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„Sensibel bleiben“ - 25 Jahre nach den Angriffen von Hoyerswerda

Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus „Sensibel bleiben“ - 25 Jahre nach den Angriffen von Hoyerswerda

Sieben Tage Ausnahmezustand im September 1991 in Hoyerswerda: Fremdenfeindliche Übergriffe gegen ausländische Vertragsarbeiter und Asylbewerber. 25 Jahre später leben wieder knapp 700 Flüchtlinge in der Stadt - unter besonderer Aufsicht des Verfassungsschutzes.

Polizeikräfte blockieren am 23.09.1991 Straßen in Hoyerswerda.

Quelle: dpa

Hoyerswerda. In einem dicken, grünen Hefter sind die Ereignisse vom Herbst 1991 in Hoyerswerda aufgelistet. Horst-Dieter Brähmig, einst Oberbürgermeister, klappt den Pappdeckel auf. Alte Polizeiprotokolle erinnern an die fremdenfeindlichen Übergriffe auf ehemalige Vertragsarbeiter und Asylbewerber im September vor 25 Jahren genauso wie vergilbte Zeitungsausschnitte. „Damals hat die Luft gebrannt“, sagt der 78-Jährige. Heute habe sich die Stadt breit gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus aufgestellt.

Das frühere Stadtoberhaupt wohnt in der Altstadt, dort kennt jeder jeden. Zehn Minuten Autofahrt liegen zwischen den Ackerbürgerhäusern und den anonymen Hochhausriesen. Die langen Schluchten dieses Neubaugebiets durchzieht im Wendeherbst 1989 Hoffnungslosigkeit.

25 Jahre nach den fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Hoyerswerda

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„In der DDR ging es den Menschen dort gut. Nun brach alles weg, es gab die Angst vor Arbeitslosigkeit, sozialem Abstieg und zunehmender Kriminalität“, sagt Christoph Wowtscherk. Der promovierte Historiker hat für seine Doktorarbeit die Ereignisse von damals rekonstruiert und 500 Hoyerswerdaer befragt.

Hoyerswerda 1991

Ein Überblick über die Ausschreitungen in Hoyerswerda im September 1991:

- Am 17. September 1991 geraten acht angetrunkene jugendliche Rechtsradikale mit drei vietnamesischen Zigarettenhändlern auf dem Lausitzer Platz in Streit. Es geht um die Bezahlung der Zigaretten-Päckchen. Die Polizei löst das Handgemenge auf.

- Daraufhin verlagert sich der Konflikt zum Vertragsarbeiterwohnheim in der Schweitzer-Straße. Es fliegen aus beiden Richtungen Steine und Flaschen. Zusätzliche Einsatzkräfte der Polizei aus Bautzen, Kamenz und Görlitz versuchen die Lage zu beruhigen. Es gibt acht Verletzte und zwölf Festnahmen.

- Am 18. September positionieren sich am frühen Abend rund 100 Jugendliche vor dem Heim und rufen ausländerfeindliche Parolen. Wieder kommt es zu Handgreiflichkeiten zwischen den Gruppen. Die Polizei muss das Gebäude sichern.

- Am 19. September befinden sich schon um die 500 Personen vor dem Heim. Es wiederholt sich die Szenerie der Vortage. Es fliegen Brandsätze, die aber gelöscht werden können.

- Am 20. September wird das Vertragsarbeiterwohnheim großräumig abgesperrt. Die Krawalle verlagern sich zum neuen Asylbewerberheim in der Thomas-Müntzer-Straße. Rechtsradikale werfen Fensterscheiben ein.

- Am 21. September eskaliert auch dort die Situation. Das Gebäude wird mit Molotowcocktails und Flaschen beworfen. Auch die Einsatzkräfte werden attackiert. Es gibt 6 Verletzte und 16 Festnahmen.

- Am 22. September reist die Neonazi-Szene aus Deutschland nach Hoyerswerda. Neben drei Polizeihundertschaften sind auch Wasserwerfer und der Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes im Einsatz. Als gegen 21 Uhr die Lage eskaliert, wird das Gelände geräumt. Es werden sechs Personen verletzt und 32 festgenommen.

- Am 23. September wird das Asylbewerberheim unter dem Beifall von 600 Schaulustigen geräumt. Die 60 Afrikaner aus dem Vertragsarbeiterwohnheim verlassen schon zwei Tage vorher heimlich die Stadt und werden in ihre alte Heimat ausgeflogen. 

