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„Wo sind denn meine Borstel?“

Igelmutter kümmert sich um Verletzte „Wo sind denn meine Borstel?“

Als Ersatzmutter für Igel hat Kerstin Vollrath gerade im Spätherbst jede Menge zu tun. Die hauptberufliche Tierpflegerin päppelt kranke Vierbeiner wieder auf. Nicht jeder Igel braucht allerdings tatsächlich menschliche Pflege.

Quelle: dpa

Döbra. Behutsam öffnet Kerstin Vollrath die hölzerne Tür. Es wird Abend im kleinen Dorf Döbra zwischen Kamenz und Hoyerswerda. Die 47-Jährige fragt in den dunklen Raum: „Was machen denn meine Borstel?“ Dann knipst sie das Licht an. Es ist Fütterungszeit in der Igelstation. Seit 1991 betreut die Tierpflegerin ehrenamtlich stachlige Vierbeiner und hilft schwachen Jungtieren über den Winter. Auch kranke und verletzte Igel finden bei ihr Unterschlupf.

Kerstin Vollrath schaut in einen Stall. In einer geschützten Ecke liegt ein Strohhaufen. Ein paar Halme wackeln schon. Dann steckt ein kleiner Igel seine feuchte, schwarze Nase heraus. Nummer 27 steht mit Kreide auf dem Holz draußen geschrieben. Der kleine Igel ist der jüngste Neuzugang im Hotel für stachlige Tiere. Vor zwei Tagen brachten Freunde ihn nach Döbra. Mit seinen knapp 250 Gramm hätte der Kleine im Winter keine Überlebenschance gehabt.

Im Herbst ist Hoch-Zeit in der Igelauffangstation. Vollrath geht in die ehemalige Waschküche des Hauses, um das Essen zuzubereiten. Bevor sie jedoch Katzenfutter, Haferflocken und Öl mischt, kniet sie sich neben eine Kiste mit Wärmelampe. Sie zieht ein rotes Handtuch zur Seite, darunter verbirgt sich ein verletzter Igel. Ein Autoreifen hat ihn erwischt, ein Stück Haut fehlt.

Die Igelmutter streicht sanft über das Stacheltier. „Ein Autofahrer hat die Polizei gerufen. Sie haben den Kontakt zu mir vermittelt“, sagt Vollrath. So laufe es meistens, oft meldeten sich auch Tierheime, zu denen Igelfinder aus Dresden genauso wie aus Zittau die Vierbeiner brächten.

Bei besonders kniffligen Fällen unterstützt sie Holger Metting. Der Veterinärmediziner aus Hoyerswerda hat sich auf Wildtiere spezialisiert. Bei der Aufnahme in der Igelstation wird über jedes Tier ein Protokoll über Gewicht, Fundort und Finder angefertigt, so dass die Tiere nach dem kontrollierten Winterschlaf im Frühjahr in ihren alten Revieren ausgewildert werden können.

Allerdings brauchen nicht alle stachligen Gartenfreunde menschliche Pflege. Nur kranke und hilflose Fundtiere, die im November weniger als 500 Gramm wiegen oder eben verletzte Patienten sollten ihren Winterschlaf in menschlicher Obhut machen, erklärt der Verein „Pro Igel“. Zu erkennen sind hilfsbedürftige Tiere auch daran, dass sie tagsüber ihre Verstecke verlassen. Normalerweise sind die Schwarznasen nachtaktiv.

Kerstin Vollrath holt die Schüssel mit dem Igelfutter hervor. „Die Mischung kann jeder zu Hause anfertigen, das hilft Igeln zu ihrem Winterschlafgewicht. Zweimal täglich ein Schälchen warmes Wasser sollte man nicht vergessen“, sagt sie. Bis zu fünf Monaten kuscheln sich die Igel in ihr kugelförmiges Nest -  bei dauerhaften Temperaturen unter fünf Grad. Zusätzlich könne man ein Igelhaus mit wärmendem Nistmaterial aufstellen, so der Pro-Igel-Verein. 

Die Schüssel mit Futter kommt unter den rechten Arm, die Gießkanne mit Wasser in die linke Hand. So betritt Kerstin Vollrath wieder den Holzschuppen mit den Igelställen. Jetzt stecken noch mehr Igel ihre Nasen aus dem Stroh. In einem Jahr überwinterten hier schon mal 80 Stacheltiere. Die Kosten trägt die Tierpflegerin aus dem Zoo Hoyerswerda selbst. Dort arbeitet sie eigentlich in der Vogel- und Reptilienabteilung.

Für ihre Wildtier-Hilfe erhielt Kerstin Vollrath vor zwei Jahren die Johann-Georg-Palitzsch-Medaille für Tierschutz. Schließlich kümmert sich die Frau nicht nur um Igel. In einer Voliere flattert ein verletzter Mäusebussard. Auch verletzte Störche, Elstern, Schleiereulen, Waldkäuzchen, Schlangen und Feldhasen landen bei ihr.

Die ersten Schüsseln sind mit Wasser und Futter gefüllt. Mancher Igel raschelt noch im Stroh, andere warten schon auf ihre Portion. Plötzlich ist ein Geräusch zu hören, als ob Fingernägel über Holz kratzen. „Der Kleine hat Husten. Das muss ich beobachten“, sagt Vollrath und stellt ihm einen Futternapf hin. Morgen steht Ausmisten auf dem Plan. Alle zwei Tage bekommen die stachligen Schützlinge frisches Einstreu. Einmal wöchentlich geht es auf die Waage.

Vollrath holt Borstel Nummer 27 aus seinem Refugium. „Du hast in den letzten vier Tagen schön zugelegt“, sagt sie und gibt auch ihm die Fressschüssel. Nach und nach kommen alle Zöglinge an ihren Napf. Schmatzen ist zu hören. Die Igelmutter setzt sich auf einen Stuhl. Sie ist zufrieden, wenn sie ihren Schützlingen zuschauen kann.

Miriam Schönbach, dpa

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