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Einblick in einer der größten Windkraftanlagen in Sachsen

Einblick in einer der größten Windkraftanlagen in Sachsen

24 Tage lang bis zum Weihnachtsabend öffnen die DNN wie bei einem Adventskalender jeden Tag ein ganz besonderes Türchen. Wir blicken hinter Fassaden, in sonst nicht zugängliche Räume und hinter geheime Pforten.

24 Tage lang bis zum Weihnachtsabend öffnen die DNN wie bei einem Adventskalender jeden Tag ein ganz besonderes Türchen. Wir blicken hinter Fassaden, in sonst nicht zugängliche Räume und hinter geheime Pforten. Dieses Mal werfen wir einen Blick in eine Windkraftanlage in Erlau (Landkreis Mittelsachsen), eine der leistungsfähigsten Windmühlen, die es derzeit in Sachsen gibt.

Von Ingolf Pleil

Über dem Kopf dröhnt es gewaltig. Der riesige Turm wirkt in seinem Inneren wie ein Trichter. Von außen sind die Geräusche der sich drehenden "Windmühle" kaum zu vernehmen. Erst wenn man durch die kleine Tür am Fuß des Turms in die Anlage hineingeht, wird es richtig laut. Doch dann ist plötzlich Stille. Der Chef der Firma Energieanlagen GmbH (Waldheim), Frank Bündig, hat aufs Knöpfchen gedrückt. Das Windrad kommt zum Stillstand. Das muss sein, wenn man das Maschinenhaus mehr als 100 Meter über dem Boden "befahren" will. In der Regel zweimal im Jahr kommen Wartungstechniker, dazwischen Bündigs Mitarbeiter. Die Anlage soll sich möglichst drehen, nur so kann sie Strom erzeugen.

Mit dem Aufzug nach oben

Für unseren Besuch macht Bündig eine Ausnahme. Ausnahmslos jeder, der nach oben will, muss sich jedoch in ein Sicherungsgeschirr einspannen lassen. Dann geht es in einen kleinen Aufzug. Zwei Mann können gerade so darin stehen. Dann geht es nach oben, mit einem rasselnden Geräusch wie bei einem Flaschenzug. Frank Bündig muss die gesamte Zeit auf einen Knopf drücken, sonst bleibt der Aufzug stehen. Dabei kann man auch schon mal stecken bleiben, wie ich später erzählt bekomme. Glücklicherweise erfahre ich davon erst, als ich schon fast wieder unten bin.

Langsam zuckelt der Aufzug nach oben. Deutlich sind hier aus der Nähe die einzelnen Segmente sichtbar, aus denen der Turm der Anlage zusammengesetzt ist. Er hat am Boden einen Durchmesser von zehn Metern. Und was von außen wirkt wie Metall, ist bis in eine Höhe von 85 Metern Beton. Solche Elemente könnten im Ganzen aber gar nicht transportiert werden. Die einzelnen Segmente sind verklebt und mit Stahlseilen verspannt, die durch die senkrechten, in den Betonelementen eingearbeiteten Leerrohre gezogen werden. "Die Leerrohre werden von unten vollständig mit Beton verpresst", erklärt Anlagenbesitzer Bündig den Aufbau.

Drehbares Maschinenhaus

Nach fast zehn Minuten hat der Aufzug sein Ziel erreicht. In 126 Metern Höhe. Hier geht es jetzt per Leiter weiter. Aushängen der Sicherung im Aufzug, Einhängen in die Führungsschiene in der Mitte der Steigleiter. Bei Abwärtsbewegungen würde der Haken blockieren. Es geht noch einige Meter hinauf. Dann ist es geschafft. Wir stehen im drehbar gelagerten Maschinenhaus, 133 Meter über der Erde. Messgeräte überwachen draußen die Luftbewegung, mehrere Stellmotoren drehen das auch Gondel genannte Maschinenhaus in den Wind, der möglichst rechtwinklig auf die Rotorfläche treffen soll.

Die Anlage der Firma Enercon ist getriebelos. Ein spezielle Konstruktion des Generators macht die Stromerzeugung auch mit geringeren Drehzahlen möglich. Ab einer Windgeschwindigkeit von rund 2,5 Metern pro Sekunde (7,2 Kilometer pro Stunde) und sechs Umdrehungen in der Minute gibt es erneuerbare Energie, bei 12,5 Metern pro Sekunde (45 km/h) ist die volle Nennleistung von 3000 Kilowatt erreicht. "16 Umdrehungen macht der Rotor dann in der Minute", erzählt Bündig.

Derzeit gibt es in Sachsen etwa 850 Windkraftanlagen. "1030 Anlagen von der Größe wie in Erlau würden genügen, um 35 Prozent des sächsischen Stromverbrauchs abzusichern", rechnet Hans-Jürgen Schlegel vom Verband zur Förderung erneuerbarer Energien (VEE) vor. Zumindest wenn der Wind ausreichend weht. Schlegel legt seiner Aussage den rechnerischen Durchschnittswert von 3000 Volllaststunden zugrunde, 8760 Stunden hat ein Jahr. "Wir haben hervorragende Ergebnisse mit Windenergie in Sachsen", meint Schlegel.

