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Zwischen Hass und Hilfsbereitschaft

Nervöses Ostdeutschland: Zwischen Hass und Hilfsbereitschaft

Flüchtlingsheime brennen, Menschen rennen zu Pegida und bilden „lebende Grenzen“. Im Osten Deutschlands scheint sich der Fremdenhass aufzublähen. Wie reagieren Helfer auf dieses Klima?

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Quelle: Archiv

„Was ist das für einer?“, fragt ein junges Mädchen in der Dresdner Innenstadt. „Der macht mir Angst.“ Vor ihr läuft ein kurzgeschorener Mann mit einer schwarzen Fahne. In der rechten oberen Ecke steht in weißer Frakturschrift „Sächsische Schweiz“. Er läuft zur montäglichen Pegida-Demonstration. Rund 9000 Menschen kamen zuletzt dort zusammen - erneut mehr als in den Wochen zuvor. Erkennbar Rechtsradikale sind eine Minderheit, die von der Menge der sogenannten „besorgten Bürger“ aber kommentarlos aufgenommen wird.

Die Stimmung bei den Aufmärschen in Dresden wird aggressiver. Migranten, Journalisten oder Gegner des fremdenfeindlichen Bündnisses werden aus dem Demonstrationszug heraus bedroht und tätlich angegriffen. Auf der anderen Seite sind täglich Hunderte unterwegs, um Flüchtlingen zu helfen.

Einer Umfrage zufolge macht sich eine wachsende Zahl von Deutschen wegen der gestiegenen Flüchtlingszahlen „Sorgen“. Doch sind gerade im Osten inzwischen wirklich die Fremdenfeinde in der Mehrheit? „Die ostdeutsche Gesellschaft wird zunehmend nervös“, sagt der Dresdner Politikforscher Hans Vorländer. „Sie hat Schwierigkeiten, mit einer Situation umzugehen, die Ängste hervorruft.“

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich will abgelehnte Asylbewerber ohne vorherige Information abschieben, Innenminister Markus Ulbig sieht die „Grenze des Machbaren“ bei der Aufnahme von Flüchtenden erreicht. Und Bundesinnenminister Thomas de Maizière (alle CDU), der seinen Wahlkreis in Sachsen hat, klagt über undankbare Flüchtlinge. Nach der Willkommens-Euphorie im September wird der Ton schärfer. In Politik und Bevölkerung.

„Das ist fürs Album“, ruft ein Mann auf dem Dresdner Neumarkt in der Pegida-Menge, als er seinen Kumpel fotografiert. „Für wenn es sich mal ändert hier!“ Umsturz - darauf hoffen diese Menschen. Einer der Ideologen der neuen deutschen Rechten, der Publizist Götz Kubitschek, ruft von der Pegida-Bühne aus zu Ordnungswidrigkeiten auf. „Friedlich“ solle es aber schon bleiben. Der nächste auf dem Podium wirft mit dröhnender Stimme das Szenario eines Bürgerkriegs in die Luft vor der Frauenkirche, dem Friedens- und Versöhnungsdenkmal.

In der Nacht zum Mittwoch fliegen in Dresden Molotowcocktails gegen ein geplantes Heim. Nicht der erste Brandanschlag auf eine noch nicht fertiggestellte Unterkunft in Sachsen. Vor allem im Osten Deutschlands gibt es Anschläge auf Asyleinrichtungen.

„Wir wollen keine Asylantenschweine“, grölen einige aus dem Pegida-Zug, brüllen „faules Pack“ hinüber zu den verschwindend wenigen Gegendemonstranten mit ihren Trillerpfeifen.

Schon am Wochenende demonstrierten Tausende in Sachsen gegen Flüchtlinge. An der deutsch-tschechischen Grenze waren es rund 2500, die eine „lebende Grenze“ formieren wollten. In den Wochen davor griffen Pegida-Anhänger Gäste eines Schultheater-Festivals an. Der Sprecher des Netzwerks „Dresden für Alle“, Eric Hattke, wurde bedroht. Journalisten wurden geschlagen und getreten.

