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Akustiker in Dresden suchen den verkaufsfördernden Sound

Akustiker in Dresden suchen den verkaufsfördernden Sound

Wie muss ein Staubsauger klingen, damit ein potenzieller Kunde von ihm angezogen wird? An der TU Dresden forschen Experten mit Technik vom Feinsten und im Auftrag der Industrie nach dem richtigen Sound.

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Diplomingenieur Jürgen Landgraf sitzt bei einem Akustik-Versuch zur Darstellung einer Verkehrssituation in einem multimedialen Messlabor der Technischen Universität Dresden.

Quelle: dpa

Auch das Ohr denkt mit: Wenn ein Geräusch partout nicht in die Vorstellungswelt eines Konsumenten passen will, schaltet er schnell auf stur - oder einfach mal ab. „Wir hatten einen Wäschetrockner zum Test, der klang wie prasselnder Regen. Das passt natürlich überhaupt nicht zu dem Gerät", sagt Diplomingenieur Jürgen Landgraf. Als Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kommunikationsakustik an der Elektrotechnik-Fakultät der Dresdner Uni ist er nicht nur für die Zwischentöne zuständig. Ein Team um den türkischen Forscher Ercan Altinsoy fahndet hier nach den perfekten Schallwellen. Wie muss ein Staubsauger klingen, damit er Kraft suggeriert und nicht nervt? Mit welchen Geräuschen darf eine Kaffeemaschine Appetit machen?

Sieben Hochschulen in Deutschland haben eigene Akustik-Lehrstühle. Einer der renommiertesten sei der in Dresden, sagt der Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Akustik e.V. (DEGA), Martin Klemenz. „Die Akustik hat in Dresden eine lange Tradition, von dort kommen viele Preisträger."

„Akustische Signale sind Träger von Informationen", sagt Altinsoy. Sie würden nicht „für sich" stehen, sondern „auf etwas anderes verweisen". Sound-Designer konstruieren Geräusche, die perfekt zum Produkt passen sollen. Es geht um ein Gefühl. Das Röhren eines Ferrari steht für Sportlichkeit, jede Dämpfung des Motorgeräusches dürfte die Ferraristi ans Lenkrad einer anderen Marke treiben. Sound-Design soll Waren „hörbar" machen. „Dem Verbraucher werden Produkteigenschaften ins Ohr gesetzt", beschreibt der 37 Jahre alte Türke das Geheimnis. Dabei löse jedes Geräusch Reaktionen aus. Allerdings müssten sie im Sinne des Produktes auch Sinn machen. Und Regen passe nun mal nicht zu einem Gerät, das etwas trocken machen soll.

Altinsoy führt den Besucher durch sein akustisches Reich. Zunächst geht es in ein Gemach, dessen einzige Tür auf Schienen nach außen gezogen wird. Der „reflexionsarme Raum" wurde schon 1956 eingerichtet und ist für jede Schallwelle tödlich. Die Experten nennen eine solche Umgebung deshalb auch „schalltot". 1000 Kubikmeter Leere, nichts hallt, der Raum wirkt so trocken wie die Atacama-Wüste. Erzielt wird die Wirkung vor allem mit Glaswolle. Sie befindet sich in 1,50 Meter langen Keilen, die wie eng aneinandergereihte Zuckertüten von den Wänden und der Decke hängen. Auch am Boden gibt es diese Struktur. Wer das hallige Nichts betritt, läuft über eine metallene Netzkonstruktion.

Der „reflexionsarme Raum" - der größte seiner Art in Deutschland -

ist ein kleines Wunder. Um minimale Schwingungen vorbeifahrender Fahrzeuge zu vermeiden, ist er vom Rest des Gebäudes „abgekoppelt". Heute ist das „Raum-im-Raum-Konzept" in der Forschung Standard, vor 55 Jahren setzte Dresden damit aber Maßstäbe. Nur ein paar Meter weiter im Keller des Gebäudes folgt das andere Extrem. Der „Hallraum" mit etwas schiefen Wänden - auch das nur für den richtigen Ton - ist mit knapp 200 Kubikmetern Volumen eher klein, assoziiert aber den Klangraum einer monumentalen Kirche. Mit einer Nachhallzeit von 10 Sekunden übertrifft er wohl selbst den Petersdom in Rom.

Größtes Schmuckstück der Wissenschaftler ist das Multimodale Messlabor. Es kostete knapp eine Million Euro und steht seit 2008 zur Verfügung. Es dient für Versuche mit akustischen, optischen und vibratorischen Reizen. Auf einem sogenannten Hexapod - einer Bewegungsplattform mit Sitz - bekommt die Testperson bei einer Fahrsimulation jede kleinste Bodenwelle mit, selbst das leichte Vibrieren des Motors. Doch der Sound übertrifft alles: Hinter akustisch transparenten Wänden sind 468 Lautsprecher versteckt, von denen jeder separat angesteuert werden kann. So lässt sich im „Dschungel-Modus" auch ein Raubtier vernehmen, das etwa 50 Meter im Wald versteckt zu brüllen beginnt. Im der „Bar" klirren im Hintergrund Gläser zum Live-Jazz.

„Im Labor kann man sich wie in der Semperoper, im Auto oder in der Küche fühlen", sagt Altinsoy. Vor allem bei Automobilfirmen haben die Dresdner Resonanz gefunden. „Wir simulieren einzelne Schallquellen, wie sie beim Fahrer ankommen." Wenn der Motor sehr leise ist, kann zum Beispiel das Summen von Elektromotoren für die Steuerung der Sitzposition zum störenden Nebengeräusch werden. Zudem dürfe es eher beunruhigend wirken, wenn Außenwind oder das Rollgeräusch der Reifen den Ton angeben.

Während der Forscher die neue Technik in höchsten Tönen preist, streift sich Doktorand Maik Stamm im Nebenraum einen virtuellen Handschuh voller Sensoren über. Mit ihm soll es später einmal möglich sein, im Internet offerierte Waren „anfassen" zu können. Akustische Signale können das unterstützen. „Wie kann man virtuelle Objekte erkennen? Das ist heute noch ein Nachteil in jedem Online-Shop", sagt der 26-Jährige Stamm und sieht noch viel mehr Anwendungsmöglichkeiten - beispielsweise in der Medizintechnik.

dpa

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