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Der Kampf gegen den Spätfrost - Warum Winzer Feuer in ihren Weinbergen entzünden

Der Kampf gegen den Spätfrost - Warum Winzer Feuer in ihren Weinbergen entzünden

Am Wochenende brannten sie wieder - die Feuer in den Weinbergen. Sie sind das weithin sichtbare Zeichen dafür, dass den Winzern in der Region späte Nachtfröste zusetzen.

Radebeul.

Die Rebstöcke schieben derzeit zarte Triebe, die schon nach wenigen Stunden knapp unter Null erfroren sein können. Ernteausfälle drohen. DNN-Mitarbeiter Uwe Hofmann hat mit dem Radebeuler Winzer Karl Friedrich Aust eine Nacht im Weinberg gebibbert.

3 Uhr am Sonntagmorgen. Karl Friedrich Aust wirft einen kurzen Seitenblick auf das Thermometer. Null Grad Celsius, gemessen in Wuchshöhe der jungen Triebe, verheißen nichts Gutes. Er nimmt ein Weinblatt zwischen Daumen und Zeigefinger, reibt mit dem Daumen über die mit Eis bedeckte Oberfläche. Es knirscht. "Das wird es wahrscheinlich nicht überleben", sagt er und betrachtet die umliegenden Weinstöcke, deren Blätter alle ähnlich schimmernde Eisdecken zeigen. "Zeit, die Tore zu öffnen", sagt er und läuft bergab zur Grundstücksmauer. Der Frost soll durch die Öffnungen in der Weingutsmauer auf die Weinbergstraße fließen können. Viel mehr könne er jetzt nicht tun, sagt Aust bedauernd.

Auf zwei Grad unter Null fällt das Thermometer in dieser Nacht und Aust bleibt kaum mehr, als die Feuer zu unterhalten und zu beobachten, wie der Frost kommt und geht. "Eigentlich bringen die Feuer nicht viel", sagt er. Die Wärme steigt steil nach oben, strahlt nur in einem engen Umkreis ab. Richtig Wirkung bringen sie nur, wenn sie in dichtem Nebeneinander entzündet werden, oder so stark qualmen, dass der Rauch die Rebpflanzen einhüllt. Beides ist in dem dicht besiedelten Gebiet am Goldenen Wagen, wo Austs Weingut liegt, nicht zu machen. Einen Sinn habe die Nachtwache aber dennoch: "Das ist die Seelenmassage des Winzers", sagt Aust, nicht bitter, sondern mit einem Lächeln. Er fühle sich verpflichtet, bei seinen Pflanzen zu sein und zu sehen, wie es ihnen ergeht.

Aufmerksam verfolgt das Kendall Hamilton, die an einem der Feuer Platz genommen hat. "Friedrich beobachtet das Wetter wie ich die Börsennachrichten verfolgt habe", sagt die 27-jährige US-Amerikanerin und zeigt strahlendes kalifornisches Lächeln. Eigentlich gelernte Bänkerin und Marketingfrau, will sie auf Weinbau umsatteln. In ihrer Heimat sind die Preise für Land wegen anhaltender Wasserknappheit im Sinkflug - ihre Chance, gemeinsam mit Partnern ein Weingut zu gründen. Zuvor will sie in Good Old Germany einiges zum Weinbau lernen, von Winzer Aust, den sie im Herbst auf dessen Urlaubsreise in Kalifornien kennen und schätzen gelernt hat.

Erste Lektion ihres Praktikums: Spätfröste. In Kalifornien werde damit ganz anders umgegangen, sagt sie. Dort drücken große Propeller den Frost einfach weg. Anderswo wird das mit einem Hubschrauber gemacht, sagt Aust. Alles keine Optionen für das enge Elbtal, wo Wohngebiete und Weinberge so dicht nebeneinander liegen. Ein Kulturraum eben, der Kendall Hamiltons Augen zum Leuchten bringt. "Alles hier ist so alt", sagt sie. "In Kalifornien, wo die meisten Weingüter nicht älter als 20 Jahre sind, hätte man das schon längst für das Marketing genutzt", sagt sie. Auch die Deutschen können von der US-Amerikanerin lernen.

Schon kurz vor Ostern hat Spätfrost für Erfrierungen gesorgt, Austs etwa fünf Hektar großen Rebflächen blieben damals noch verschont. 5 Uhr morgens zeigt sich deutlich, dass das diesmal anders ist. Triebe neigen sich, Weinblätter rollen sich ein. "Morgen sieht das aus wie Tabak", sagt Aust. Dabei hatte der Winzer viel getan, das zu verhindern. Vor allem die Zeit vor dem Frost sei wichtig, erklärt er am Feuer sitzend. Aust hatte die Wege zwischen den Rebzeilen, wo sonst eine Weizen-Wickenmischung Unkraut keinen Raum lässt, gemäht und gemulcht. Der Frost hätte sich sonst auf die hochstehenden Gräser legen können, als seien sie ein Kissen. In Bodennähe wird er wenigstens so lange wie möglich von den jungen Trieben ferngehalten. Das gilt nicht für Neupflanzungen, die allerdings zumeist noch in der wärmenden Erde liegen, die über sie angehäuft wurde.

Trotz allem nun die Schäden. "Gegen Spätfrost ist kein Kraut gewachsen", sagt Winzer Aust. Warum dann überhaupt Weinbau in Sachsen, wenn er hierzulande so gefährdet ist? Mit dem Tieffrost 2009 oder dem Starkregen 2010 haben Wetterkapriolen gerade in den letzten Jahren für erhebliche Ernteverluste gesorgt. Aust wird nachdenklich. "In guten Jahren hinterfragt man das nicht", sagt er. Und in schlechten? Weinbau präge die Landschaft seit mehr als 850 Jahren, antwortet er. Schwankungen habe es dabei immer gegeben. In guten Jahren profitiere der hiesige Wein von den kühlen Sommernächten, die für seine feine Säure sorgen, in schlechten Jahren gebe es eben Probleme. Wobei sich gut und schlecht im Jahreslauf meist die Waage halten, wirklich schlechte Ernten seien eher die Ausnahme. "Das ist jetzt eben der Haken für den guten Beginn", sagt Aust. Das Weinjahr hatte nach dem milden Winter zwei, drei Wochen früher begonnen, jetzt also der späte Ausgleich.

Er kommt zu spät für viele Winzer. Lange hatten sie eine Frostrute stehen gelassen, die als Ersatz im Erfrierungsfall dient. In den warmen Tagen Ende April haben die meisten Winzer sie weggeschnitten, weil sie der eigentlichen Rute die Kraft nimmt. Die Schäden werden nach dem frostigen Sonntagmorgen und der Nacht zu Montag, in der die Temperaturen ebenfalls auf den Nullpunkt fielen, größer ausfallen als noch vor Ostern. Auf etwa fünf Prozent Ernteausfall schätzte Aust am Montag den Schaden, betroffen seien vor allem Bacchus, Weißburgunder und Müller-Thurgau am Hausberg.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.05.2014

Uwe Hofmann

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