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Volle Kirchen zu Weihnachten - halbleere Bankreihen das Jahr über

Warum ist das so? Volle Kirchen zu Weihnachten - halbleere Bankreihen das Jahr über

Wer Heiligabend in der Kirche einen Platz ergattern will, muss sich mitunter sputen. Während das Jahr über vor allem bei evangelischen Kirchen die Platzauswahl groß ist, drängt es die Menschen zu Weihnachten in die Gotteshäuser. Warum ist das so?

Leere Kirchenbänke in der Kirche des Marienwallfahrtsortes der katholischen Sorben und des Bistums Meißen Rosenthal bei Ralbitz-Rosenthal.

Quelle: dpa

Erfurt/Dresden/Magdeburg. Wenn Heiligabend die Kirchenglocken läuten, blickt Pfarrer Walter Lechner einmal nicht auf halbleere Bankreihen. Mit bis zu 700 Besuchern rechnet der 35 Jahre alte Pastor bei den Christvespern in der sächsischen Kirchgemeinde Frauenhain (Kreis Meißen) mit ihren drei Kirchen. Normalerweise hören ihm etwa 70 Gläubige zu. An manchen Sonntagen sind es auch mal deutlich mehr. Doch volle Kirchen bleiben in Mitteldeutschland die Ausnahme. Anders ist das an Weihnachten: Rund um die Feiertage kommen zehnmal so viele Menschen in die Kirchen wie an normalen Sonntagen. 

Ob er deshalb gefrustet ist? „Ich freue mich schon, wenn die Bude voll ist“, antwortet Pfarrer Lechner. Er sieht ein volles Gotteshaus zu Weihnachten vielmehr als Chance, Menschen zu erreichen, die sonst nicht viel mit der Kirche am Hut haben. „Soll ich mit denen schimpfen, wenn sie nur Heiligabend zur Christvesper kommen?“ Lechner erinnert sich an einen Jugendlichen aus einer atheistischen Familie, der sich mit 14 Jahren aus Neugier das Krippenspiel ansah und danach den Pfarrer fragte, ob er ihn taufen könnte. Heute spiele er Orgel und sei in der Jugendarbeit aktiv. „Der Gottesdienst ist nicht dazu da, dass ein Pfarrer Bestätigung findet, sondern dass die Beziehung zu Gott gestärkt wird“, findet Lechner. Natürlich wäre er glücklich, wenn auch am ersten Weihnachtsfeiertag die Kirchen voll wären.

Eine halbe Million Menschen zählte die evangelische Landeskirche Sachsens im vergangenen Jahr bei ihren Christvespern. Ebenso viele waren es 2013 - gut 550.600. Zum Vergleich: An einem gewöhnlichen Sonntag strömen etwa 55.000 Menschen in die protestantischen Gotteshäuser. In Thüringen und Sachsen-Anhalt sind die Zahlen ähnlich. Nach Angaben der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland (EKM) suchten im vergangenen Jahr an Heiligabend 596.084 Menschen eine evangelische Kirche auf. Vor fünf Jahren waren es noch 517.294. Der Blick auf andere kirchliche Tage im Jahr macht den Stellenwert von Weihnachten deutlich: Am ersten Sonntag der Fastenzeit 2014 zählte die EKM 24.379 Menschen, zum Erntedankfest waren es mehr als 100.000.

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17.000 Dresdner haben am Sonntag trotz nasskalten Wetters die traditionelle Weihnachtliche Vesper vor der Frauenkirche besucht.

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Der Kirchensoziologe Gert Pickel von Universität Leipzig beobachtet seit zehn Jahren ein steigendes Interesse an den Gottesdiensten zu Weihnachten. „An den Feiertagen geht es um Gemeinschaft, Traditionen und ums Atmosphärische.“ Der Gottesdienst sei anders als an gewöhnlichen Sonntagen kein rein religiöser Akt. „Und wehe der Pfarrer vergisst das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“, dann hat er etwas falsch gemacht.“ Nach den Worten des Dekans der Theologischen Fakultät hat das Krippenspiel außerdem den Effekt, dass Eltern und Großeltern kommen, um ihre Kinder und Enkel auftreten zu sehen. 

Leere Kirchenbänke im Jahr und Platznot zu Weihnachten seien vor allem ein Phänomen bei Protestanten, erklärt Pickel. Bei den Katholiken gebe es noch so etwas wie eine Gottesdienst-Pflicht. Sie gingen doppelt so häufig in die Kirche wie Protestanten. Im Bistum Erfurt besuchten im vergangenen Jahr im Durchschnitt 29.324 Menschen eine Messe, 20.000 davon allein im Eichsfeld. In den Bistümern Dresden-Meißen waren es rund 26.000, in Görlitz 6000 und in Magdeburg 12.000. In Ostdeutschland gehen laut Deutscher Bischofskonferenz trotz vergleichsweise kleiner Bistümern mehr Menschen in die Gottesdienste als im Bundesdurchschnitt. Dieser liegt bei elf Prozent. In Thüringen und Sachsen gehen etwa 20 Prozent der Gläubigen regelmäßig zur Kirche. Im Bistum Magdeburg sind es 15 Prozent. Der Jenaer katholische Pfarrer Stephan Riechel schätzt deshalb, dass an Heiligabend in etwa genauso viele Menschen zur Messe kommen wie an einem normalen Sonntag.

Einen Unterschied gibt es: Heiligabend ziehen die Katholiken in die evangelische Stadtkirche um, weil sie sehr viel mehr Platz bietet als die katholischen. „So kommen auf einem Schlag so viele Menschen wie zu den sechs Gottesdiensten sonntags“, rechnet der Geistliche vor. Ein großes Publikum zu Weihnachten schreckt zumindest den sächsischen Pfarrer Walter Lechner nicht ab: „Ich bin aufgeregter, wenn fünf Leute vor mir sitzen.“

Von Christian Thiele, dpa

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