In sozialen Netzwerken ist zu lesen, dass auch jene Angst haben, die Empathie zeigen für Flüchtlinge: Angst davor, dass die Mehrheit in Deutschland sich gegen die Schutzsuchenden wendet - oder schon gewendet hat. Es bestehe die Gefahr, dass die positive Haltung kippt, sagt auch der Leipziger Sozialpsychologe Immo Fritsche. Im ARD-„Deutschlandtrend“ von vergangener Woche hatten 51 Prozent der Befragten angegeben, dass es ihnen Angst mache, dass „so viele Flüchtlinge“ kommen. Drei Wochen zuvor waren es 38 Prozent gewesen.

Dennoch ist Vorländer zufolge derzeit in den ostdeutschen Ländern keine klare Tendenz auszumachen: „Wie es sich aktuell verhält, ist im Augenblick kaum zu sagen.“ Umfragen seien Momentaufnahmen - nicht aber harte Belege für eine längerfristige Mehrheit auf der einen oder der anderen Seite. Bilder und Berichte vom Münchner Hauptbahnhof oder von Dresdner Helfern in der Zeltstadt stehen neben jenen von Pegida und Angriffen auf Flüchtlinge und ihre Unterstützer.

„Die Gesellschaft spaltet sich“, erklärt Vorländer. Es gebe jene, die sich dem „Refugees welcome“-Motto verschreiben, und jene, die ihren Fremdenhass auf die Straße tragen. Und dann, sagt Vorländer, gebe es noch die Kriminellen. „Aber die Steinewerfer und Brandstifter sollte man nicht für die Mehrheit halten.“ Die Gewaltbereiten nutzten die Chance, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Die Antworten auf die besagte „Deutschlandtrend“-Frage sind kein eindeutiges Zeichen für Ablehnung von Flüchtlingen, meint der Dresdner Professor. „Das muss kein Fremdenhass sein“, sagt Vorländer. „Es kann auch Angst sein, dass die Versorgung der Flüchtlinge zu schlecht ist oder die Fremdenfeindlichkeit zunimmt.“

Beim Roten Kreuz in Sachsen, das mit vielen Hundert Helfern täglich für die Versorgung der Asylbewerber arbeitet, macht sich ein Stimmungswandel zumindest in Sachen Freiwillige noch nicht bemerkbar. „Die, die bisher geholfen haben, helfen auch weiterhin“, sagt Torsten Wieland, Sprecher des DRK-Landesverbands. „Als in Heidenau der rechte Mob auf der Straße war, wollten einige Helfer keine Bilder von sich in der Öffentlichkeit.“ Das sei aber nur in dieser Phase so gewesen. Jetzt sei die Bereitschaft zu spenden und zu helfen ungebrochen.

Ähnlich in Sachsen-Anhalt: Weder blieben Helfer weg, weil sie selbst Ressentiments entwickelten, noch aus Angst vor rechten Drohungen, sagt der Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen in Sachsen-Anhalt, Olaf Ebert. „Die Welle der Hilfsbereitschaft überwiegt die Menge derer, die Sorgen haben oder ablehnend sind.“ Einen Rückgang der Helferzahlen beobachte er nicht.

Positive Einstellungen zu Migranten zeigt auch der „Deutschlandtrend“. Eine Mehrheit (58 Prozent) ist der Meinung, dass Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt gebraucht werden. 47 Prozent geben an, Flüchtlinge als Bereicherung für das Leben in Deutschland zu empfinden. Zugleich sagen 39 Prozent, sie hätten Sorge, dass die große Zahl den Wohlstand bedrohe.

Im Pegida-Zug sammeln sich solche Menschen - und einzelne, die den rechten Arm nach oben recken zum Hitlergruß, wie am Montag. Die schwarze Fahne übrigens, die dem jungen Mädchen Angst machte, ist gerade bei Rechtsextremen beliebt.

Sophie Rohrmeier, dpa

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