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"Unangemessen und brutal" - Arnsdorf sucht Erklärungen nach Übergriff auf Iraker

Mit Kabelbindern gefesselt "Unangemessen und brutal" - Arnsdorf sucht Erklärungen nach Übergriff auf Iraker

Arnsdorf bei Dresden ist für seine Psychiatrische Klinik bekannt. Seit Mittwoch ist der Ort wegen eines Übergriffs auf einen Iraker bundesweit in den Schlagzeilen. Eine Rekonstruktion des Falls.

In diesem Supermarkt ereignete sich die Auseinandersetzung.

Quelle: S. Burkhardt

Arnsdorf. Die 5000-Seelen-Gemeinde Arnsdorf ist im Aufruhr. Kamerateams und Journalisten aller Medien überfluteten am Donnerstag wegen des Übergriffes einer vermeintlichen Bürgerwehr auf einen Iraker die Stadt, die etwa 25 Kilometer östlich von Dresden liegt.

Bei dem Vorfall, der sich schon vor knapp zwei Wochen ereignete, haben vier Männer einen irakischen Asylbewerber brutal aus einem Supermarkt entfernt und laut Polizei anschließend mit Kabelbindern an einen Baum auf dem Parkplatz gefesselt. Publik wurde der Sachverhalt erst am Mittwoch durch ein veröffentlichtes Handyvideo.

Arnsdorf bei Dresden ist für seine Psychiatrische Klinik bekannt. Seit Mittwoch ist der Ort wegen eines Übergriffs auf einen Iraker bundesweit in den Schlagzeilen. Eine Rekonstruktion des Falls.

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Zu sehen ist ein 21 Jahre alter Flüchtling aus dem Irak, der zwei Weinflaschen in seinen Händen hält und in eine Diskussion mit dem Personal verwickelt ist. Bei dem Mann handelt es sich den Angaben zufolge um einen Patienten der nahegelegenen psychiatrischen Fachklinik mit ihren knapp 400 Betten. „Bei uns werden Menschen aus unserem Einzugsbereich behandelt. Wir machen keine Unterschiede. Flüchtlinge und Europäer haben die selben Leiden“, erklärte der Ärztliche Direktor, Peter Schönknecht.

Sprachbarrieren als Hinderniss

Der Patient war laut Zeugenaussagen am Tag des Vorfalls bereits zum dritten Mal wegen einer angeblich nicht funktionierenden Telefonkarte in der Filiale aufgetaucht. Offenbar war sie bereits leer, Sprachbarrieren erschwerten die Verständigung zwischen Personal und Kunden. Bei Befragungen durch die Polizei berichtete das Verkaufspersonal später, dass der Mann in Rage geraten sei und mit einer Weinflasche eine Mitarbeiterin bedroht habe. „Verletzt wurde dabei niemand, ebenso kam es zu keiner Diebstahlshandlung oder einer Sachbeschädigung“, teilten die Ermittler mit.

Im Video ist dann weiter zu sehen, dass sich der Iraker mit zwei Flaschen in der Hand im Kassenbereich aufhielt. Von Drohungen ist auf dem zweieinhalb Minuten langen Film nichts zu erkennen. Eine Verkäuferin sagt aber mehrfach: „Stell die Flaschen hin.“ Der Mann ignorierte diese Aufforderung. Plötzlich liefen vier Männer zielgerichtet in den Laden und nahmen dem 21-Jährigen die Flaschen aus der Hand und zogen ihn zum Ausgang.

Dort eskalierte die Lage, als er sich wehrte. „Was willst Du von mir, Du Schwein“, brüllte ihn einer der Männer an. Es kam zum Handgemenge und schließlich wurde der Flüchtling aus der Filiale gezerrt. Das Video endet mit einer weiblichen Frauenstimme: „Schade, dass man eine Bürgerwehr braucht.“ Die Polizei hat inzwischen drei Tatverdächtige identifiziert. Gegen die Männer im Alter von 29, 49 und 54 Jahren ermitteln die Beamten jetzt wegen Freiheitsberaubung.

Mit dem Gesetz sind sie laut Polizei bisher noch nicht in Konflikt geraten. Der Präsident der zuständigen Polizeidirektion Görlitz, Conny Stiehl, hat für den Fall eine Ermittlungsgruppe gegründet, der auch Experten des Staatsschutzes angehören. Laut Polizei wurde der Iraker vor dem Geschäft mit Kabelbindern an einen Baum gefesselt, „zur Abwehr einer angeblichen Gefährdungssituation.“ Wie die Beamten nun berichten, hat der 49-jährige Tatverdächtige die Ordnungshüter an dem Abend selbst über den Notruf verständigt.

