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Nach dem grausigen Mord: Fassungslosigkeit im Gimmlitztal

Nach dem grausigen Mord: Fassungslosigkeit im Gimmlitztal

Dunkel liegt das Gimmlitztal am Ende der schmalen Asphaltstraße, die sich über Felder und Nadelwälder hinab schlängelt. In der Ferne leuchten die Bergkuppen weiß.

Über dem Tal hängt Nebel. Die Gegend um Reichenau im Osterzgebirge nahe der tschechischen Grenze bietet Naturliebhabern romantische Wanderwege. Jetzt ist sie aber Schauplatz eines unfassbaren Verbrechens vor düsterer Kulisse geworden. Ein 55-jähriger sächsischer Kriminalbeamter soll einen Geschäftsmann aus Hannover hier auf eigenen Wunsch getötet, zerstückelt und die Leichenteile hinter seinem Haus im beschaulichen Gimmlitztal vergraben haben.

„Ich kann das emotional gar nicht einordnen, es ist eine Katastrophe“ sagt eine Nachbarin in der nicht mal eine Handvoll Häuser umfassenden Siedlung. Hinter den Fenstern ist schon der Weihnachtsschmuck aufgestellt. Sie könne es nicht in Worte fassen, sagt die Nachbarin und muss dann doch reden. „Der Detlev war ganz nett und hilfsbereit, hatte immer ein offenes Ohr für andere.“

Silvester hätten die paar Anwohner aus den Gimmlitztal immer in seiner Pension gefeiert. Man hat Sommerfeste zusammen gefeiert, mit den Kindern „Mensch ärgere dich nicht“ gespielt. In einem so kleinen Ort rücken die Nachbarn eben eng zusammen. So spricht sie immer von „dem Detlev“. Dass er homosexuell war und in dem alten Ferienheim mit seinem Mann zusammen lebte, habe niemanden gestört. Das war kein Thema. Sie habe noch mit seinem Lebenspartner telefoniert, nachdem sie von der schrecklichen Tat gehört hat. „Der Detlev hat ja auch sein Leben zerstört.“

Es ist eine unheimliche Szenerie hinter der Polizeiabsperrung. Kriminaltechniker in Schutzanzügen graben zwischen gefällten Bäumen mit blanken Spaten die feuchte, graue Wiese um. Kleine, gelbe Plastikschilder an Erdlöchern zeigen Fundstellen an. Spuren, Leichenteile, Kleidung werden in die Rechtsmedizin gebracht, zur weiteren Untersuchung. „Wir werden alles komplett unter die Lupe nehmen,“ sagt Polizeisprecher Wolfgang Kießling.

Seit Mittwoch ist die Polizei vor Ort, um das furchtbare Geheimnis in Reichenau zu entschlüsseln. Nach dem Wohnhaus und der Wiese wird ein Leichenspürhund auch in den nahen Wald geführt. „Eine immense Arbeit.“ An dem großen, grauen Haus steht noch ein alter Schriftzug „Ferienheim“ und ein altes Postsymbol. Ausgeschildert ist die Pension des mutmaßlichen Mörders nicht.

Hauptberuflich arbeitete Detlev G. auch als Schriftsachverständiger im Landeskriminalamt Sachsen, analysierte Handschriften von Tätern. Dabei führte er selbst ein Doppelleben, chattete nach Feierabend in Internet-Foren, in denen es um Kannibalismus- Fantasien geht. Seit Oktober hatte er Kontakt zu einem Geschäftsführer einer Unternehmensberatung aus Hannover.

Dieser soll den Ermittlungen zufolge seit seiner Jugend davon geträumt haben, sich töten und aufessen zu lassen und fährt dafür am 4. November nach Dresden, steigt dort in das Auto des 55-jährigen Kriminalhauptkommissars und fährt mit ihm weiter ins Gimmlitztal. Dort ersticht der Beamte den Mann, zerstückelt die Leiche in sehr kleine Teile, zertrennt die Knochen und vergräbt sie auf dem 2000 Quadratmeter großen Grundstück.

Der mutmaßliche Täter hat bereits gestanden. Verspeist haben will er aber nichts. Er bestreitet sexuelle und kannibalischste Motive. Er habe den Mann getötet, weil dieser das gewünscht habe.

„Hier hat sich eine menschliche Tragödie abgespielt,“ sagt ein älterer Anwohner, der unmittelbar neben der Pension wohnt, im vorletzten Haus vor der Grenze zu Tschechien. Das Ganze sei sehr traurig. Zwei offenbar psychisch kranke Menschen seien aufeinander getroffen, der eine habe sein Leben verloren, der andere seine Freiheit. Auch er beschreibt seinen Nachbarn als „sehr freundlich und hilfsbereit. Das war doch kein Monster.“

Da ist er sich mit den anderen Menschen im Gimmlitztal einig. „Damit wird doch keiner geboren.“ Sie fragen sich, wie das passieren konnte, welche Rolle die Gesellschaft, welche Rolle das Internet spielt. Seit Donnerstag ist die Idylle im Tal jedenfalls gestört. Früher war es ein Ereignis, wenn das Müllauto die Siedlung erreichte oder ein fröhlicher Wanderer durchmarschierte, sagt der Mann, jetzt hat man Angst, als Kannibalental durch die Medien zu geistern. An der historischen Illingmühle, die ihm gehört, hat er ein Schild aufgehängt: „Des Menschen Seele gleicht dem Wasser.“

Romy Richter

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