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Wie wäre ein Dialog möglich? - Islamisches Zentrum Dresden

Wie wäre ein Dialog möglich? - Islamisches Zentrum Dresden

Die Welt ist komplex und wir sehnen uns nach einfachen Erklärungen für die Dinge, die mit uns und um uns herum passieren. Jahrelang haben immer und immer wieder Populisten ihre einfachen Wahrheiten in die Welt posaunt, weil sie sich dieses Spiel mit den Ängsten der Bevölkerung leisten konnten.

„Wie wäre ein Dialog möglich, welche konkreten Schritte können und müssen dafür getan werden?“ - Khaldun Al Saadi, Sprecher des Islamischen Zentrums Dresden

Was solche einfachen Wahrheiten über Asylbewerber, Muslime, Journalisten, Politiker und andere Personengruppen auslösen können, sehen wir jetzt: sie, diese sogenannten Wahrheiten, gefährden den gesellschaftlichen Frieden in unserer Stadt.

Ungefähr 19.000 Menschen waren am 08.12.2014 auf Dresdens Straßen, die für oder gegen Vielfalt in unserer Gesellschaft demonstrierten. Für uns als Dresdner Bürgerinnen und Bürger stellt sich die Frage, was wir tun können, um die aktuelle Debatte zu versachlichen.

Sensibilisierung für politische und mediale Prozesse

Die Politikverdrossenheit geht seit Jahren zurück. Das Engagement in den klassischen Parteien und die Wahlbeteiligung mögen da irritieren, doch suchen Bürgerinnen und Bürger immer öfter alternative Partizipationsmöglichkeiten, um Politik zu beeinflussen.

PEGIDA ist ein Versuch einer alternativen Form von Partizipation. Sie basiert darauf, zunächst aus einer Stimmung eine Marke und dann eine Massenbewegung zu machen. Man merkt insbesondere bei den Anhängern von PEGIDA die noch fehlende Sensibilisierung für das Funktionieren von demokratischen Strukturen. Alles was nicht gleich übermorgen von Seiten der Politik beschlussreif ist, wird als „Aufschieben“ oder „Versteckspiel“ in Frage gestellt. Das politische System sei „korrupt“, die Medien „gleichgeschaltet“.

Ich halte es aus diesem Grund, aber auch zur generellen Förderung demokratischer Partizipation, für essenziell, in der sächsischen Bildung einen stärkeren Fokus auf Demokratiererziehung zu legen. Es sollte dringend evaluiert werden, welche Kenntnisse sächsische Bürgerinnen und Bürger von demokratischen Prozessen haben, um gegebenenfalls bildungspolitisch entgegensteuern zu können. Es kann nicht sein, dass angebliche politische Interessen der Mehrheitsbevölkerung erst durch die Herabwürdigung von Minderheiten und nicht durch diplomatischen Dialog mit der Politik und den Medien kundgetan werden können. Ich bin überzeugt davon, dass das Verständnis für die Komplexität politischer Entscheidungen und die Funktionsweise von Medien eine tragende Säule für ein friedliches gesamtgesellschaftliches Miteinander ist.

Sensibilisierung für dialogorientierte Kommunikation

Vorverurteilungen von Islam und Muslimen sind nicht nur eine Folge mangelnder Begegnung und einer überwiegend negativen Presseberichterstattung sondern auch die Folge einer starken Vernetzung muslimfeindlicher Netzwerke im Internet und einer Bildungspolitik, die keine Antworten auf den gesellschaftlichen Wandel, auch in der Art und Weise wie wir miteinander kommunizieren, liefert.

In einer Region, in der es kaum Kontakt zu Minderheiten gibt, findet die Informationsbeschaffung in der Regel über soziale Netzwerke im Internet statt. Netzwerke wie Facebook, Twitter und Co. sind allerdings in erster Linie profitorientierte Unternehmen, die sich nur sekundär für die Effektivität zwischenmenschlicher Kommunikation interessieren. Das Ziel ist, Nutzer möglichst lange auf der eigenen Seite interagieren zu lassen sowie das Internetverhalten zu verfolgen, um so Werbetreibenden zielgerichtetes Marketing zu ermöglichen. Was das mit PEGIDA zu tun hat? Weil soziale Netzwerke die Interessen der Nutzer analysieren, werden sie Inhalte und Personen vorschlagen, die Nutzerinteressen entsprechen. Beschäftigt man sich also lange genug mit negativen Beiträgen über Islam und Muslime, deren Argumentation man möglicherweise gar nicht als muslimfeindlich durchschaut, werden solche Inhalte auch öfter automatisch vorgeschlagen. Das ist keine böswillige Absicht sozialer Netzwerke.

Das sind Algorithmen zur Nutzerbindung. Doch die Auswirkungen darauf, wie wir über den Islam und Muslime denken und welches Verhältnis zur Realität wir entwickeln, ist nicht unerheblich und sollte von uns bei der Nutzung dieser Dienste mitgedacht werden. Die Politik muss Projekte fördern, die sowohl Kinder und Jugendliche als auch Erwachsene stärker für diese Mechanismen sensibilisieren und ihnen die notwendige Medienkompetenz verleihen.

Stellen Sie sich gerne dem Experiment und probieren Sie es aus: Erstellen Sie sich einen – gerne auch anonymen – Twitter Account und folgen ein paar Tage lang all den Leuten, denen ich auf Twitter (@konradheinrich – https://www.twitter.com/konradheinrich) folge und seien Sie erstaunt darüber, wie sich ihre Wahrnehmung verändern wird.

Ich behaupte nicht, dass meine Timeline, die objektive Realität verkörpert. Die Wahrheit finden wir nicht dadurch, dass wir erhobene Daumen vergeben oder beleidigende Kommentare schreiben. Wir finden keine Wahrheit, wenn wir retweeten oder favorisieren. Die Wahrheit über unseren Nächsten finden wir nur im konstruktiven zwischenmenschlichen Gespräch.

Epilog

Wir Dresdner Bürgerinnen und Bürger, das heißt alle Menschen, die in unserer Stadt leben, sollten die Chancen, die sich für einen Dialog bieten, wahrnehmen. Das kann an offiziellen Runden Tischen passieren, spontan im Café, in der Kirche oder Moschee. Wir sollten einander zuhören und verstehen lernen, um auf unsere jeweiligen Sorgen und Ängste aber auch Hoffnungen und Träume eingehen zu können. Dabei ist es keine Lösung, die Weltanschauungen von Menschen herabzuwürdigen und sie als politisches Instrument zu nutzen, wie es PEGIDA mit der Angst vor der Islamisierung auf dem Rücken von Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund macht. Wir sollten als Vorbild für ein weltoffenes Dresden in einen konstruktiven Dialog treten, bei dem zuerst der individuelle Mensch zählt.

DNN

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