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WhatsApp abgeschaltet: Eine beispiellose Strafaktion

Telekommunikation WhatsApp abgeschaltet: Eine beispiellose Strafaktion

"Lasst uns küssen, bis WhatsApp wiederkommt": Ein Gericht hat in Brasilien den von Millionen Menschen genutzten Dienst lahmgelegt. Um an Daten ranzukommen. Profiteur ist ein Anbieter namens "Telegram".

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Noch mehr als die Deutschen sind die Brasilianer süchtig nach WhatsApp.

Quelle: Jens Kalaene

Rio de Janeiro. Den Namen Sandra Regina Nostre Marques wird Facebook-Chef Mark Zuckerberg so schnell nicht vergessen. Die Richterin eines kleinen Gerichts in der Stadt São Bernardo do Campo im Bundesstaat São Paulo hat es geschafft, den von Millionen Menschen genutzten Nachrichtendienst WhatsApp in ganz Brasilien lahmzulegen.

Von einem "traurigen Tag", spricht Zuckerberg. "Brasilien war bisher ein wichtiger Verbündeter bei der Schaffung des freien Internets." Das bezieht sich auch auf die Attacken von Brasiliens Regierung gegen Spitzelmethoden des US-Geheimdienstes NSA.

Eine einzelne Richterin bestrafe nun 100 Millionen Menschen, attackiert der gerade Vater gewordene Amerikaner die Richterin - sein Konzern hatte den die SMS überflüssig machenden Dienst, über den mit einer Internetverbindung kostenlos Nachrichten, Fotos und Videos, verschickt werden können, 2014 für 22 Milliarden US-Dollar gekauft.

Nach 14 Stunden WhatsApp-Sperre piepsen aber überall wieder die Handys mit den bekannten Tönen, der Dienst funktioniert wieder: Sandra Regina Nostre Marques wollte eigentlich für 48 Stunden das fünftgrößte Land zur WhatsApp-freien Zone machen.

Aber der Gerichtshof von São Paulo kassierte dies am Donnerstagnachmittag, der Druck war zu groß geworden ob dieser bisher beispiellosen Aktion. Das sei "unangemessen", eine Geldstrafe angebrachter als dutzende Millionen an Nutzern zu bestrafen, betont Richter Xavier de Souz.

Noch mehr als die Deutschen sind die Brasilianer süchtig nach WhatsApp: die Verabredung zum Strandbesuch, das Treffen auf ein Bier am Abend - es wird pausenlos über den Dienst kommuniziert - gern versehen mit einem Selfie, wo man gerade ist.

Die Richterin will mit der Aktion die Herausgabe von Daten erzwingen in einem nicht näher offengelegten Kriminalfall. Im Februar wollte ein anderer Richter schon einmal WhatsApp blockieren - laut Medienberichten, um an Chat-Protokolle in einem Pädophilie-Fall heranzukommen. Damals untersagte ein anderes Gericht dies aber noch rechtzeitig.

Dieses Mal folgen die führenden Telefongesellschaften Vivo, Tim, Claro, und Oi der Anordnung, bis zur Entscheidung aus São Paulo. Die Frage ist, ob WhatsApp wegen der eigenen Verschlüsselungstechnologie überhaupt die Daten herausrücken kann, die die brasilianische Justiz will. Zuckerberg betont zudem, der Datenschutz sei ein hohes Gut.

Die Nutzer nehmen die Auszeit mit Humor: "R.I.P WhatsApp - Ich habe dich sehr geliebt", "Betet für WhatsApp" und: "Lasst uns küssen, bis WhatsApp wiederkommt", lauten Kommentare. Kurz vor dem Start der Blockade um 23.30 Uhr in der Nacht zu Donnerstag werden noch schnell via WhatsApp Nachrichten verschickt: "Auf Telegram ausweichen".

Der brasilianische Dienst mit etwas antiquiertem Namen funktioniert ähnlich. Telegram berichtet, dass man über 1,5 Millionen neue Nutzer gewonnen habe. So etwas nennt man wohl schnelles Wachstum. Mit der 14-stündigen Blockade im fünftgrößten Land der Welt nutzt die Justiz Sperrmöglichkeiten, um Druck auf den Anbieter auszuüben, damit dieser Daten seiner Nutzer herausgibt.

In der Regel geht es sonst eher andersherum: Soziale Medien wie Twitter oder YouTube werden in manchen Ländern blockiert, um unliebsame Inhalte zu sperren. So wurde während des arabischen Frühlings in Ägypten Internet und Mobilfunk gesperrt, um die Kommunikation der Demonstranten zu erschweren.

In der Türkei sorgten zuletzt beanstandete Bilder der Geiselnahme eines Staatsanwalts in Istanbul für Aufregung, die über Youtube und Twitter verbreitet wurden. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan ließ die Kanäle sperren.

Auch der Regierung in China sind soziale Kanäle im Netz oft ein Dorn im Auge, die "Great Firewall" berühmt. Mit viel technischem Aufwand werden dort von staatlicher Seite Inhalte im Internet und Sozialen Medien zensiert. Dabei geriet auch WeChat, das chinesische Pendant zu WhatsApp, wiederholt in den Fokus.

Im Falle Brasiliens hat Zuckerberg bisher keinerlei Anstalten gemacht, nachzugeben. Immerhin endete die Blockade rechtzeitig, bevor wegen Wochenendplanungen und Strandverabredungen die Nachrichtenflut bei WhatsApp in Metropolen wie Rio de Janeiro anschwillen wird.

dpa

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