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"Trümmerhaufen neben Trümmerhaufen" - Auszüge aus den Briefen einer Dresdner Zeitzeugin

"Trümmerhaufen neben Trümmerhaufen" - Auszüge aus den Briefen einer Dresdner Zeitzeugin

"Ich… kam ½ 1 Uhr nachts in Dresden-N. an. Leider mußte ich hier bis 5.45 auf die erste Straßenbahn warten, der Koffer wegen konnte ich nicht heimlaufen… Der Leipziger Bahnhof ist sehr kaputt, aber die Gleise sind alle wieder in Ordnung, es regnete auf die Perrons, weil kein Dach mehr drüber ist.

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Die Briefe zeugen von einer längst vergangenen Zeit.

Quelle: Genia Bleier

31.3. 1945

Ein Stück Gebäude im Wartesaal steht noch… Die Heimfahrt mit der 22 morgens brachte mir wieder die Schrecken des Bombenkrieges zum Bewußtsein. Es sieht schlimm aus, an beiden Seiten der Tharandter Straße Trümmer…

Nachmittags… die Fahrt ging am Neustädter Bahnhof vorbei durch die Glacisstraße über die Carolabrücke, Sachsenplatz, Gerokstraße u.s.w. Neue Schreckensbilder, es ist furchtbar. Am Sachsenplatz die großen Gebäude, die Kaserne, das Amtsgericht, alles, alles hin, die Gerokstraße sieht fürchterlich aus, wohin Du den Kopf drehst, Vernichtung überall… Die Marienbrücke habe ich früh mit der Bahn überquert, hat kein Geländer mehr… Die Augustusbrücke ist für den Fahrverkehr gesperrt, sind Löcher drin, man kann unten durchgucken, aber seitlich dürfen Fußgänger laufen auf eigene Gefahr.

…heimzu… bin ich bis Ausstellung gefahren, bis dahin ging der Bus, dann quer durch die Innenstadt, Grunaer Straße, Pirnaischer Platz, König-Johann-Straße, Altmarkt, das existiert alles nicht mehr, es spottet jeder Beschreibung, Trümmerhaufen neben Trümmerhaufen, wenn man in die Seitenstraßen hineinguckt, Ruinen neben Ruinen, eine vollkommen tote Stadt, nur das Grauen und Entsetzen wohnen dort…, kilometerweit ist alles so vollkommen zerstört, daß nicht mal ein kleines Hintergebäude stehen geblieben ist. Du kannst Dir das wirklich nicht vorstellen, man muß das selbst sehen.

 Manchmal dachte ich von weitem, das steht noch und jenes, aber es sind nur Gerippe, innen nichts, es sieht darum umso schauriger aus.“

1.4. 1945

"…heute ist nun 1. Osterfeiertag, mir ist nicht danach…

…Es ist nicht zu umgehen, ich muß mich in Remda abmelden… Es ist wegen der Lebensmittelmarken…, ich kann mir nicht mal eine Kohlrübe kaufen…“

3.4. 1945

"…Denke Dir, D. B. ist tot, die Herbertstraße 5… ist ausgebrannt und eingestürzt…, sämtliche Haubewohner von O. tot… Vernichtung wohin Du blickst, nicht mal die Toten haben Ruhe…“

4.4. 1945

"…im Heeresbericht wurde heute Gotha genannt, mein Gott dann ist der Feind vielleicht schon bei Euch… Hast Du meine Abmeldung schon erledigt? Es ist sehr dringend, morgen früh will ich mal auf die Kartenstelle gehen und meinen Fall vortragen. Ich bin ganz verwirrt… Aber ich habe keine Angst, Angst habe ich nur um Euch…

Eben Meldung Bomberanflüge mit Spitzen über Sachsen, Alarm!-----

Wir sind in den Steinbruch gerannt, aber es blieb über uns ruhig. Es ist schon wieder Voralarm…“

6.4. 1945

"Eben komme ich von der Kartenstelle… Man sagte mir, daß ich ohne Abreisebescheinigung von Remda niemals hier Lebensmittelmarken beziehen könne…

Es sind hier oft Alarme, in der Nacht sind wir zweimal nach dem Felsenkellerbunker gerannt…“

14.4. 1945

"Ich weiß zwar nicht, ob Dich diese Zeilen jemals erreichen, aber ich will trotzdem jeden Tag an Dich schreiben. Heute war ich in so verzweifelter Stimmung, weil ich im Rundfunk den Namen Rudolstadt hörte und daß schwere Kämpfe zwischen Rudolstadt und Saalfeld im Gange sind…“