„Er meldete einen Ladendiebstahl im Supermarkt“, so die Polizei. Vor Ort habe sich der Sachverhalt dann anders herausgestellt. Ein Diebstahl bestätigte sich nicht. Dafür ermitteln die Beamten gegen die vier Männer, einer ist noch nicht identifiziert, nun wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung. Der Iraker wurde derweil zurück in die Klinik gebracht und wird nun laut Direktor Schönknecht „nach allen Regeln der Kunst behandelt“.

Ein Täter CDU-Gemeinderat

Besonders pikant: Bei einem der Beteiligten handelt es sich um den örtlichen CDU-Gemeinderat Detlef Oelsner, der im vergangenen Jahr auch für den Bürgermeisterposten kandidierte, aber scheiterte. Am Donnerstag äußerte er sich zu dem Vorfall. Es gebe keine Bürgerwehr in Arnsdorf. „Wir haben lediglich Zivilcourage gezeigt und hätten das auch bei einem Deutschen oder allen anderen gemacht“, sagte Oelsner gegenüber LVZ.de. Er will jetzt mit einem Anwalt gegen die Medien vorgehen, die von einer organisierten und rassistisch motivierten Bürgerwehr berichteten.

Der Kommunalpolitiker wohnt zudem in unmittelbarer Nähe des Supermarktes. Am Tag des Geschehens hatte er gerade Gäste zum grillen eingeladen und sei mit seinen Bekannten dann zu Hilfe gerufen worden. „Wir haben durch die psychiatrische Klinik öfters Komplikationen im Supermarkt. Ich helfe immer. Auch diesmal haben wir nichts falsch gemacht“, so Oelsner. Zudem hätten sich die Polizisten bei ihm für den Einsatz bedankt und das Einschreiten gelobt.

Imageschaden für die Gemeinde

Für Arnsdorfs Bürgermeisterin Martina Angermann (SPD) sind die Männer übers Ziel hinausgeschossen. „Das war unangemessen und brutal. Doch weiter werten und kommentieren möchte ich das jetzt nicht“, sagte sie und will nun auf das polizeiliche Ermittlungsergebnis warten. Dennoch soll das Thema bei der nächsten Gemeinderatssitzung am 20. Juni auf der Tagesordnung stehen. Die Bürgermeisterin weiß indes ebenfalls nichts von einer organisierten Bürgerwehr in ihrer Gemeinde. „So etwas habe ich noch nicht mitbekommen. Eigentlich bin ich immer ziemlich nah an den Leuten“, so Angermann.

Bürgermeisterin Martina Angermann.

Quelle: Sebastian Burkhardt

Trotzdem fürchtet sie nun wegen der bundesweiten Berichterstattung einen erheblichen Imageschaden für Arnsdorf. „Unser Ort ist sehr sympathisch  und friedlich. Diese negative Nachricht wird nun einen langen Schatten werfen“, ist sich die Bürgermeisterin sicher. Gemeinderat Kay Scheidemantel (Fraktion Buntes Arnsdorf) verurteilt die Aktion hingegen scharf. Es sei ein Skandal, dass einfache Bürger das Gewaltmonopol für sich in Anspruch nehmen würden. Zudem habe Sachsen ein Rassismusproblem, erklärt der 45-Jährige. „Es ist weiterhin sehr bedenklich, das niemand im Supermarkt eingegriffen hat und Leute auch noch gefilmt haben.“

Polizeipräsident Stiehl kündigte indes an: „Wir werden die Geschehnisse, auch das Handeln der vor Ort eingesetzten Streife, untersuchen.“ Offenbar haben erst die Handyaufnahmen den Beamten das gesamte Ausmaß verdeutlicht. „Wir wussten zwar von dem Vorfall, aber erst das Video hat die Tragweite gezeigt“, sagte Tobias Sprunk, Polizeisprecher in Görlitz.

Aus der Politik wird der Vorfall ebenso verurteilt. „Die Bilder aus Arnsdorf sind erschreckend. Sie haben mit Zivilcourage nichts mehr zu tun“, äußerte sich Rico Gebhardt, Landes- und Fraktionsvorsitzender der sächsischen Linken.

Matthias Roth/Sebastian Burkhardt

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