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Sarrazin doziert seine umstrittenen Thesen in Leipzig

Auf CDU-Einladung Sarrazin doziert seine umstrittenen Thesen in Leipzig

Als Thilo Sarrazin (71, SPD) die Europäer von jeglicher Schuld freispricht, dass Afrikaner nun mal arm und Griechen per se bestechlich sind, brandet der erste Beifall auf. Die Präsentation seines neuen Bestsellers ist am Donnerstagabend keine zehn Minuten alt.

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Thilo Sarrazin (71, SPD) stellte am Donnerstagabend in Leipzig vor voll besetztem Haus seine Thesen vor.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Als Thilo Sarrazin (71, SPD) die Europäer von jeglicher Schuld freispricht, dass Afrikaner nun mal arm und Griechen per se bestechlich sind, brandet der erste Beifall auf. Die Präsentation seines neuen Bestsellers „Wunschdenken. Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert“ (Deutsche Verlags-Anstalt, 576 Seiten, 24,99 Euro) ist am Donnerstagabend keine zehn Minuten alt. Doch längst hat sich unter den rund 200 Zuhörern, die von der gastgebenden CDU-Mittelstandsvereinigung handverlesen wurden, in der Alten Handelsbörse Leipzig das Gefühl festgesetzt: Hier spricht endlich einer aus, was so viele denken – der Stammtisch erhält seinen intellektuellen Überbau. Sarrazin erfüllt sämtliche Erwartungen und bedient wohl auch ungestillte Sehnsüchte.

Zum Beispiel nach einer Bundesregierung, die die Grenzen abriegelt. Dabei macht Sarrazin, ehemaliger Bundesbank-Vorstand und Berliner Finanzsenator, aus seiner traumatischen Kanzlerinnenerfahrung keinen Hehl: Mit der Öffnung der Grenzen für die Flüchtlinge habe Angela Merkel (61, CDU) „die größte politische Torheit seit dem Zweiten Weltkrieg“ begangen, Deutschland drohe angesichts des Ansturms von „Millionen kulturfremden Einwanderern mit durchschnittlich niedriger kognitiver Kompetenz“ der Abstieg – und um die Risiken ihrer Entscheidung zu vertuschen, habe die ahnungslose Kanzlerin alles verharmlost. Sarrazin keilt schon zu Beginn gegen seine Lieblingsfeindin Angela Merkel, die ihn nach seinem ersten Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ bei der Bundesbank ausgebootet haben soll. In Anspielung auf ihr Zitat des Jahres 2015 behauptet er: „Wir schaffen das nicht!“

Immer wieder schwellt tosender Beifall an, wohlgemerkt, auf einer CDU-Veranstaltung. Als Sarrazin vor zwei Wochen bei der rechtspopulistischen AfD in Dresden zu Gast war, strömte die Stimmung deutlich verhaltener, hielt sich der Beifall in Grenzen. Die Erregung gipfelt nun darin, dass dem Moderator, LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer, aus dem mittelständischen Unions-Publikum vorgeworfen wird, die Kanzlerin zu verteidigen. Gastgeber Ronald Pohle, CDU-Landtagsabgeordneter aus Leipzig, beeilt sich, seine Parteifreunde zu mäßigen und an den gewünschten politischen Diskurs zu erinnern, der auch kritische Fragen beinhalte. Der Wallung gebietet dies kaum Einhalt. Der Saal verschlingt die Thesen und verbrüdert sich mit dem Mann, der nur noch von Personenschützern begleitet die Republik in seinem Sinne aufklären kann. Es ist eine Art Selbstbestätigung, nach der die Masse zu gieren scheint, getragen durch ein Gefühl, vom mühsam Erreichten etwas abgeben zu sollen.

Der märtyrernde Volkswirt Sarrazin kommt mit seiner Kosten-Nutzen-Rechnung und der Loslösung der Flüchtlingsfrage von moralischen Kategorien genau richtig. Sein Credo: Nur wer besser als die einheimischen Deutschen qualifiziert ist, darf, wenn überhaupt, zu uns kommen – um unseren Wohlstand weiter zu mehren. Nahezu alle anderen Gründe, auch Krieg als Fluchtursache, hält er für unvernünftig, weil zu kostenintensiv. Sarrazin doziert weiter, dass die afrikanischen Länder während der Kolonialzeit gut in Schuss gewesen seien – und die Menschen dort ihre Staaten danach nur selbst ruiniert hätten. Oder, dass es „in Schwarzafrika überwiegend nicht die kognitive Kompetenz gibt, um in Deutschland ein neues Leben zu beginnen“. Moderator Emendörfer bringt es auf den Punkt: „Kann man es sich so einfach machen und sagen: Die Afrikaner waren zu dumm, um etwas aus sich zu machen?“ An anderer Stelle stellt der Journalist fest: „Das heißt: Wir machen dicht – und die anderen sollen sehen, wie sie klarkommen.“

Es scheinen genau diese einfachen Erklärungen zu sein, die von Zuhörern wie Lesern gewollt werden. Sarrazin ist klug genug, seine pauschalierenden Thesen mit diversen Statistiken, Forschungsergebnissen und Theoremen zu garnieren. Das Muster ist immer das Gleiche: Der so fälligen wie kritischen Zustandsbeschreibung folgt eine scheinbar wissenschaftlich belegte Forderung. Dass sich der Ex-Politiker dafür selbst – wie die von ihm derart betitelten aktiven Politiker – der Anmaßung, des Egoismus und der Täuschung bedient, soll nicht ins Gewicht fallen. Was nicht passt, wird passend gemacht, wovor sogar Max Webers Überlegungen zu Gesinnungs- und Verantwortungsethik (aus: „Politik als Beruf“, 1919) nicht gefeit sind.

Während Sarrazin im Saal gefeiert wird und den von ihm geforderten Eliten den Kopf streicht, protestieren die Initiative „Rassismus tötet“ aus Leipzig sowie die SPD-Jugendorganisation Jusos, die Linksjugend Solid und die Grüne Jugend gegen die Veranstaltung. „Sarrazin lotet die Grenzen des Sagbaren aus. Durch ihn wurde das Konzept der Rassen wieder denkbar“, kritisiert Hannie Schaft von „Rassismus tötet”. „Die Bevölkerung steht in großen Teilen hinter Sarrazin. So sind sozialdarwinistische Einstellung ein Konsens in der deutschen Bevölkerung, ähnlich wie rassistische.” Befragte Teilnehmer der CDU-Veranstaltung wollen sich dagegen nicht öffentlich äußern.

Von Andreas Debski

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