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Schön oder Biest: Dresdner Künstler ermöglichen eine Theater-Performance in der JVA Zeithain

Schön oder Biest: Dresdner Künstler ermöglichen eine Theater-Performance in der JVA Zeithain

Auf die Frage, ob der "Knast" nicht vielmehr eine Kulturanstalt sein sollte, antwortete kurz vor der Passage des Publikums durch die "Eingangsschleuse" der Justizvollzugsanstalt Zeithain ein sympathischer Bediensteter: "Das soll er nicht werden, das Gefängnis hat eine andere Funktion!" Das war eine ehrliche und zugleich nüchterne Antwort, denn das "Gefängnis" ist ein Ort der Strafe, der Sühne und der Reue.

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Die Theater-Performance "Schön oder Biest" wurde in der Turnhalle der Anstalt aufgeführt.

Quelle: Fara Phoebe Zetzsche

Ein Ort, der - bei aller Modernisierung - auch ein Exempel der Abschreckung vor Gesetzeswidrigkeiten statuiert. Aber schon die Reue oder das Bedauern einer Straftat ist per se ein psychischer Akt, hat etwas mit der ganz persönlichen Selbst- und Sozialwahrnehmung, also ganz elementar mit Kultur zu tun.

Dieses Feld der persönlichen "Verarbeitung" von Strafdelikten findet nicht im luftleeren Raum, sondern ganz wesentlich im sozialen Milieu der Vollzugsanstalten statt. Der Vergleich mit der Kaserne ist hier durchaus naheliegend: Männer unter sich, Revier- und Ränkekämpfe, Zugehörigkeit und Ausgrenzung - also all die Phänomene, mit denen wir es in unserer Gesellschaft, ihren Aufsplitterungen in arm und reich, rechts und links, hipp und punk, schick und salopp zu tun haben.

Der "Knast" ist aber eine Art Brennspiegel, in dem sich fragwürdige gesellschaftliche Mechanismen und grenzwertige Rituale der (Des-)Integration mit der Ausnahmesituation des Freiheitsentzugs und der geschlechtlichen Isolierung mischen.

Genau davon handelt die Theater-Performance "Schön oder Biest" die in der veranstaltungstechnisch gut ausgestatten Turnhalle der Anstalt aufgeführt wurde: Zwischen Revue und Sprechtheater, staubig-brutalen Leibes-Eskapaden auf Rindenmulch und augenzwinkernd rührseliger Innerlichkeit haben die Darsteller und Akteure an den Technikpulten eine rasante, bis ins Mark gehende Performance abgeliefert. Vorgegeben war lediglich die Erzählung "Die Schöne und das Biest". Was die Männer daraus gemacht haben, zeugt nicht nur von Intelligenz und Witz, sondern belegt, was man schon vor Jahren bei Gefängnis-Projekten in Paris oder Barcelona entdecken konnte: Hier wird Klartext gesprochen! Körperlich ganz ohne "Wischi"-"Waschi" wird soziale Realität im Vollzug mit alltäglichen Sehnsüchten zwischen Größenwahn, Anpassung, Verdrängung und Einsicht verknüpft. "Weggesperrte" sind mitunter die sensibleren und wahrhaftigeren (Lebens-)Künstler. Das mag an deren besonderer Biografie - auch diese Dimension erschien in einer Projektion auf Bettlaken -, an Verletzungen oft schon in der frühen Kindheit liegen...

Wie dem auch sei, als sich die Akteure zu Beginn über imaginäre Laufstege, die die Star-Welt bedeuten, als Herde und Einzelwesen förmlich in ihrem ganzen So-verkleidet-Sein präsentieren, wird die im Querformat bespielte Halle unerhört mit Energie aufgeladen! Vierzehn Männer, jeder unverwechselbar und dazu noch mit unterschiedlichem nationalen Hintergrund - also nicht nur Sachsen, sondern Akteure mit asiatischer und anderer Abstammung - zeigen sich aufreizend, provokant, abgeklärt, nervös, schüchtern, anzüglich, verletztlich ...