Sie hätten erzählt, dass die Stadt sich wie ein Zündfass anfühlte. Nicht zuletzt, weil ohne Ankündigung 230 Asylbewerber in die Stadt kamen. Sie zogen in Neubauten und bekamen staatliche Hilfe. Das Besondere an Hoyerswerda sei, so Wowtscherk, dass nach heimlichen Anschlägen nun Hass auf Ausländer in Deutschland öffentlich durch Hunderte Schaulustige tagelang begleitet wurde.

Auch Brähmig erinnert sich an die Spannungen vor dem 17. September 1991. Es gab Beschwerden über laute Abschiedsfeiern der Mosambikaner in der Albert-Schweitzer-Straße kurz vor ihrem Heimflug. Es gab Streit um die Bezahlung einer Zigarettenschachtel zwischen Rechtsradikalen und vietnamesischen Händlern. Jener habe das „Ventil gegen die Schwächeren“ geöffnet. Die ersten fremdenfeindlichen Übergriffe gelten dem einstigen Vertragsarbeiterwohnheim.

Vier Abende lang belagern Neonazis das Haus. Beobachter sprechen von „Schlachten“. Es fliegen Steine und Brandsätze in beide Richtungen. Einige Einwohner, darunter Familien, der Neustadt kommen zum Zuschauen, andere applaudieren. „Ausländer raus“-Rufe ertönen. 

Brähmig erkennt seine Stadt nicht wieder. Er ist damals Mitarbeiter im Landratsamt. Er fragt die Randalierer: „Warum steht ihr hier?“ und bekommt ein Schulterzucken. Stattdessen ziehen 500 Menschen weiter zum neuen Asylbewerberheim in der Müntzner-Straße. Die Polizei ist überfordert. Nach den Ereignissen muss der sächsische Innenminister zurücktreten. 

25 bis 30 Unverbesserliche

Nach sieben Tagen leben keine Ausländer mehr in Hoyerswerda. Unter dem Jubel von Rechten verlassen Vertragsarbeiter und Flüchtlinge in Bussen die Stadt. Bis heute ist der Ort Synonym für Ausländerfeindlichkeit. Damit müssen Brähmig und sein Nachfolger Stefan Skora leben.

„Die Stadt hat sich in 25 Jahren gut gegen Rechtsextremismus aufgestellt“, sagt Skora und nennt Projekte wie die Schulaktion „Hände gegen rechts“. Aktuell erinnert die Stadt mit rund 20 Veranstaltungen an Hoyerswerda 1991.

Und dennoch: Wegen der rechten Szene steht Hoyerswerda im besonderen Blick der Verfassungsschützer. 2015 nahm die Polizei 31 rechtsmotivierte Straftaten in der Stadt auf, ergab eine Anfrage der Grünen bei der Staatsregierung. Im Juni 2015 warfen drei Jugendliche einen Brandsatz auf das Asylbewerberheim in Hoyerswerda. Zu Schaden kam niemand. Gewaltig zeigte sich 2006 die Neonazis-Szene: 15 Jahre nach den Vorfällen marschierten 400 Rechte durch die Stadt. Sie kamen aus ganz Sachsen und auch aus Brandenburg.

Hoyerswerda hält damals kurz die Luft an. Engagierte gründen schließlich die Initiative „Zivilcourage“. Sie kümmert sich um politische Bildung von Schülern oder um die derzeit knapp 700 Flüchtlinge in der Stadt. Sie organisiert Bürgerforen und macht auf Läden aufmerksam, die nicht auf NPD-Literatur verzichten wollen. Sie setzte sich auch für ein Mahnmal zu Hoyerswerda '91 ein. Es steht seit zwei Jahren zentral im Neubaugebiet in Blickweite zum einstigen Vertragsarbeiterhaus. Beide Gebäude sind inzwischen abgerissen. 

Einer aus der Initiative ist Pfarrer Jörg Michel. „Es gibt 25 bis 30 Unverbesserliche. Leider hört man nur die Lauten. Aufgrund des demografischen Wandels und des daraus resultierenden massiven Rückbaus sucht die Neustadt immer noch nach Fassung“, sagt er. Für den Theologen gehören die Ereignisse 1991 zur Geschichte Hoyerswerdas. „Es hilft, sensibel zu bleiben“, sagt er und macht sich auf den Weg.

In einer Stunde treffen sich die Zivilcourage-Netzwerker. Ausländerhass soll in Hoyerswerda keinen Nährboden mehr bekommen.

Von Miriam Schönbach, dpa

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