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„Mein Herz ist in meinem Land“: Türken in Deutschland nach dem Putsch

Anspannung und Demonstrationen „Mein Herz ist in meinem Land“: Türken in Deutschland nach dem Putsch

Schock und Angst: In vielen deutschen Städten haben Türken die ganze Nacht über die Nachrichten vom Putschversuch in ihrer Heimat verfolgt. Am Tag danach schwanken die Reaktionen zwischen Zuversicht und Angst vor der Zukunft

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"Bleib aufrecht - das Volk ist mit dir" steht am 16.07.2016 in Berlin bei einer Demonstration auf dem Schal einer Frau vor dem Botschaftsgebäude der Türkei. Nach Angaben der Polizei demonstrierten dort 500 Menschen gegen den Putschversuch des türkischen Militärs.

Quelle: dpa

Berlin. In dieser Nacht hat in Berlin-Kreuzberg kaum eine türkische Familie viel geschlafen. Schon vor Mitternacht nach den ersten Meldungen vom Putschversuch in der Heimat liegt eine angespannte Stille über einigen Straßen und Plätzen des beliebten Ausgehviertels, in dem eine der größten türkischen Auslandsgemeinden lebt.

Nur die Fernseher werden lauter gestellt. Im üblichen Feiertrubel einer Kreuzberger Nacht blicken viele Türken bis hin zu den Taxifahrern immer wieder sorgenvoll auf ihre Smartphones und telefonieren mit Verwandten in der Heimat.

In der Nacht zum Samstag hatten Militärs in der Türkei versucht, die Macht an sich zu reißen. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan rief die Menschen dazu auf, auf die Straße zu gehen. Dem Appell folgen auch viele Türken in Deutschland.

Allein 3000 ziehen in Berlin spontan vor die türkische Botschaft, Tausende weitere versammeln sich in der Dunkelheit vor Konsulaten in München, Frankfurt, Hamburg und Hannover zum Protest. Es bleibt friedlich. In Nordrhein-Westfalen gehen 10 000 Menschen mit türkischem Pass oder türkischen Wurzeln auf die Straße. Am frühen Morgen erklärt Erdogan den Putsch der Streitkräfte für gescheitert.

Schock und Angst: In vielen deutschen Städten haben Türken die ganze Nacht über die Nachrichten vom Putschversuch in ihrer Heimat verfolgt.

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Am Samstagvormittag laufen die Fernseher in Kreuzberg noch immer. In Selim Adanurs Frisörsalon in der Oranienstraße ist der Putsch das Thema des Tages. „Schrecklich“, sagt er. „Die Türkei ist doch nicht Angola.“ Selim Adanur hat in der Nacht mit seinem Vater und seinem Bruder in Bursa telefoniert, der viertgrößten Stadt der Türkei. „Sie waren auf der Straße“, berichtet er aufgeregt. „Da haben Armee und Polizei aufeinander geschossen.“

Der Frisör schüttelt den Kopf. „Ich bin nicht sehr für Politik, aber mein Herz ist in meinem Land.“ Erdogan sei demokratisch gewählt. „Er hatte das Recht, so zu handeln.“ Mit der Armee und Gewalt ließen sich Konflikte nicht lösen, die Türkei sei schließlich auch nicht Ägypten. „Das wird jetzt alles wieder besser“, ist der Frisör überzeugt.

Im nahen Zeitungskiosk hat Erkendi Yasin dunkle Ringe unter den Augen. Er war die ganze Nacht wach. „Ich hatte gehofft, Erdogan kommt endlich weg.“ Nun werde alles nur noch schlimmer, seufzt er, vor allem für die Minderheiten in der Türkei, für Kurden oder Aleviten. Yasin ist verzweifelt. Traurig blickt er auf seine Zeitungsstapel. Gestern Nizza, heute die Türkei.

„Man kann es als Zeichen der Reife verstehen, wenn sich die Leute gegen Panzer, gegen das Militär stellen, um das Parlament zu verteidigen“, sagt Gökay Sofuoglu, Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Das spreche für eine demokratische Sensibilität. In Berlin mahnt die Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) zur Besonnenheit. „Es dürfen nicht noch mehr Menschen sterben.“

Im Kreuzberger Dönerimbiss an der Oranienstraße ist der Chef am Samstagmittag noch nicht da. Mitarbeiter Ali sitzt allein auf einem Hocker und starrt bedrückt auf den Fernseher an der Wand. „Ich hätte nie gedacht, dass es in der Türkei noch einmal einen Militärputsch geben würde“, sagt der 36-Jährige. „Das ist doch so was von Vergangenheit.“ Ali trauert: Einer seiner Verwandten sei in der Nacht in Istanbul getötet worden. Seinen Nachnamen möchte er nicht nennen, er hat Angst. „Ein Putsch ist keine Lösung, Erdogan auch nicht“, sagt er verzweifelt.

Ein türkischer Taxifahrer am Oranienplatz rätselt über die Hintergründe des Putsches: Das Ganze könne womöglich ein tragisches „Theater“ sein, das nicht unbedingt nur von der Armee ausgegangen sein könnte: „Wer weiß schon, wer wirklich dahintersteckt?“

Eine Verkäuferin in der türkischen Bäckerei in der Kreuzberger Oranienstraße bleibt trotz der politischen Schrecken in der Heimat ruhig. „Ich habe keine Angst“, sagt sie. „Ich bin hier in Deutschland in Sicherheit.“

dpa

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