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Sachsens Tafeln kämpfen mit dem Andrang von Flüchtlingen

Pöbeleien und Hausverbot: Sachsens Tafeln kämpfen mit dem Andrang von Flüchtlingen

Die sächsischen Tafeln erleben derzeit eine größere Nachfrage ihrer Waren – vor allem durch Asylbewerber. Bei der Vergabe der Lebensmitteln kommt es immer wieder zu Konflikten: Futterneid und Streitereien sind an der Tagesordnung.

Viele Flüchtlinge holen sich die Lebensmittelspenden der sächsischen Tafeln.

Quelle: dpa

Dresden.  Die Lebensmittel-Nachfrage bei den sächsischen Tafeln steigt, die Hilfe wird jetzt auch verstärkt von Flüchtlingen in Anspruch genommen. „Zehn bis 20 Prozent der Abholer sind inzwischen Ausländer“, sagt Dietmar Haase, der im Verband sächsischer Tafeln im Vorstand sitzt. Engpässe verzeichne man bei den Waren bislang nicht, betont der 74-Jährige. „Es gibt allerdings regionale Unterschiede“, sagt Dietmar Haase.

Zum Beispiel in Delitzsch. Die Tafel versorgte bislang in der Region 2000 Personen im Monat, hinzu kommen nun etwa 100 Flüchtlinge. „Das Grundproblem ist schon lange da, nicht erst jetzt“, so Tafel-Vorsitzende Jutta Faak. Die Spendenbereitschaft sei nicht mehr so groß wie noch vor zehn Jahren. Ihre Helfer fahren bis nach Bayern, um Lebensmittel zu holen. Sie könne verstehen, dass andere Tafeln aufgeben oder Aufnahmestopps verhängen. „Wir können den Bedarf momentan noch abdecken“, sagt Faak. „Wie lange es noch so bleibt, kann ich nicht sagen.“

Delitzsch Tafel-Vorsitzende Jutta Faak

Delitzsch Tafel-Vorsitzende Jutta Faak: „Die Spendenbereitschaft hat abgenommen.“

Quelle: Manfred Lüttich

Ganz anders ist die Lage in Dresden, wo die Tafel wöchentlich bis zu 12 000 Menschen versorgt. Hier, so berichtet Tafel-Vorsitzender Andreas Schönherr, habe sich die Zahl der Gäste durch die Geflüchteten um mehr als zehn Prozent erhöht. Deshalb fahre man nunmehr von Montag bis Sonnabend fast alle Lebensmittelmärkte der Stadt an, um an elf Standorten 21 Ausgabestellen pro Woche am Laufen zu halten. Die für März übliche Saure-Gurken-Zeit gebe es in diesem Jahr nicht, so Schönherr, die Dresdner Märkte stellten mehr Waren als sonst zur Verfügung. Mit den Neukunden aus den Reihen der Geflüchteten komme man zudem gut zurecht: Bereits neun zählten zu den ehrenamtlichen Mitstreitern.

Angespannt dagegen ist die Lage in Döbeln. Etwa 650 Familien versorgt die Tafel dort pro Woche. Der Bedarf ist hier um ein Viertel gestiegen. Wie lange die Spenden noch ausreichen, um alle zu versorgen, ist ungewiss. Tafel-Chefin Elvira Illgen sagt klipp und klar: „Es kann passieren, dass es bald weniger für alle gibt.“

Was die so manchen Ehrenamtlichen noch mehr beunruhigt als die Knappheit der Nahrungsmittel: Immer wieder kommt es zu Streit zwischen deutschen Hilfsbedürftigen und Asylbewerbern. „Manchmal eskaliert es“, bestätigt Elvira Illgen aus Döbeln. Einige Flüchtlinge verstünden nicht, dass man sich in eine Schlange stellen muss, so die 59-Jährige. Und: „So mancher vergreift sich im Ton.“ Dann reagieren die Tafel-Mitarbeiter: Wer pöbelt, muss gehen.

In Oschatz griffen die Tafel-Helfer zu einer drastischen Lösung: In der Ausgabestelle sorgt nun ein Türsteher für Ordnung. Sie seien der Lage nicht mehr Herr geworden, sagt Rita Brückner, die die örtliche Tafel seit zehn Jahren leitet und dort wöchentlich 350 bis 400 Familien mit Lebensmitteln versorgt.

Weiß nicht, ab wann es zu Engpässen bei der Versorgung kommt

Weiß nicht, ab wann es zu Engpässen bei der Versorgung kommt: Döbelns Tafel-Chefin Elvira Illgen.

Quelle: Archiv

150 Flüchtlingsfamilien sind nun dazu gekommen – die meisten seien dankbar und friedlich. Aber einige Asylbewerber schickten ihre Kinder vor, die unter die Tische kriechen und die Lebensmittel einfach selbst einpacken würden. Andere hätten die Ehrenamtlichen beschimpft. Seit sie den Türsteher engagiert hat, läuft es besser. „Wenn er da ist, haben alle Respekt.“

In Leipzig sind solche Maßnahmen bisher nicht nötig. „Natürlich gibt es mehr Andrang“, bestätigt Projektleiterin Angelika Wehmer den Trend. Seit November vergangenen Jahres liege der Anstieg bei 15 bis 20 Prozent. Etwa 12 000 Menschen kommen pro Monat in die Ausgabestellen, hinzu kommen nun 1500 Flüchtlinge. Konflikte unter den Bedürftigen beobachtet auch Wehmer. „Die Deutschen haben Angst, dass sie wegen der Flüchtlinge weniger abbekommen“, so die 63-Jährige. Grund für Futterneid gebe es allerdings keinen. „Es ist genug für alle da“.

Wenn es Streit gibt, versuchen die Ehrenamtlichen zu schlichten, Ängste zu nehmen. Oft sind es vor allem Sprachbarrieren, die überwunden werden müssen. Dietmar Haase vom Landesverband der Tafeln glaubt, dass Dolmetscher sinnvoll sind, die zwischen Mitarbeitern und Flüchtlingen vermitteln. Auch Elvira Illgen aus Döbeln ist der Meinung, dass dies die Arbeit erleichtern würden. Bleibt die Frage: Wer finanziert das?

Von Gina Apitz und Barbara Stock

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