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"Acts of Goodness" als deutsche Erstaufführung, Gisela Kahl heißt singend "Willkommen"

Gutmenschen im Hilfswahn "Acts of Goodness" als deutsche Erstaufführung, Gisela Kahl heißt singend "Willkommen"

Die deutschsprachige Erstaufführung "Acts of Goodness" als "Utopie" - so der Untertitel des zweiten Radebeuler Theaterspektakels - anzubieten, ist schon recht gewagt. Viel besser passt es zu "Irrtümer".

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"Acts of Goodness" mit Sandra Maria Huimann und Moritz Gabel.

Quelle: Hagen König

Radebeul. Die deutschsprachige Erstaufführung "Acts of Goodness" als "Utopie" - so der Untertitel des zweiten Radebeuler Theaterspektakels - anzubieten, ist schon recht gewagt. Viel besser passt es zu "Irrtümer", deren Hauptüberschrift, und auch parallel in die Startzeitebene zu "Warten auf Godot". Denn gewartet wird beim Kurzdrama des Schweden Mattias Anderson in Regie von Steffen Pietsch niemals. Eher im Gegenteil: Ein Quartett spielt drei Dialoge, immer wieder zerstückelt von eingeschobenen episodischen Erzählungen, vorgetragen als Monolog.

Der Göteborger des Jahrganges 1969 recherchiert für seine Geschichten gründlich, so dass sowohl die kleinen Einschübe über vermeintlich gute Taten junger Europäer als auch die drei Zweikämpfe - zwischen verletztem Täter und hilfsbereitem Opfer (Moritz Gabriel und Jonas Münchgesang), einem überforderten Ehepaar (Sandra Maria Huimann und Moritz Gabriel) im Streit um den Grund einer von ihm gespendeten Reise für sie sowie einer gut situierten jungen Christin und einer rumänischen Bettlerin (Sandra Maria Huimann und Cordula Hanns), wobei im Hilfsrausch all das Unnütze inklusive Tablet und Handy verschenkt wird - den Zwiespalt jener Akte der Freigiebigkeit zeigen: Tut man Gutes wirklich für den anderen oder mehr für sein eigenes Ego?

Eher Doku-Theater

Da es nach dem herzlichen Beifall als eine Art Stückentwicklung angekündigt ward, die am 3. Dezember hier noch einmal eine Art Premiere feiern und im März auch in den Kulturhäusern von Böhlen und Freital funktionieren soll, aber zuvor zweimal vom Kino Königstein (17. und 20. November, je 19 Uhr) gebucht ist, bietet sich Überarbeitung und Ergänzung an. Eigene Storys über vermeintlich gute Taten nimmt das Regieteam gern entgegen, lädt Pietsch das Publikum ein. Er könnte vielleicht auch nochmal über die vielen harten Schnitte und das störend-blendende Licht nachdenken. Aber auch dann bleibt es mehr Doku-Theater, gut als Grundlage zur Diskussion unter Jugendlichen, aber ohne utopische Gedankentiefe.

"Bienvenue / Welcome / Willkommen" heißt der abschließende Liederabend in der Goldnen Weintraube. Hier überraschen zwei Besetzungen: Ballettchef Carlos Matos, der ja schon in "Fame" seine Gesangqualitäten bewies, erinnerte mit einem bewegenden Vortrag von "Grandola vila morena" zum Abschluss an die portugiesische Nelkenrevolution von 1974, die er als Zehnjähriger live erlebte. Und Patrizia Häusermann, alleinig Abgeordnete aus der Musiksparte, musste sich und ihre Stimmkraft sichtlich zügeln, um die anderen nicht gänzlich leise wirken zu lassen. Sie bot mit dem "Leiermann" und dem "Zündholzlied" die musikalischen Perlen des Abends.