Genau so, nur etwas geläutert, werden sie am Ende des Stückes der Gang und ihrem mächtigen Anführer den Rücken kehren. Die Entscheidung für die eigene Individualität, für die Liebe, vor allem aber für die Zuneigung sich selbst gegenüber wird im Stück als harter Kampf durch Klischees und unterschiedliche Formen der Gewalt hindurch auf rasante Weise entfaltet. Dabei mutiert eben der am extremsten Misshandelte und Ausgestoßene folgerichtig zum Biest, zum bestialischen Beherrscher. Die Schöne wird wie im wirklichen Knast auch im Stück - außer mit ihrer sanften Stimme - nie leibhaftig auftauchen. Aber die Wahrnehmung von Schönheit und Ausdruck geht hier durch den Dialekt, den Slang, durch das Riskieren, die Rauheit und Ungekünsteltheit hindurch.

Wenn Jesus dem "Geringsten unter den Brüdern" am nahesten stand, so wird durch die Präsenz der Akteure des Stückes klar, dass hier wahrhaftig gespielt wird. Wie die Männer aus Zeithain die literarische bzw. verfilmte Vorlage "Die Schöne und das Biest" für sich umgedeutet haben, kann man gut und gern als einen Geniestreich bezeichnen: Das Gefängnis ist ähnlich wie eine Kaserne ein Ort, an dem die Dynamiken des Herrschens und Beherrschens, des Verwehrens, Gewährens und Bewährens am deutlichsten hervortreten: Hier wird im wahrsten Sinne um Zugehörigkeit gebuhlt, gekämpft. Und es braucht einen Führer, der das Ganze zusammenhält, zu dessen Füßen man im Staube kriecht. Und es braucht Sündenböcke, an denen sich die Untertanen abreagieren und zugleich illusionär erheben können. Am Schluss reicht der Zauber einer Rose - Symbol für die Liebessehnsucht -, um auch das hässlichste Biest zutiefst menschlich empfinden zu lassen.

Die unzerstörbare menschliche Sehnsucht, ganz "Ich" zu werden, löst die Untertanen-Herrschaft auf. Denn wir alle wollen in die Welt hinaus und unser Glück und Leid als unser ureigenstes, unverwechselbares Dasein erfahren. In diesem Sinne mutiert das Zeithainer "Knasttheater" nicht nur zur "Kulturanstalt", in deren Kreativzentrum die 400 Gefangenen auch modellieren, malen, schreiben oder stricken können, sondern zum Experimentalraum. Zu einem Raum, in dem die Symbiose zwischen gesellschaftlichen, sozialen und ganz intimen Konfliktfeldern sinnlich untersucht und körperlich durchgespielt wird.

Es ist den beiden Dresdner Künstlern Jacqueline Hamann und Uwe Ziegler zu verdanken, dass sie mit ihrer sensiblen Moderation der im Juni 2012 begonnenen Produktion bemerkenswerten Freiraum für die menschlichen Potenziale und den Teamgeist der Beteiligten gelassen haben, also fernab von Pädagogisierung und Verkunstung vor Ort agierten. Zu danken ist auch dem Sächsischen Staatsministerium der Justiz, dass es neben anderen Projekten in sächsischen Vollzugsanstalten das Engagement der Dresdner Künstler in Zeithain nachhaltig finanziert.

Es wäre schön, wenn das Stück auch außerhalb der beeindruckenden, mit Stacheldraht gekrönten Umzäunung gezeigt werden könnte. Das Festspielhaus Hellerau - von den Sowjets bis 1992 als Kasernensporthalle genutzt - hätte genau das Format für die außergewöhnlich performative Arbeit "Schön oder Biest".

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.10.2012

Klaus Nicolai

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