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"Der Barbier von Sevilla" als Opernpersiflage an den Landesbühnen in Radebeul

"Der Barbier von Sevilla" als Opernpersiflage an den Landesbühnen in Radebeul

Ist alles noch nicht ganz fertig, aber wir fangen schon mal an. Während der Ouvertüre zu Gioacchino Rossinis komischer Oper werden die Vorhänge herunter gefetzt und wir sehen, was eigentlich nicht für die Augen der Zuschauer gedacht ist.

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Vor IKEA-Kulisse: Kazuhisa Kurumado (Figaro) und Peter Diebschlag (Graf Almaviva), dahinter Patrizia Häusermann (Rosina) und Michael König (Dr. Bartolo).

Quelle: D. Ulbrich

Aufgeregtes Gewusel nervöser Sänger, Kostümproben, Einweisungen durch die Abendspielleiterin und als größter Schreck für alle: der Interpret für die Titelpartie springt kurzfristig ein. Wahrscheinlich kennt er die Fassung der kritischen Ausgabe von Alberto Zedda, die in Radebeul zugrunde liegt, nicht, die Bühnenverhältnisse sowieso nicht und ist viel zu schmal und auch etwas zu kurz für das Kostüm. Also wird dem Bariton Kazuhisa Kuromada als rettender Figaro ein falscher Bauch verpasst und schon passt er in die Hose. Er wird immer wieder mal seine Requisiten vergessen, seitenverkehrt auf- oder abtreten und am Ende dem Souffleur sehr dankbar sein.

Am Bühnenbild (Ulrike Kunze) muss noch schnell gehämmert und geschraubt werden, ganz opernmäßig wird aber nur so getan, der Elektrobohrer surrt ganz ohne Schraube nur zum Schein, die Lamellenwände im Stile praktischer IKEA-Katalogansichten stehen längst sicher montiert. Es geht treppauf und treppab, geschickt genutzt, lassen sich die Wände am Balkon weit öffnen, wie es nach Sonnenuntergang in Sevilla üblich sein mag, nach innen geklappt geben sie eine gefängnisartige Kammer für die vom alten Doktor auf Freiersfüßen, den Michael König gibt, argwöhnisch bewachte junge Schönheit. Alle Vorsicht aber ist vergebens, denn am Ende legt der Tenor Peter Diebschlag als selbstverliebter, feminin konnotierter Graf Almaviva das temporäre Objekt seiner Begierde zwecks öffentlicher Reputation und Wahrung schönen Scheins an seine goldene Kette.

Sein Freund Figaro ist dabei nicht nur zuverlässiger Einseifer, er kennt auch Finten, Tricks und Verstellungskünste. Und wenn das alles nicht hilft, dann hilft des Grafen Gold in barer Münze. So ist die Komik dieser Oper doch ein wenig mehr als nur der blanke Spaß - und das im Finaletto kurz und knapp besungene Glück alles andere als vollkommen. Da hat wohl doch das beklommene Herz der koloraturgewandten Mezzosopranistin Patrizia Häusermann als Rosina eine falsche Antwort gegeben. Fortsetzung folgt, verschärft und mit Migräne bei Mozart, wenn Figaro Hochzeit macht, Rosina Gräfin ist und die Kleider einer Jüngeren anziehen muss, um wenigstens im Dunkeln in die Nähe ihres Gatten zu gelangen.

Aber das fragt man sich ja ohnehin immer wieder in der Oper: Warum Frauen auf Tenöre stehen und warum den Tenören die Herzen des weiblichen Publikums zufliegen, wo sie doch gerade deren Vertreterinnen auf der Bühne oftmals dermaßen schlecht behandeln? Haha, es lebe das Klischee, dick aufgetragen. Dazu gehört auch noch das nach vielen Seiten offene, vor allem für Geldflüsse von allen Seiten offene Treiben eines profimäßigen Intriganten und das Spiel einer Zofe mit unschuldsvollem Blick und zielgerichtetem Zugriff. Hagen Erkrath singt den Verleumder und Iris Stefanie Maier macht sich in höchsten Tönen ihren Reim auf die der anderen.

Das alles und etliches mehr erlebt man jetzt an den Landesbühnen im Schnellkurs zum Thema Opernalltag auf Abstecher. Regie führt Annette Jahns: Sängerin, Performerin, Regisseurin, sie kennt sich aus, auch auf den Opernbühnen im Lande Rossinis. Sie weiß, wie es zugeht vor, auf und hinter der Bühne. So kann sie mit Lust tief in die Kisten der Erfahrungen und Klischees greifen und bei mächtigem Augenrollen genau jene Situationen ausstellen, die sprichwörtlich alles bedeuten, was der weise Volksmund meint, wenn er von ganz großer Oper spricht, viel Wind um wenig.

Dass es mitunter aber doch an Tempo und Brillanz gebricht, mag an der gewählten Fassung liegen. Manche Arien werden im ohren- und kehlenfreundlichen italienischen Original gesungen, mache aber in bremsendem Deutsch. Zum blitzenden Parlando in den deutsch gesungenen Rezitativen kommt es kaum und gesprochene Dialoge bremsen erst recht. Am Pult steht Maestro Michele Carulli. Er widmet sich dem Abend mit geradezu körperlichem Einsatz, das Orchester aber scheint davon ziemlich unberührt zu bleiben. Die Damen und Herren des Orchesters der Elblandphilharmonie Sachsen, die an diesem Abend im Graben sitzen, dürften schon ein wenig inspirierter und vor allem temperamentvoller und weniger "vielharmonisch" aufspielen. Am Ende viel Applaus und herzlicher Jubel, besonders für die Sängerinnen und Sänger, alles auf Hoffnung. Boris Michael Gruhl

nächste Aufführungen in Radebeul: 2., 16.11., 13., 25.12. www.landesbuehnen-sachsen.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.10.2012

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