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Zweiter Teil von Erwin Strittmatters Laden-Trilogie am Staatstheater Cottbus

Zweiter Teil von Erwin Strittmatters Laden-Trilogie am Staatstheater Cottbus

Schlicht den "Laden" von Erwin Strittmatter hat das Staatstheater Cottbus als spielzeitübergreifendes Projekt versprochen: Theaterfassung von Holger Teschke, Regie von Mario Holetzeck.

Der Neubeginn, das Aufräumen nach der allgemeinen Zerstörung sind Inhalt des zweiten Abends, der kürzlich seine Uraufführung erlebte und weit stärker als der erste zum Nachdenken über das Theaterereignis anregt, um nicht zu sagen: zwingt. Auch deshalb, weil es eine Vermischung von Inhalten ist.

Rein äußerlich ist Oliver Breite der gleiche Esau Matt in grauem Kittelhemd und sackiger Leinenhose, doch war er im ersten Teil der Erwachsene, der wieder in die Rollen der Kindheit schlüpft, steht er nun mitten im Geschehen und erscheint als eine merkwürdige Mischung aus einem jungen Menschen, der nicht recht erwachsen werden will, und dem bereits alternden Schriftsteller, ständig bedrängt von den stereotypen Fragen: "Wo bist du gewesen, was hast du getan?" Die Antworten muss er allein finden, und es gelingt ihm, wie nur ganz wenigen, in der Metapher.

Strittmatter hat es bekanntlich zweimal getan, zuerst in den 50ern ("Wundertäter"), dann noch einmal kurz vor seinem Tod, als er seine letzte Trilogie abschloss. Der Vorgang des Erinnerns und Verarbeitens als solcher ist überlebenswichtig, ihn außerhalb des eigentlichen Kontexts und auf der Bühne einer moralischen Bewertung zu unterziehen, zumindest fragwürdig. Neueste Erkenntnisse zu Strittmatters "wahrer" Biografie, die er darin "verschwiegen" hat, der Figur aufzupfropfen und sie für ihren Erzeuger haftbar zu machen, bedeutet in etwa dasselbe, wie wenn die Sioux Old Shatterhand in "Winnetou 3" als Geisel nehmen und ihm die Jugendsünden Karl Mays vorhalten. Schreiben als Bewältigungsstrategie, als Obsession oder Flucht - man kann es nur am Ergebnis messen. Günter Grass oder Dieter Noll waren beide zu Kriegsende erst 17, Strittmatter fast 32. Wie schwer es war, unter diesen Umständen Mensch zu bleiben, ist uns immer weniger nachvollziehbar, wie sich übrigens auch anhand aktueller Kriegsschauplätze zeigt.

Auf der Bühne gilt das Interesse indes in erster Linie der Figur. Esau Matt steht diesmal fast zu sehr im Mittelpunkt des Erinnerns. Der Heimgekehrte, der schreiben will, aber Brot backen muss, der sich verlieben will, aber heiraten muss, ist eher ein Dickkopf und Eigenbrötler, der es sich und allen anderen schwer macht. Weil er zudem, von Alpträumen geplagt, immer verschlossener und grüblerischer erscheint, bleibt die feine Ironie, mit der Strittmatter die ihm besonders wichtigen Gestalten beschreibt, fast völlig auf der Strecke.

Doch mit dem übrigen Ensemble widmet sich Regisseur Holetzeck mit Sorgfalt den manchmal hart an der Karikatur, aber letztlich doch menschlich gezeichneten Typen. Das Ganze wirkt lebendiger, weniger episodisch oder gar anekdotisch zerstückelt als im ersten Abend. Speziell Laura Maria Hänsel als die gewiefte Schwägerin Elvira bringt Farbe, neben gesundem Pragmatismus eine gar nicht hausbackene Sinnlichkeit und ein bisschen Verruchtheit ins Spiel. Was auch für die allzu kränkliche Blässe ihres Gemahls Tinko (Michael von Bennigsen) entschädigt. Selbst den etwas lauten und betont herrischen Kommandanten (Gunnar Golkowski) macht sie weich, der martialisch mit einer stoischen Truppe von fünf Soldaten aufmarschiert, aber im entscheidenden Moment von selber den "Pisatjel" (Schriftsteller) in Esau erkennt und deshalb überleben lässt. Rolf Jürgen Gebert bleibt als sich aufopfernder lungenkranker Ortsvorsteher in Erinnerung, Kai Börner als der aufsässige und pfiffige Bauer Schinko. Oliver Seidel gibt den nicht gar zu gefährlichen Renegaten und Zuträger Konsky, den psychisch kaputten Freund Alfredko spielt Johannes Kienast. Eher sachlich-realistisch bewegen sich Sigrun Fischer und Corinna Breite in der zweiten Vorstellung als ungeliebte Ehefrau sowie Johanna Emil Fülle als Gemeindeschwester und Esaus zeitweilige Geliebte. Der Jubel gilt aber der schon ein bisschen schrägen Susann Thiele als Helene Matt und Heidrun Bartholomäus als deren von Weitsicht geschlagenen Schwiegermutter, während Heinrich (Amadeus Göllner) mit seinem schon ätzenden Opportunismus vor allem schadenfrohes Gelächter erntet.

All das hat auch mit Verdrängung zu tun, lässt aber eher an Aussöhnung denken. Dass sie erst möglich sei, wenn alle Fakten und Geständnisse auf dem Tisch liegen, scheint mir eine seltsame Auffassung angesichts von Millionen, die aus unterschiedlichsten Gründen bis zum Schluss geschwiegen haben, angesichts auch einer Justiz, die erst um Jahrzehnte in Verzug geriet, um dann wie jüngst in Stuttgart an der Macht des nicht mehr Beweisbaren zu scheitern.

Tomas Petzold

nächste Aufführungen: 20.10., 17. & 29.11.

www.staatstheater-cottbus.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.10.2012

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