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Tod nach Streit unter 13-Jährigen – Bad Schmiedeberg steht unter Schock

Mordfall Tod nach Streit unter 13-Jährigen – Bad Schmiedeberg steht unter Schock

Ein Kind als Opfer, ein anderes als Täter? Unter Mitschülern galten die beiden, die, wie letzten Sonntag häufig ihre Freizeit miteinander verbrachten, eigentlich als Kumpels, wenn nicht gar Freunde. Bad Schmiedeberg kann der Mord am 13-jährigen Fabian nicht fassen.

Mitschüler trauern um Fabian S.

Quelle: Winfried Mahr

Bad Schmiedeberg. Über der kleinen Kurstadt in der Dübener Heide (Landkreis Wittenberg) scheint die Sonne. Leuchttafeln werben für Wellnessanwendungen, Wahlplakate für Landtags- und Rathauskandidaten. Vogelgezwitscher übertönt die wenigen Autos, die bedächtig durch die Altstadt rollen. Ein Frühlingstag, der gute Laune machen könnte. Doch davon sind die Schmiedeberger weit entfernt. Denn seit Montag steht fest, dass ein 13-jähriger Sohn ihrer Stadt aus dem Leben gerissen wurde. Gewaltsam. Von einem gleichaltrigen Mitschüler, so der schreckliche Verdacht. Blitzschnell machte das Gerücht am Mittwochmittag die Runde.

Ein Kind als Opfer, ein anderes als Täter? Unter Mitschülern galten die beiden, die, wie letzten Sonntag häufig ihre Freizeit miteinander verbrachten, eigentlich als Kumpels, wenn nicht gar Freunde. „Die Nachricht hat bei uns eingeschlagen wie ein Blitz“, sagt Schulleiter Roland Bette. „Wir sind eine kleine Schule. Das ist für alle – Schüler, Eltern und Lehrer – eine extreme Situation, mit der keiner Erfahrung hat.“ Knapp 300 Mädchen und Jungen lernen an der Sekundarschule, an der die beiden Jungen die sechste Klasse besuchten. Weil die Klassenräume gerade modernisiert werden, haben Mitschüler in einem provisorischen Container spontan eine Andachtsecke mit Fotos und Zetteln für den getöteten Fabian gestaltet. „Du warst ein toller Freund“, schreibt Oskar. Mitschülerin Anna bedankt sich: „Schön, dass du bei mir warst!“ Und Arwan wünscht „Gute Reise!“ An normalen Unterricht sei momentan weder in der 6b noch in den anderen Klassen zu denken, versichert der 56-jährige Bette. „Das ist so schlimm. So unfassbar.“

Bereits am Montagabend hatte der Schulleiter Unterstützung angefordert. Dienstagfrüh um sieben trafen vier Psychologen vom Landesschulamt ein, um zu helfen. Sabine Möley aus Dessau ist eine von ihnen. „Es gibt viele Tränen“, sagt sie. „Manche trauern auch ganz still und igeln sich ein. Wieder andere werden besonders agil. Das ist alles legitim bei solch einem tragischen Schicksalsschlag.“
Der 13-jährige Fabian war am Sonntag nicht nach Hause zurückgekehrt. Die Polizei suchte intensiv – und fand tags darauf die Leiche des Jungen im Laub in der Nähe des Kurhauses. Die Obduktion ergab: Fabian starb an heftigen Kopfverletzungen, hervorgerufen durch Schläge mit einem Gegenstand.

Der tatverdächtige Junge hat am Mittwoch bei seiner Vernehmung zugegeben, Fabian geschlagen zu haben. Möglicherweise eskalierte ein Streit zwischen den Gleichaltrigen. Für den Sprecher der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau, Olaf Braun, ist das ein einzigartiger Fall. Es gibt einen Toten und einen Tatverdächtigen, zur Anklage oder zu einem Gerichtsverfahren wird es nicht kommen. „Wir werden ermitteln, was passiert ist und dann den Fall einstellen.“ Der Strafjustiz seien die Hände gebunden, weil der Tatverdächtige unter 14 Jahre und damit schuldunfähig und nicht strafmündig sei.

In Wiesbaden sitzt der Kriminologe Rudolf Egg und verfolgt den Fall aus der Ferne. Dass Kinder Kinder töten, sei äußerst selten. Vielleicht einmal im Jahr komme so etwas in Deutschland vor, schätzt Egg, der bis 2014 die Kriminologische Zentralstelle in Wiesbaden geleitet hatte. Wenn, dann seien es meist Streitigkeiten unter Geschwistern, die zu solch drastischen Taten führten, sagt Egg. Auch wenn unter 14-Jährige nicht vor Gericht landeten, so bleibe die Tat für sie doch nicht folgenlos. Sie seien durchaus in der Lage, die Folgen ihres Handelns abzusehen.

In Schmiedeberg sitzt der Schock allenthalben tief. „Blankes Entsetzen!“, mit diesen Worten bringt Bürgermeister Stefan Dammhayn (CDU) seinen Gemütszustand auf den Punkt. Die Gewalttat allein sei schon verwerflich genug. „Wenn ich dann noch an das Alter der Jungen denke, dann fehlen mir wirklich die Worte“. In irgendeiner Form aufgefallen sei der Junge zuvor nicht. Aber: „Der Ort hat 4200 Einwohner, das ist eine Größenordnung, wo man sich schon untereinander kennt“, sagt der Bürgermeister. Den erziehungsberechtigten Vater des Kindes habe er früher selbst in der Schule unterrichtet, und auch die Großeltern des Opfers kenne er gut. „Keiner vermag sich vorzustellen, was die Angehörigen durchmachen. Meine Gedanken sind jetzt bei ihnen.“

Auch wenn alle Details geklärt sein sollten – die Tragödie wird noch lange nachwirken. Um so mehr, da sie nicht mit Sühne zu bewältigen ist. Eine Familie der kleinen Kurstadt muss ohne Kind weiterleben. In einer anderen lebt ein Kind, das vermutlich getötet hat. Es wurde am Mittwoch in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung gebracht – auch, um den mutmaßlichen 13-jährigen Gewalttäter zu schützen. Fabian, der so gern sein Freund sein wollte und stattdessen zum tragischen Opfer wurde, kann niemand mehr schützen.

„Auf Wiedersehen in Bad Schmiedeberg“, grüßt eine steinerne Stele am Ortsausgang. Vielleicht, wer weiß. Doch einer wird gewiss für immer fehlen.

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