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„Wohin Du den Kopf drehst, Vernichtung“ - Briefe einer Großmutter nach der Bombardierung Dresdens

„Wohin Du den Kopf drehst, Vernichtung“ - Briefe einer Großmutter nach der Bombardierung Dresdens

Das könnt ihr später mal lesen. In einer ruhigen Stunde, sagte sie immer. Die Briefe meiner Großmutter lagen jahrelang neben ein paar Habseligkeiten, Urkunden und diversen Schlüsseln in einer Kassette verwahrt.

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Die Briefe von Jenny Johanna B. überdauerten die vergangenen 70 Jahre.

Quelle: Genia Bleier

Ein Bündel handschriftlicher Papiere, sorgsam mit einem roten Bändchen umschnürt. Mich erinnerte das kleine Päckchen immer an geheimnisvolle Liebesbriefe aus einem alten Film, die – etwa wie bei Fontane – ein ganzes Drama heraufbeschwören können. Wahrscheinlich hatte das rote Band die Assoziation ausgelöst.

Die Dramatik steckt hier nicht im Auffinden der Papiere, sondern im Inhalt. Eigentlich ist er ja nicht einmal überraschend, wenn man weiß, wann und unter welchen Umständen die Notizen entstanden, und trotzdem setzt sich beim Lesen ein merkwürdig banges Gefühl fest. Historische Abhandlungen sind das eine, Zeitzeugenberichte nahestehender Personen etwas ganz anderes.

Rückblende: Dresden liegt in Trümmern. Das eigene Leben ist gerettet, das Zuhause beschädigt, aber wenigstens stehen geblieben. Wie soll nach den Bomben und beim Heulen der Sirenen, die auch nach den Großangriffen nicht verstummt sind, je wieder Normalität einkehren? Angehörige mit Baby werden zu Verwandten nach Thüringen aufs Land gebracht, wo es wenigstens etwas zu essen gibt.

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Jenny Johanna B. im Jahr 1943.

Quelle: Genia Bleier

Die Rückfahrt ins zerstörte Dresden ist strapaziös. An diesem Punkt beginnen die Aufzeichnungen der jetzt allein auf sich gestellten Frau, meiner Großmutter Jenny Johanna B. Sie beginnen am 29. März 1945 und enden am 30. September 1945 in der ersten Nachkriegszeit. Es sind Briefe geworden, die nie ihre Empfänger erreicht haben, denn eine funktionierende Postbeförderung gab es nicht. Nur einmal keimte Hoffnung auf, als sich ein Reisender fand, der die Post fast bis zum Ziel mitnehmen wollte. Doch dann ging auch das schief. Großmutter schrieb fast täglich auf, was sie erlebte und was sie bedrückte. Aus den Briefen entwickelte sich eine Art Tagebuch – als Überlebensstrategie. Schulheftseiten, karierte oder linierte Blätter, beschrieben wurde alles, was sich im Hause fand, mit spitzen Zeichen der Sütterlinschrift. Im Laufe der Zeit wurden die Buchstaben rundlicher und wandelten sich gegen Ende mehr und mehr zu lateinischen Buchstaben, was die Entzifferung der vergilbenden Seiten einfacher machte.

Merkwürdig mag uns Nachgeborenen vorkommen, dass Großmutters Gedanken immer wieder um eine Abmeldebescheinigung kreisten, die sie dringend wünschte. Bürokratischer Kleinkram in diesen Zeiten? Ja, gerade in dieser Zeit. Eine solche Bescheinigung konnte zum Albtraum werden. Großmutter hatte sie aus Thüringen nicht mitgebracht und bekam somit zu Hause keine Lebensmittelkarte. Und ohne diese Karte gab es nichts Essbares. Ohne das Papier wurde sie zur Fremden, wie die tausenden Flüchtlinge, die in der Stadt Zuflucht suchten.

Genia Bleier

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