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Abgefahrenes Gotteshaus - Meißner Heilsarmee ist mit einer hölzernen "Kirche auf Rädern" unterwegs

Abgefahrenes Gotteshaus - Meißner Heilsarmee ist mit einer hölzernen "Kirche auf Rädern" unterwegs

Dass man als Kirche zu den Menschen hingehen müsse, wenn die Menschen nicht mehr in die Kirchen kämen, hört man oft von Kirchenvertretern. Gerry Dueck hat Ernst gemacht damit: Seine Kirche kommt über Land zu den Menschen gefahren.

Vorn hat sie das Fahrerhaus eines VW-Transporters, rot lackiert, mit dem Wappen der Heilsarmee. Dahinter auf das Fahrgestell draufgebaut ist ein Kirchlein aus hellem Holz. Deren vorderen Giebel krönt ein Kreuz. Den hinteren schmückt das Bild eines Christophorus, der das Jesuskind auf der Schulter durch die Fluten trägt, gestaltet im Stil eines Bleiglasfensters.

Tom Rehders hat dieses rollende Gotteshaus gebaut, ein Niedersachse, der Wagen für Schausteller fertigt, erklärt Ole-Per Wähling. Der Meißener Rechtsanwalt engagiert sich ehrenamtlich mit seinem Verein "Lebensfahrten" an dem Projekt. Drin ist eine kleine Kaffeeküche mit Herd und Kühlschrank eingebaut. Um den Tisch finden etwa zehn Leute Platz. Wo immer Dueck mit seiner "Kirche auf Rädern" in der Region rings um Meißen auftaucht, drehen sich die Leute danach um. Genau diese Aufmerksamkeit hat er sich immer gewünscht.

Gerald Dueck, den alle Gerry nennen, ist 65 Jahre alt und Feldsergeant der Heilsarmee. Er hat deutsche Wurzeln und stammt aus Kanada. Dort gehörte er den Mennoniten an, einer evangelischen Freikirche, die ein Leben gemäß der Bergpredigt fordert, nur Erwachsene tauft, Ehescheidung verpönt und Kriegsdienst verweigert. Seit 2001 arbeitet er in Meißen für die Heilsarmee. Mit seiner Frau Blanca ist er schon seit anderthalb Jahren unterwegs. "Ich bin der, der gern auf der Straße ist", sagt er.

In Meißen, Freiberg, Großenhain, Freital und in Oschatz ist er Woche für auf Tour. Schenkt Suppe und Kaffee in Bechern aus, betet mit den Leuten und erzählt ihnen Geschichten aus der Bibel. Menschen kommen da hin, die Flaschen sammeln, Omas, Opas, Migranten, eine Mutter mit anderthalbjähriger Tochter. Menschen, die oft am Rand der Gesellschaft in prekären Verhältnissen leben.

Jene, denen sich Jesus bevorzugt zuwandte, Gerry Dueck. Und zitiert aus dem Lukasevangelium, in dem Jesus von einem Festmahl erzählt, dem die eingeladenen Begüterten fern bleiben. Worauf der Gastgeber seinen Diener auffordert, die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen einzuladen. Ein Gleichnis für das Reich Gottes.

Denen, die es besonders schwer haben, will Dueck eine Ahnung davon vermitteln. Bislang hat er sich dazu das Fahrzeug der Dresdner Heilsarmee geborgt. Nun hat er endlich sein eigenes. So wie er es sich gewünscht hat: Gemütlich, aber auch ein bisschen schräg. Finanziert haben es Spender, Kleinunternehmer, meist, indem sie das Fahrzeug ausgebaut haben. "Nun gebe ich nicht nur von oben herab Suppe aus, sondern kann mich mit den Leuten austauschen. Vielleicht kommen einige auch zum Glauben."

Menschen das Evangelium zu bringen, die "Frohe Botschaft" also, ist in seinen Augen mindestens genau so wichtig wie etwas Warmes im Magen. "Wir haben einen Auftrag." Deshalb hängt an einer Wand in der Minikirche ein Flachbildschirm für Präsentationen über die Bibel und christliches Leben.

"Ich dachte erst, das Ganze ist ein bisschen abgefahren", gibt Andreas Stempel zu, evangelischer Meißner Superintendent im Ruhestand. "Dann aber habe ich gesehen: So etwas ist möglich." Deshalb hat er die fahrbare Kirche auch mit einem kirchlichen Ritual ihrem Zweck gewidmet.

Um Vertrauen bei Menschen zu bekommen, denen das Leben hart mitgespielt hat, braucht Dueck Zeit und Geduld. Bei Andrea und Lothar Richter aus Meißen ist er damit angekommen. "Gerry hat uns unterstützt", erzählt die korpulente Frau. "Auch, als wir Gerichtsverfahren wegen der Kinder hatten."

Auch Manuel Maaß sitzt mit am Tisch. Mit kariertem Hemd und breitkrempigem Hut sieht er aus wie ein Cowboy. Getauft und konfirmiert ist der gebürtige Berliner. "Aber irgendwann ist die Verbindung abgerissen." In Meißen auf der Arbeitsagentur fragten sie ihn, ob er sich einen Ein-Euro-Job bei der Heilsarmee vorstellen könne. "Heilsarmee? Hatte ich noch nie gehört. Gut, hab ich gesagt, wenn die mir nicht gleich die Bibel und den Kirchensteuerbescheid auf den Tisch knallen."

Das hat Dueck nicht gemacht. Statt dessen hat er Maaß Aufgaben gegeben. Zum Beispiel, ein Kinderfest vorzubereiten. "Keine Ahnung, wie ich das allein machen sollte, Gerry einen Tag vorher noch unterwegs. Doch dann haben die Leute aus dem Park, die Säufer, mir beim Aufbauen geholfen. Tolle Erfahrung." Die Ein-Euro-Job-Zeit ist längst zu Ende, Maaß dabei geblieben. Zu Gerry sei eine richtige Freundschaft entstanden. "Die Heilsarmee ist mehr als Gemeinde. Für mich ist sie wie eine Familie."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.01.2015

Tomas Gärtner

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