neustadt. Landratsamt, Wolfsexperten aus der Lausitz, Sachsenforst und Umweltministerium haben zu einer Informationsveranstaltung geladen. Ein Meerschweinchen mümmelt in einem Terrarium vor sich hin, der Dichter-Fürst blickt von seinem Sockel herab.

"Bauchraum geöffnet"

Es sind die Bilder, die für ein unbehagliches frösteln sorgen. Andre Klingenberger vom Staatsbetrieb Sachsenforst hat hunderten Einwohnern aus der Region gerade die Fotos von den Überresten einer Wolfsbeute gezeigt. Das Raubtier fresse "größere Mengen Fleisch", sagt er. Dazu wird bei der Beute auch schon mal der "Bauchraum geöffnet" und der Wolf verschlingt bei einem üppigen Fressen zehn, elf Kilogramm Fleisch.

"An jedem Tag" schreit einer von hinten. Die Leute entspannen sich mit Pfiffen und Geklatsche. Fast eine Stunde haben sie dem etwas zu lang geratenen Vortrag von Helene Möslinger gelauscht. Sie arbeitet beim Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz in Rietschen, hat Biologie studiert, stammt aus Österreich, ist erst seit kurzem in Sachsen. Fast liebevoll hat sie vom geschnürten Trab des Wolfes gesprochen, wenn er "energiesparend" durch die Landschaft streift. Mit den hinteren Pfoten tritt er dann in die Abdrücke der vorderen. Das unterscheidet die Spur auch von der eines Hundes.

1904 sei in der Lausitz der letzte Wolf erlegt worden. Bis dahin habe das Tier hier zur Kulturlandschaft gehört, erzählt Möslinger. Heute ist es noch nicht wieder soweit. Aber: "Man muss überall mit dem Wolf rechnen." Möslinger berichtet von dem Tier "Alan", das mit einem Sender ausgestattet und 1500 Kilometer gen Osten gezogen war. Am 14. Oktober hat eine Fotofalle im Hohwald bei Neustadt eine Aufnahme von einem Wolf gemacht. Hinweise auf ihn gab es seit März. Inzwischen sind fünf Übergriffe auf Herden aktenkundig. Ergebnis: zehn tote Schafe.

"Was verdienen Sie eigentlich?"

"Eine Gefahr für den Menschen ist der Wolf nicht", stemmt sich Möslinger gegen die aufkommende Unruhe. Er gehe dem Menschen eher aus dem Weg. Bei tollwutkranken Tieren könnte das anders sein. Die gibt es in Deutschland aber seit Jahren nicht. "Kein Tier wird als Problemwolf geboren", meint die Biologin und warnt vor dem Anfüttern der Vierbeiner, wodurch die Scheu der Tiere schwinden könnte.

Ein erwachsener Wolf benötigt täglich etwa zwei bis drei Kilogramm Fleisch. Er kann bis 11 Kilogramm auf einmal fressen, aber auch zwei Wochen hungern. Seine natürliche Nahrung besteht aus großen bis mittelgroßen, wildlebenden Huftieren. In unseren Breiten sind das hauptsächlich Reh (50 Prozent), Rothirsch und Wildschwein (je 20 Prozent). Schafe, Ziegen und andere Nutztiere machen in der Statistik der Wissenschaftler nur 0,75 Prozent der Beute aus.

In den letzten zehn Jahren hat es in Sachsen 127 Übergriffe von Wölfen auf Nutztiere gegeben, 382 Schafe, Ziegen und anderes wurden dabei getötet. Klingenberger will möglichst jeden Riss unter 0172-3757602 gemeldet haben, um die Aktivitäten des Wolfes verfolgen zu können. Dass sich die Zahl der gehaltenen Schafe in Sachsen seit 1990 auf rund 100 000 halbiert hat, muss andere Gründe haben. Der Freistaat hat die Riss-Verluste den Tierhaltern mit 43  000 Euro entschädigt. 120 000 Euro kamen zwischen 2005 und 2011 als Zuschuss für Zäune und anderes noch hinzu. "Gut angelegtes Geld, wenn man damit Schäden vermeiden kann", meint der Mann vom Sachsenforst.

"Wolf hat hier nichts zu suchen"

Die zahlreich anwesenden Tierhalter besänftigt das nicht. Sie machen sich Sorgen um ihre Herden, die doch der Landschaftspflege dienen. "Jedesmal, wenn nachts das Telefon klingelt, steht man im Bett", erklärt Eberhard Klose. Er ist Schäfer aus Oberottendorf, einem Ortsteil von Neustadt. "Das ist mein schlechtestes Jahr", schimpft er. Um dem Wolf Paroli zu bieten, habe sich der Aufwand für die Umzäunung einer Koppel vervierfacht. Auf billige Polemik ist er nicht aus. Aber er kann sich schon jetzt keinen Lehrling mit Tariflohn mehr leisten. Herdenschutzhunde seien auch nicht unkompliziert. Die Auszahlung der Förderung dauere auch ewig.