15.4. 1945

"…die Front rückt uns jetzt nahe und Dresden soll verteidigt werden bis aufs letzte, das heißt, was noch übrig ist von Dresden…“

17.4. 1945

"Ein schrecklicher Angriff liegt wieder hinter uns. 1 3/4 – 2 Stunden lang rauschten die Bomben wieder auf unsre Erde. Ich konnte… gerade noch unsern Keller erreichen. Es war genauso wie am 13.2. … In der Chemnitzer Straße haben diese Kinder- und Frauenmörder Reihen von Bomben in die zum Schutzraum eilenden Menschen hineingeworfen und dann den Lagerkeller bombardiert. Sind alle tot, die da drin waren. Darunter auch Frau N. Sie lag mit dem Rucksack auf der Straße tot. Wir haben alle eine entsetzliche Angst, dauernd ist Vor- oder Vollalarm…“

19.4. 1945

"2 Nächte im Bunker, es ist nicht schön dort…, an schlafen nicht zu denken…“

20.4. 1945

"Heute hatten wir zwar Angst vor Fliegern, aber keine Lust in den Bunker zu gehen, es sind Diphterie und Scharlachfälle vorgekommen… Der reinste Seuchenherd… mir war immer schlecht und ich konnte nicht mehr richtig essen. So sind wir heimgegangen…“

7.5. 1945

"…wir sollen evakuiert werden, sammeln 3 Uhr nachm. Nach Marienburg im Erzgeb., später die Meldung, stellen 12 Uhr. Dann erfuhren wir, daß wir laufen müßten. Du lieber Gott, es sind ganz alte Leute im Haus…“

8.5. 1945

"Nach einer unruhigen Nacht, in der wir angstvoll… am Radio gesessen haben, ist dann früh endlich die Nachricht durchgedrungen, daß Waffenstillstand herrscht mit allen Fronten…

Gegen Mittag hieß es: „Die Russen sind da!“

10.5. 1945

"Gestern Nacht ½ 1 Uhr sind wir sehr erschrocken… 12 russische Soldaten donnern an die Haustür und da ihnen das Öffnen zu lange dauerte drückten sie die Tür ein… Ich habe geöffnet und alle Wohnungen wurden bis auf den Boden und Keller nach Soldaten und Waffen durchsucht. Der befehlende Unteroffizier hielt aber auf Ordnung und wollte nur schlafen…“

12 5. 1945

"Schlafen jetzt zu fünft in meiner Wohnung… Die Offiziere und Soldaten waren gut und haben den Hausbewohnern allerhand Lebensmittel geschenkt, aber wenn sie besoffen sind, und das sind sie alle Tage, so hat keine Frau Ruhe vor ihnen…“

14.5. 1945

"Gestern haben wir in der Laube bei E. geschlafen, es sind gefahrvolle Zeiten, in der Planettastraße ist ein junges Mädchen (17 Jahre) vom 3. Stock aus dem Fenster gesprungen. Sie sollte von 3 Mann vergewaltigt werden…“

6.6. 1945

"Habe jetzt einige Tage nichts eingeschrieben, hatte auch wenig Zeit dazu… momentan arbeite ich als Ziegelputzerin…

Heute erschien Frau W. das erstemal aus Klingenberg seit der Russenbesetzung. Sie haben in Klingenberg alles verloren, die Schränke leer, Klavier, Radio, die Betten, alle Wäsche… Frau W. muß in einem Liegestuhl schlafen… Sie ist auch vergewaltigt worden…“

27.6. 1945

"…Gestern hatte ich wieder Nachtgäste, Flüchtlinge aus dem Sudetengau… wenn das alles wahr ist, was jetzt über die führenden Nazis und die SS in den Zeitungen und über den Rundfunk veröffentlicht wird, so sind diese… schuld an unserem namenlosen Elend…“

23.7. 1945

"…Momentan siehts in Dresden mies aus, unsre Fleisch- und Fettmarken werden wohl diesmal ohne Belieferung bleiben. Müssen halt den Leibriemen noch enger schnallen, ich wiege nur noch 100 Pfund…

Heute Flüchtlingen Brot und etwas Marmelade für die Kinder geschenkt, die armen Menschen hatten nichts zu essen, eine Behörde schiebt sie ab und die andre tut desgleichen… Habe Brot genug, da ich nichts drauf zu schmieren habe…“

14.8. 1945

"Nach Dresden besteht, der Lebensmittellage wegen, totales Zuzugsverbot…

Zu uns kommt keine Post von auswärts, momentan sind nur offene Postkarten mit Schreibmaschine oder lateinischer Schrift zugelassen, ohne Absender wird nichts befördert…“

Genia Bleier

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