Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 18 ° Gewitter

Navigation:
Google+
DNN-Ausflugsserie: Durch die Idylle in eine andere Welt

DNN-Ausflugsserie: Durch die Idylle in eine andere Welt

Nach der Kurve beginnt eine andere Welt: Es ist, als habe eine Zeitmaschine ein halbes Jahrzehnt eingefroren. Dort, im tschechischen Grenzort Moldava, nur wenige Kilometer von Altenberg entfernt, sind die wilden Neunziger der raubtierkapitalistischen Nachwendezeit auf einmal wieder da.

Von Katrin Tominski

Fast so, als wären sie nie weggewesen.

Die Waren reihen sich im Überfluss aneinander: Das Kristallgeschirr, der Schmuck, die Pullover, Jacken, Schuhe, Unterwäsche. Damals wollte jeder hierher, an die Grenze, auf den Markt. Sich ein Stück vom neuen Wohlstand abschneiden, endlich mal konsumieren. Hemmungslos und bunt. Mit fetziger Mode, Zigaretten, Alkohol, Uhren und Schmuck. Schluss mit der grauen Mangelwirtschaft. Es lebe das neue Leben.

Auf den Märkten an der Grenze offenbarte sich nach dem Mauerfall die neue westliche Welt, bunt, schillernd - und vor allem bezahlbar. Hier gab es die Levi's 501 für 40 statt für 160 Mark. Hier kosteten Uhren und Sportschuhe die Hälfte und Zigaretten ein Viertel des herkömmlichen Preises. Eine ganze Gesellschaft lechzte nach Konsum und wurde fündig, unter anderem im Grenzort Moldava.

Das ist nun fast 20 Jahre her. Viele ostdeutsche Regionen sind zu blühenden Landschaften gewachsen. Dazwischen liegen kleine Städte, hübsch, malerisch, saniert mit EU- und Solidarpaktmitteln. Nichts ist, wie es einmal war. Nicht die Regionen, nicht die Städte und erst recht nicht die Menschen.

Nur hier in Moldava ist die Zeit stehen geblieben und hat die Kulisse eingefroren. Eine Kulisse allerdings, in der die Gäste fehlen. Die asiatischen Verkäufer lungern gelangweilt an der Straße gen Osten herum. Einsam sitzt ein Mann vor dem Shop 666 auf seinem Stuhl. Neben ihm sind Jeanshosen auf Schaufensterpuppen drapiert. Doch heute probiert keiner die kopierte Levi's und auch nicht die Diesel. Die einzigen Besucher verirren sich in das mit roten Schildern gespickte Einkaufszentrum am Platz. Dort thronen Zigaretten über der Verkaufstheke. Neben Sprit sind sie der einzige Grund, warum so mancher Erzgebirgler noch heute über die Grenze fährt.

Wenige Meter weiter ziert ein grauer Stein mit vier bunten Wappen den Straßensaum. "Ceska Republik" steht dort geschrieben. Das ist alles, was von der einst so stark bewachten Grenze übrig ist. Hundert Meter von der Kurve bis zum Grenzstein dauert die Reise von der idyllischen Natur in das Relikt der Zeitgeschichte.

Nicht mehr da sind auch die Frauen und die Mädchen, die hier ihre Körper verkauften. An sexhungrige Kraftfahrer, Touristen, Familienväter. Die Ausläufer des "längsten Straßenstrichs Europas" am naheliegenden Grenzort Zinnwald waren bis Moldava zu spüren. Heute ist es ruhiger geworden. "Dem Straßenstrich gehen die Freier aus" titelten Zeitungen bereits im Jahr 2009.

Der Aufenthalt im tschechischen Städtchen Moldava ist nicht nur der interessante Teil der Ausflugstour, sondern auch der Wendepunkt des malerischen Ausfluges durch die Weiten des Erzgebirgskamms.

Bereits zu Beginn, kurz nach Dresden - auf der Bundesstraße 170 in Richtung Dippoldiswalde - kann der versierte Ausflügler erahnen, welche Ausblicke ihn erwarten. Nach der Possendorfer Senke offenbaren sich in 400 Metern Höhe erste (Weit-)Blicke über das Kreischaer Tal.

Einem sanften Gefälle folgend, kann am Hafterteich kurz vor dem kleinen Ort Oberhäslich ein erster kurzer Stopp eingelegt werden. Der Ortsname leitet sich übrigens nicht vom Adjektiv "hässlich" ab, sondern ist auf die Bezeichnung "Heselich" zurückzuführen. Das bedeutet so viel wie "Ort am Haselbusch". Der Hafterteich gilt, abgesehen von den Talsperren, als eines der größten Standgewässer zwischen Mulde und Elbe.

Nur wenige Kilometer weiter Richtung Erzgebirge liegt die 10 000-Einwohner-Stadt Dippoldiswalde. Ihr malerischer Stadtkern lädt zum Spazieren und Verweilen ein. In der restaurierten Stadtkirche "St. Marien und Laurentius" lässt sich eine wunderschöne Orgel bewundern. Kunstinteressierte können im Dippoldiswalder Schloss die Osterzgebirgsgalerie besuchen. Die als Amtssitz der Markgrafen von Meißen erbaute Schlossburg wurde zum Schutz des im 12. Jahrhundert aufblühenden Bergbaus errichtet und im 16. Jahrhundert zum modernen Renaissance-Schloss umgestaltet. Heute beherbergt sie neben der Galerie auch das Amtsgericht.

Um die Tour an einem Tag zu schaffen, bleibt allerdings nicht viel Zeit zum Bummeln. Flugs geht es weiter nach Elend - einen Ort mit diesem Namen gibt es übrigens auch im Harz, direkt neben der Gemeinde Sorge. Sorge ist hier allerdings nicht zu finden, nur "Elend" erstreckt sich in 434 Metern Höhe zwischen Maisfeldern und Windrädern. Wenige Kilometer weiter führt die Straße dann durch das verwunschene Oberfrauendorf am Fuße des Luchberges. Verlassene morbide Häuser wechseln mit charmant sanierten Anwesen, die erahnen lassen, wie prächtig die Dörfer einst gewesen sind. Tuckernde Traktoren machen die ländliche Idylle perfekt. Ganz nah wirkt das sagenumwobene Erzgebirge, an dessen Fuße die Welt in bester Ordnung zu sein scheint.

Nur noch 20 Kilometer sind es bis zur Kur- und Sportstadt Altenberg, dem touristischen Zentrum des Osterzgebirges. Zahlreiche Wanderwege beginnen in der durch den Zinnerzbergbau berühmt gewordenen Stadt.

Wem die Zeit bleibt, ist ein Abstecher auf den nahen Kahleberg zu empfehlen. Mit 905 Metern ist der bewaldete Quarzporphyr-Höhenrücken im Osterzgebirge der höchste Berg auf deutscher Seite. Von hier aus sind es nur noch wenige Meter bis nach Moldava - in die andere Welt. Alles was danach kommt, wirkt unspektakulär und umso idyllischer: das Zollhaus, Hermsdorf, Frauenstein. Der Grenzort entlässt den Besucher mit Erinnerungen, die längst auf dem Dachboden der Vergangenheit verstaut waren.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Region News

Ob zur Entspannung, in der Mittagspause oder zum Spaß mit Freunden. Auf unserer Spieleseite können Sie wählen zwischen Denksport-, Geschicklichkeits-, Such- und Sportspiele. Jetzt gratis spielen im Spieleportal von DNN.de! mehr

20.07.2017 - 11:26 Uhr

Den Gastgebern ging im Spielverlauf allmählich die Konzentration aus. (mit Fotos)

mehr