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Schiffbrüchig, ein Leben lang - zum 100. Geburtstag Jean Amérys

Schiffbrüchig, ein Leben lang - zum 100. Geburtstag Jean Amérys

"Wer abspringt, ist nicht unbedingt dem Wahnsinn verfallen, ist nicht einmal unter anderen Umständen gestört oder verstört. Der Hang zum Freitod ist keine Krankheit, von der man geheilt werden muss wie von den Masern .

.. Der Freitod ist ein Privileg des Humanen". Das Zitat stammt aus dem großen Essay "Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod" von Jean Améry. Das Buch, keineswegs eine eil- oder leichtfertige Verteidigung des Suizids, sondern ein sich aus einer den Gegenstand umkreisenden sprachlich-geistigen Erkundung kristallisierendes Plädoyer für die Anerkennung der Tatsache, dass der Mensch sich selbst gehört, erschien 1976 nach einem ersten Selbstmordversuch, zwei Jahre später, am 17. Oktober 1978 beging Jean Améry im Salzburger Hotel Österreichischer Hof mit einer Überdosis Schlaftabletten Selbstmord. Der Diskurs über den Freitod war kein Solitär im Werk Jean Amérys, eher eine Konsequenz, bereits zehn Jahre zuvor hatte er mit "Über das Altern" ein Buch vorgelegt, das kein Trostbuch war, sondern ein Nachdenken über das Wechselspiel zwischen Revolte und Resignation angesichts des fortschreitenden Lebens. Ein posthum erschienener Band mit gesammelten Essays trug den Titel "Weiterleben - aber wie?"

Geboren wurde Jean Améry als Hans Chaim Mayer am 31. Oktober 1912 in Wien. Nach einer Buchhandelslehre studierte er in Wien unregelmäßig Literatur und Philosophie. "Kein Dogma bot ihm Hilfe, keines brachte ihn in Gefahr. Manipuliert war er nur negativ: durch seine eigene Unwissenheit", schreibt Améry 1970 über den jungen Améry. Der wurde Buchhändler und musste 1938 nach Antwerpen fliehen. Im Mai 1940 wurde er dort als "feindlicher Ausländer" verhaftet und nach Südfrankreich deportiert. 1941 gelang im die Flucht, zurück in Belgien beteiligte er sich in der "Österreichischen Freiheitsfront" am Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Am 23.7.1943 wurde er beim Verteilen von Flugblättern verhaftet und danach gefoltert. Nachdem er als Jude identifiziert worden war, deportierte man ihn zunächst nach Auschwitz, später wurde er in die KZs Buchenwald und Bergen-Belsen überstellt. Sein Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof vermerkt auch seine Auschwitznummer. "Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimischer werden in der Welt", und Trost gab es für Améry nicht.

Nach dem Krieg arbeitete Améry (den Namen führte er seit 1955) als Journalist und verfasste in den sechziger Jahren vor allem literarisch-philosophischer Essays. Er schrieb über Gerhart Hauptmann, Winston Churchill, Jazz-Musiker oder Teenager-Stars, bevor er 1966 den Essayband "Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten" vorlegte. Diese Auseinandersetzung mit seiner Inhaftierung und den Erfahrungen eines Intellektuellen unter der Folter machte ihn bekannt. Als einer der ersten thematisierte er 1969 in "Der ehrbare Antisemitismus" "antisemitische Tendenzen in der deutschen Linken"; im Aufsatz "Ein Unglücksbuch der Menschheit" rechnete er mit dem Gott des Alten Testaments ab. 2007, fünf Jahre nach der neunbändigen Werkausgabe, erschien der Roman "Die Schiffbrüchigen", an dem Améry schon in den dreißiger Jahren gearbeitet hatte.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.10.2012

Jens Wonneberger

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