Windstrom nahe am Börsenpreis

Ähnlich sieht das auch Unternehmer Bündig, der natürlich auch sein Geld damit verdient. Er betrachtet die Windenergie im Binnenland als die wirtschaftlichste aller erneuerbaren Energien. Mit neun Cent Einspeisevergütung liege sie nahe an den Börsenpreisen für Strom von sieben bis neun Cent pro Kilowattstunde. Windenergie sorge für Arbeitsplätze, Pachteinnahmen bei Grundstücksbesitzern und Gewerbesteuern für die Kommunen. Bündig würde es begrüßen, wenn die Städte und Gemeinden mehr Einfluss auf die Planung von Windenergiestandorten hätten und diese auch objektiv nutzen würden. Bislang sind dafür regionale Planungsverbände zuständig. Die Verfahren seien aber viel zu schwerfällig, dem technischen Fortschritt könnten sie kaum folgen. Derzeit arbeiteten die Verbände in Sachsen an der zweiten Generation der entsprechenden Regionalpläne, in denen potenzielle Windenergiestandorte ausgewiesen werden. "Bei den Windkraftanlagen sind wir heute bei der neunten oder zehnten Generation", erklärt Bündig.

Kohlestrom ist Verschwendung

Der Widerstand der FDP gegen einen stärkeren Ausbau der erneuerbaren Energie in Sachsen - unter anderem begründet mit drohenden Netzproblemen - ist für Bündig "Polemik". Aufgrund der starken industriellen Infrastruktur gebe es in Sachsen kaum Probleme mit überlasteten Stromnetzen. Deshalb sollten die erneuerbaren so stark wie möglich ausgebaut werden. "Kohle zu verstromen ist eigentlich Verschwendung", sagt Bündig mit Verweis auf den Wirkungsgrad von 35 bis 40 Prozent in Kohlekraftwerken. "60 Prozent werden also weggeschmissen." Dabei sei Kohle für viele chemische Prozesse einsetzbar, für Kraftstoffe, Arzneimittel, Cremes und viele andere Bereiche insbesondere in der Chemieindustrie. Alles Dinge, für die sonst Erdöl eingesetzt werden müsste. Bündig: "Kann es falsch sein, das einzusparen?". Leider habe sich diese Erkenntnis in Sachsen noch nicht durchgesetzt. Leider seien auch die Fronten bei Windkraftprojekten verhärtet. Einer offenen Diskussion würden sich Windkraftgegner häufig verschließen. "Sie haben Angst vor sachlichen Argumenten", meint Bündig. Dabei würden die einschlägigen Vorschriften die Interessen der Anwohner sichern, Lärmgutachten die vorgeschriebenen Mindestabstände häufig noch vergrößern. Sachsen sei von den deutschen Binnenländern das windreichste.

Der Turm kann schwanken

Oberhalb von 13 Metern pro Sekunde (fast 47 km/h) Windgeschwindigkeit - also nach Erreichen der Nennleistung - wird die Anlage abgeregelt, die Flügel werden vom Wind weggedreht, dass die Leistung nicht mehr ansteigt. Erst bei 34 Metern pro Sekunde (122 km/h) würde die Anlage vollständig abschalten. Bei solchen Orkangeschwindigkeiten kann der Turm auch leicht ins "Schwanken" geraten. "Ein halber Meter Ausschlag ist dann schon drin", erläutert Bündig. Beim Gedanken an die 300 Tonnen Gewicht, die hier oben auf dem Mast hängen, wird es nochmal mulmig in der Magengegend. Aber an diesem Tag weht nur ein laues Lüftchen, die Sonne scheint, das kleine Fenster am Ausstieg aufs Gondeldach zieren noch ein paar Eisblumen. "Im Sommer kann es hier drin aber ziemlich bullig werden", sagte Bündig mit Blick auf die Aluminiumhaut. Selbst bei geringeren Außentemperaturen ist es im Maschinenhaus aber nicht gleich eisig kalt. Drehen sich die Flügel, entsteht auch etwas Wärme am Generator. Der Rotor (bewegliches Teil des stromerzeugenden Generators) ist luftgekühlt, der Stator (starres Teil) besitzt sogar eine Wasserkühlung. Draußen weht einem ein leichter Wind um die Nase, angeseilt kann man es sich fast ein bisschen gemütlich machen und die Aussicht genießen.

Notfalls per Leiter abwärts

Doch die Abfahrt steht noch bevor. Ein Mitarbeiter erläutert, dass der Abstieg notfalls auch per Leiter in der Anlage möglich wäre. Sollte der Aufzug einmal streiken, könnten sich die Insassen durch eine Bodenluke des Aufzugs abseilen, erläutert der Techniker und lächelt vielsagend. "Das dient alles der Sicherheit", gehen dem Besucher nochmal Bündigs Worte bei der Auffahrt durch den Kopf. Richtig entspannt ist es dann aber erst wieder mit festem Boden unter den Füßen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.12.2012

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