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Forscher der TU Dresden warnen vor Verfestigung demokratiefeindlicher Meinungen

Kommunikationswissenschaft Forscher der TU Dresden warnen vor Verfestigung demokratiefeindlicher Meinungen

Auf die Menschen strömt heutzutage eine Flut von Informationen ein. Zeitungen, Fernsehen, Internet und vor allem soziale Netzwerke produzieren unentwegt Nachrichten. Für den Umgang damit sollten die Menschen schon in der Schule gewappnet werden, aber genau da haben Wissenschaftler der TU Dresden jetzt Defizite ausgemacht.

Echt oder falsch: Bei Geld schauen die Menschen sehr genau hin. Doch gilt dies auch immer für den Umgang mit Nachrichten und sind dafür die nötigen Kompetenzen ausgeprägt?

Quelle: Kempner

Dresden. Auf die Menschen strömt heutzutage eine Flut von Informationen ein. Zeitungen, Fernsehen, Internet und vor allem soziale Netzwerke produzieren unentwegt Nachrichten. Für den Umgang damit sollten die Leser, Hörer und Nutzer schon in der Schule gewappnet werden, aber genau da haben Wissenschaftler der TU Dresden jetzt Defizite ausgemacht.

„Nachrichtenkompetenz ist als Thema in deutschen Schulbüchern unterbelichtet“, lautet eines der ersten Ergebnisse einer Studie, die unter Leitung von Professor Lutz Hagen vom Institut für Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden im Auftrag der Stiftervereinigung der Presse entstanden ist. Auch in den Lehrplänen würden sich wenige Vorgaben finden, ob und was Schüler im Bereich Journalismus und Nachrichtenkompetenz lernen sollten. Die Wissenschaftler halten das für problematisch: Dabei sei es in Zeiten des Internets und der Sozialen Netzwerke mit ihren vielen Nachrichtenquellen von oft unklarer Herkunft immer wichtiger, sich mit Journalismus und der Qualität von Nachrichten auszukennen.

Immerhin jedes zweite Schulbuch aus den Fächern Deutsch, Geschichte, Ethik und Gemeinschaftskunde in den Ländern Sachsen, Berlin oder Nordrhein-Westfalen geht punktuell auf Nachrichtenmedien und journalistische Inhalte ein. Dabei beschränken sich die Ausführungen aber nur auf wenige Seiten und machten im Durchschnitt allenfalls ein bis zwei Prozent des Textes aus. Auch auf der politischen Ebene wird Nachrichtenkompetenz nicht besonders wichtig genommen: Sowohl in Leitlinien der Kultusministerkonferenz als auch in den Lehrplänen der Bundesländer gebe es bislang nur sehr wenige Vorgaben zur Vermittlung von Nachrichtenkompetenz.

Die Ergebnisse basieren auf einer qualitativen Analyse von Dokumenten der Kultusministerkonferenz (KMK) und Lehrplänen sowie auf einer quantitativen Inhaltsanalyse von insgesamt 339 Schulbüchern der drei wichtigsten Verlage Cornelsen, Klett und Westermann. Im Blickpunkt standen die Bundesländer Sachsen, Berlin und Nordrhein-Westfalen und die Schulfächer Deutsch, Geschichte, Ethik und Gemeinschafts- beziehungsweise Sozialkunde. Die Wissenschaftler untersuchten die Klassenstufen 5 bis 10 in den Schulformen Realschule (Oberschule) und Gymnasium.

„Nachrichtenkompetenz ist wichtig für die Demokratie“, erklärte auf DNN-Anfrage Rebecca Renatus von der TU Dresden, die an der Studie beteiligt ist. In der Schule werde zuwenig über Journalismus und die öffentliche Meinungsbildung vermittelt. „Es ist notwendig, kritisch damit umzugehen, was sind Argumente, was sind Behauptungen, wie wirken Bilder, wie wirken Formulierungen“, fügte sie hinzu. Es gehe bei Nachrichten um die Einschätzung, „glaube ich das oder hinterfrage ich das, haben die Quellen eine Absicht damit, wollen sie etwas suggerieren?“

Um diese Fragen zu entscheiden, werde den Schülern bislang nicht genügend Rüstzeug mit auf den Weg gegeben. Auch zur Bedeutung des Journalismus, zu den Produktionsbedingungen von Zeitungen, Fernsehen und anderen Angeboten sowie zum Mediensystem in Deutschland generell werde im Unterricht bislang zu wenig vermittelt. Ohnehin sei bei Jugendlichen die Nachrichtennutzung geringer ausgeprägt als bei älteren. Viel laufe bei den jungen Menschen über soziale Netzwerke. In der Endkonsequenz könne mangelnde Nachrichtenkompetenz fatale Folgen haben: „Es werden möglicherweise Sachen geglaubt, die nicht wirklich tiefgründig recherchiert sind, so können sich demokratiefeindliche Meinungen verfestigen“, konstatiert Renatus. Jugendliche müssten in der Schule befähigt werden, sich kompetent damit auseinanderzusetzen.

In den Schulbüchern würden sich bereits „erstaunlich viele Bezüge zu Nachrichten und journalistischen Inhalten“, finden. Möglicherweise liege es an den fehlenden verbindlichen Vorgaben in den Lehrplänen, dass diese Ansätze nicht ausgeschöpft würden. Die für Demokratie und gesellschaftliche Teilhabe notwendige Fähigkeit, Nachrichten kompetent rezipieren zu können, hat bisher noch keinen ausreichenden Niederschlag in der Bildungspolitik erfahren, bilanzieren die Wissenschaftler, die ihre Studie noch fortsetzen. In der nächsten Phase sollen Lehramtsstudenten, Studienunterlagen und Landesmedienanstalt hinsichtlich der Vermittlung von Nachrichtenkompetenz unter die Lupe genommen, erläutert Rebecca Renatus.

Das sächsische Kultusministerium reagiert gelassen auf die Untersuchung. Es vergehe kein Schuljahr, ohne das Forderungen nach einem neuen Unterrichtsfach oder nach mehr Kompetenzen der Schüler in den verschiedensten Bereichen aufgemacht würden. „Die Nachrichtenkompetenz ist in Sachsens Lehrplänen auf jeden Fall fest verankert und Thema im Unterricht“, erklärte Susann Meerheim aus der Pressestelle des Ministeriums. Doch allein daran und an dem Textanteil in den Schulbüchern könne nicht auf die Qualität oder den Umfang zu diesem Thema geschlossen werden. Unsere Lehrpläne bilden ein Gerüst, dass von den Lehrern in eigener pädagogischer Verantwortung umgesetzt und ausgefüllt werde. Schulen arbeiteten mit außerschulischen Partnern zusammen. In diesem Rahmen gebe es Zeitungsauswertungen, Besuche von Redaktionen und Nachrichtenstudios. Zudem fördere das sächsische Kultusministerium den Ausbau von Schülerzeitungen. Neugegründete Schülerzeitungen können für den Start eine finanzielle Unterstützung erhalten. „All solche Projekte – und das sind nur einige wenige Beispiele – werden wohl nicht von der Studie erfasst, dienen aber sehr wohl der Nachrichtenkompetenz der Schüler.“

Von Ingolf Pleil

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