Ansonsten war der als "Lieder von der Freiheit des Liebens, Leben und Denkens" auserwählte Mix recht wild: Von Heinz Rudolf Kunzes "Keine Angst" über Janis Joplins "Benz" und Rio Reisers "Halt dich an deiner Liebe fest" bis zu Dylans "Masters of War" gab es Liedgut aus einer Zeit, an der man noch an das Gute an der Menschheit glaubte - während einige (es war Freitagabend gegen elf) im Publikum schon nervös an ihren Smartphones fummelten und eine von den Technikern unbezwingbare Grille im Holzgebälk der Heizung laut mitsang.

Holger Uwe Thews, der jüngst noch als Charley's Tante seine Gesangsqualitäten bewies, hatte per Kehlkopfentzündung Schweigeverbot, spielte aber tapfer und gut Gitarre, Mirko Warnatz sprang für ihn rasch ein. Chefdramaturgin Gisela Kahl inszenierte das unter Nutzung des ganzen Raumes, wobei Michael Heuser ein Textstück vom leider verstorbenen Chefempörer Stéphane Hessel über die allgegenwärtige Polykrise vortrug und somit einen quasi vorahnenden Bogen gen Paris schlug. Grandios in der Rauheit ihrer Stimme: Cordula Hanns, einzige Schauspielerin des Abends mit Doppeleinsatz.

Das funktioniert schon leidlich, ergibt aber kein abendfüllendes Vollprogramm und hat bestenfalls mit vergangenen, schwelenden oder diskreditierten Utopien zu tun. Auch der Tanzabend D.A.L.I. oder die recht junge Uraufführung "Sehnsucht Kuba" darunter zu verorten, ist nicht so naheliegend. Außerdem bleibt die Kritik aus dem ersten Jahrgang bestehen: Trotz der merklichen Verkürzung einzelner Angebote wäre weniger wohl mehr fürs Publikum gewesen - vor allem, um das Zeitmanagement zu optimieren, um nicht unterschiedlich lange Pausen, aber dafür am Ende Luft für einen gemeinsamen Ausklang zu haben.

Dass man zwei Mal wiederkommen muss, um alle neun Stücke sehen zu können, ist Konzept. Aber dass man auch drei Mal braucht, um alle fünf neuen Inszenierungen zu sehen, ist schlicht unnütz. Denn man muss nicht zum Start gleich drei Premieren, in der zweiten Zeitebene dafür nix Neues anbieten. So fällt wohl, angesichts der parallelen Konkurrenz, leider das Figurentheater - letztes Jahr groß als neue (Ein-Mann-)Sparte angekündigt, auf der Netzpräsenz aber nur schwer unter Schauspiel zu finden - (so wie hier) hinten runter. Dort weist Shaws "Die Abenteuer des schwarzen Mädchens auf der Suche nach Gott" leider auch noch keine Folgetermine auf. Die einzig beiden bekannten Chancen sind so derzeit das Spektakelumfeld am kommenden Wochenende (je 18 Uhr auf der Probebühne P25).

Voller Huld vor der Kunst

Vor allem jene, die jemals das alljährliche Senftenberger Spielzeitstartspektakel erlebt haben, wissen, was die dortigen Besucher dem ersten sächsischen Experiment voraus haben: Alle genießen auch gemeinsame Erlebnisse, das ganze Haus plus Umgebung sprüht vor klugen Einfällen und preiswerten Kulinarien, die Aura ist - so wie jüngst brechtgerecht - voller Huld vor der Kunst. Das ist in einem Ein-Sparten-Haus natürlich leichter, denn es ist absolute, auch thematische Konzentration vonnöten. Die Neue Bühne kommt dafür frisch aus der Sommerpause, baut auf Spätsommerwetter - und leistet sich dann volle Pulle über anderthalb Monate lang nur dies als Kraftakt für alle.

Die Spannung auf das Überthema der dritten Folge der Radebeuler Irrtümer anno 2016 hält sich - nach "Familienwahnsinn" und "Utopien" - angesichts der weiten Auslegung derweil noch in Grenzen.

Andreas Herrmann

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