Der Lärmpegel steigt. "Warum geben sie soviel Geld für die Wolfsforschung aus?", "Was verdienen Sie eigentlich?" "Hier ist ein Rudel unterwegs", weiß einer schon genau, was die Wissenschaftler noch offen lassen. Schäfer Klose hatte passend zum Tag am Mittwochmorgen Besuch vom Wolf (DNN berichteten). Ein Jungtier war in seine Koppel geraten, die Schafe ausgebrochen. Der Wolf fand nicht raus. Klose: "Ich dachte mir, gut, lässt du ihn raus. Ich hatte ja keine Flinte dabei." Die Leute johlen. Klose hat die Bilder auf dem Handy.

Andere haben sie im Kopf: Eine Frau steht auf: "Was ist, wenn der Wolf ein Kind angreift?" Eine andere traut sich nicht mehr zum Spazieren in den Wald. "Wer war eher da, der Wolf oder die Schäfer?" verheddert sich ein Mann in seiner Wut. "Der Wolf hat hier nichts zu suchen", fasst ein anderer zusammen. Beifall, Gegröle, Pfiffe. Das Meerschweinchen flüchtet in eine Schachtel. Die Bedrohung scheint greifbar, gesehen hat höchstens eine Hand voll Zuschauer bislang einen Wolf.

Ein Vermieter aus der Sächsischen Schweiz sorgt sich um Gäste, die aus Angst vor dem Wolf ausbleiben könnten, wenn sie von Übergriffen hören. Das Mitleid im Saal hält sich in Grenzen. "Da kommen doch die Touristen", murmelt einer. Rietschen in der Lausitz ist tatsächlich bekannt geworden durch den Wolf. Die ersten verlieren den Überblick über Verantwortlichkeiten. Das Podium soll sich für vermeintlich einseitige MDR-Filme rechtfertigen.

Bernd Dankert, Artenschutzreferent in Sachsens Umweltministerium und durch viele Veranstaltungen dieser Art gestählt, sitzt dort oben und versucht die Situation in den Griff zu bekommen. "Wir streben eine Diskussion über den Abschuss an", erklärt er, macht aber klar: "Die Option ,Wolf weg' gibt es nicht!" In der Lausitz gingen die Leute nach wie vor in den Wald Pilze suchen. Bei der deutsch-westpolnischen Population, um die es hier geht, die aber keinen genetischen Austausch mit anderen europäischen Populationen hat, müssten etwa 1000 Tiere existieren, bevor eine Jagderlaubnis denkbar. Derzeit gibt es etwa 200 bis 300. Und natürlich wäre die Jagd so eingeschränkt, dass der Wolf nicht wieder ausgerottet wird. Nur extrem auffällige Tiere werden bislang geschossen oder gefangen - wenn das Ministerium zustimmt. Dreimal gab es das bisher. Die Wölfe waren verletzt oder blind.

"Konflikte werden zunehmen"

Für eine Jagdgenehmigung müsste sich die Berliner Politik bei der EU einsetzen, erklärt Dankert. Das Ministerium sei an die Gesetze gebunden, die von der Politik gemacht sind. "Wir konnten doch nicht wissen, dass die uns den Wolf vorsetzen", ist sich ein Neustädter bewusst, dass die Abgeordneten von irgendwem gewählt worden sind. Heiko Weigel vom Landratsamt in Pirna verweist die empörte Bürgerschaft deshalb auf die bevorstehenden Politikerauftritte vor den Bundestags- und den Landtagswahlen.

Nach drei Stunden haben die Leute genug. Der Saal lichtet sich. "Viel geredet, aber nichts gesagt", meint noch einer. Manches dürfte nachhallen. Bislang verbreitet sich der Wolf in Ostsachsen, in relativ dünn besiedelten Gebieten mit relativ wenig Viehzucht. Westlicher gibt es viel größere Viehbestände. Sachsenforstvertreter Andre Klingenberger: "Die Konflikte werden noch zunehmen." Ingolf Pleil

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.11.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Region News

Ob zur Entspannung, in der Mittagspause oder zum Spaß mit Freunden. Auf unserer Spieleseite können Sie wählen zwischen Denksport-, Geschicklichkeits-, Such- und Sportspiele. Jetzt gratis spielen im Spieleportal von DNN.de! mehr