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Erschöpfte Helfer - Pflege fordert Körper und Seele

Familie Erschöpfte Helfer - Pflege fordert Körper und Seele

Pflege ist Familiensache. Meist sind es die Angehörigen, die waschen, Inkontinenzeinlagen wechseln, das Essen reichen. Viele gehen dabei an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit - und darüber hinaus.

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Die meisten Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause versorgt. Die Aufgabe kann die Angehörigen körperlich und seelisch enorm belasten.

Quelle: Mascha Brichta

Witten/Herdecke. "Ich schaff‘ das schon": Die Pflege ihrer Angehörigen zu übernehmen, empfinden viele Menschen als Selbstverständlichkeit. Auf Dauer kann das sehr belastend sein - körperlich und seelisch.

Mehr als 70 Prozent der 2,6 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden nach Angaben des

Statistischen Bundesamts zu Hause versorgt. Die Pflege fordert nicht nur körperlich. Auch die seelischen Belastungen können enorm sein.

Viele "rutschen" in die Pflege hinein, sagt Prof. Angelika Zegelin, Pflegewissenschaftlerin an der Universität Witten/Herdecke im Vorfeld des bundesweiten Aktionstages Pflegende Angehörige am 8. September.

Irgendjemand muss sich ja kümmern, wenn die Schwiegermutter nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt aus der Reha entlassen wird, wenn der Vater immer häufiger orientierungslos auf der Straße steht. Vorher abgesprochen und geplant werde das nur selten: "Das Thema ist in den meisten Familien nach wie vor ein Tabu."

Die Bindung zwischen Pflegebedürftigem und Pflegendem ist sehr eng, beobachtet Zegelin. Viele beantragen weder eine Pflegestufe noch lassen sie sich von Pflegediensten unterstützen. Manche aus Angst vor den Kosten, manche auch aus Scham. Sie rät, "von Anfang an ein Hilfsnetz zu knüpfen". Die ganze Familie muss sich zusammensetzen und die Aufgaben verteilen, "damit nicht einer in der Pflege ertrinkt".

"Viele Pflegende vergessen vor lauter Pflichtgefühl vollkommen sich selbst", erklärt Gudrun Born. Die Frankfurterin pflegte 17 Jahre lang ihren Mann und begann damals Selbsthilfe für Pflegende zu organisieren und schrieb zwei Bücher. Heute engagiert sie sich vor allem in der Interessenvertretung

"Wir pflegen".

Mühsam müssten Pflegende lernen, "sich von Zeit zu Zeit selbst entbehrlich zu machen", sagt sie. Doch das ist schwer: "Man erlebt ja ständig die Hilflosigkeit des Pflegebedürftigen mit und hat deshalb das Gefühl, ihn oder sie einfach nicht allein lassen zu dürfen." Auch das Umfeld macht Druck: "Wie kannst Du hier beim Friseur sitzen? Was ist, wenn während deiner Abwesenheit zu Hause etwas passiert?"

Die enge Beziehung bei der Pflege eines Familienangehörigen kann, weil man sich so gut kennt, manches leichter machen. Aber auch - beispielsweise im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern - vieles schwieriger. "Die Rollenverteilung kehrt sich um", erläutert Ursula Immenschuh, Professorin für Pflegepädagogik an der Katholischen Hochschule Freiburg. "Früher waren die Eltern diejenigen, die sagten, wo es langgeht. Jetzt sind sie plötzlich auf Hilfe angewiesen."

Dadurch brechen möglicherweise alte Konflikte neu auf, aber auch ganz praktische Fragen können zum Problem werden. Es kostet Überwindung, für Vater oder Mutter Körperpflege bis in den Intimbereich zu übernehmen, Ausscheidungen oder Erbrochenes beseitigen zu müssen. "Zu erkennen, wo die eigenen Grenzen liegen, ist ganz wichtig", sagt Immenschuh. "Pflegende müssen sich darüber klar werden, was sie selber machen können und wo sie sich Entlastung holen." Konkrete Beratung gibt es beispielsweise in den Pflegestützpunkten am Wohnort.

Pflege hat auch mit Schuldgefühlen zu tun, sagt Dorothee Unger. Die Psychologin arbeitet bei der

Beratungs- und Beschwerdestelle "Pflege in Not" in Berlin. "Man hat dem Partner das Versprechen gegeben, immer für ihn zu sorgen. Oder glaubt den Eltern etwas schuldig zu sein."

Sich zur Hilfe verpflichtet fühlen, aber aus Erschöpfung nicht mehr helfen können - dieser Zwiespalt kann verzweifeln lassen oder auch aggressiv machen. "Manchmal bekommen wir

Anrufe von Menschen, die furchtbar über sich selbst erschrocken sind, weil sie den Pflegebedürftigen angeschrien oder fester als sonst angefasst haben."

Hinzu kommt die soziale Isolation. "Nicht selten gehen bei einer Jahre andauernden Pflegesituation Freundschaften kaputt", ist die Erfahrung von Gudrun Born. Umso wichtiger sei es, "Beziehungen zu pflegen, solange es einem gut geht". Dann ist es leichter, sich in der Notlage ein entlastendes Hilfenetz aufzubauen.

Besonders hilfreich sind Kontakte zu

anderen Betroffenen, nicht nur, weil diese Menschen Ähnliches erleben, sondern auch "weil sie im Laufe ihrer Pflegejahre zu Experten und Expertinnen ihrer Situation geworden sind, von ihrer Kompetenz können weniger Erfahrene profitieren".

Wer erfolgreich mit Behörden um die Bewilligung von Hilfsmitteln gestritten hat oder den Verlauf einer Krankheit über Jahre miterlebt hat, kann Wissen weitergeben. "Die Pflege ist eine enorme Herausforderung", sagt Unger. "Am besten meistern sie diejenigen, die ihre eigenen Bedürfnisse nicht aus den Augen verlieren."

dpa

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