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Ratlose Sozialdemokraten - SPD bleibt weit hinter eigenen Erwartungen

Ratlose Sozialdemokraten - SPD bleibt weit hinter eigenen Erwartungen

Enttäuschung, Ernüchterung, Ratlosigkeit: Als um 18 Uhr die ersten Prognosen im Willy-Brandt-Haus für die SPD auf den Bildschirmen aufleuchten, wird es erst einmal ganz still.

Rund um die Parteizentrale in Berlin-Kreuzberg ist zur Feier des Tages eine Partyzone aufgebaut worden, mit Großleinwänden, Bratwurstbuden und Bierpilzen. Doch für die SPD gibt es nichts zu feiern.

Der rote Balken auf der Prognose bleibt bei 26 Prozent stehen. Das sind gerade einmal drei Punkte über dem Wahldesaster von 2009. Mit einem enttäuschenden "Booh" wird der Wert draußen auf der Straße vom versammelten Parteivolk quittiert. "Jetzt brauch' ich noch ein Bier", entfährt es einem Juso. Sein Nachbar ruft laut das Schimpfwort, das mit "Sch" beginnt. Kurz drauf bricht doch noch unbändiger Jubel aus. Er gilt den Werten der FDP, die es nach den Prognosen am frühen Abend nicht zurück in den Bundestag schafft.

Das war es dann aber auch mit der Begeisterung. Ein bisschen Trost spenden die Zahlen aus Hessen, die nach einem Machtwechsel hin zur SPD aussehen. Aber auch das reicht nur für kurz aufflackernden Beifall. An das Wunder einer rot-grünen Koalition auf Bundesebene hatten die Sozialdemokraten schon lange nicht mehr geglaubt. Aber wenigstens auf eine kleines Wunder hatten sie gehofft - auf ein Ergebnis von 28 Prozent plus X. Das war zuletzt die verbreitete Erwartung in der Parteispitze. Stattdessen sind es offenbar gerade einmal drei Prozentpunkte mehr geworden als 2009, als die SPD nach der großen Koalition das absolute Wahldebakel von 23 Prozent erlebte. "Wir haben die bessere Politik, haben wir im Wahlkampf gesagt. Aber die Leute haben es uns nicht geglaubt", bilanziert ein Sozialdemokrat nüchtern.

Die Parteiführung, die auf der obersten Etage über den Zahlen brütete, schickt erst einmal Generalsekretärin Andrea Nahles vor die Kameras, das enttäuschende Ergebnis zu erklären. "Wir hätten uns natürlich einen größeren Zuwachs gewünscht", sagt sie und stellt das Offenkundige fest. Eine halbe Stunde später erscheint die komplette SPD-Führung auf der Bühne mit Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und Parteichef Sigmar Gabriel an der Spitze.

Der glücklose Herausforderer wird mit warmen Beifall empfangen, der ihn ein bisschen rührt. Schulterklopfen auch von Parteichef Sigmar Gabriel, mit dem er im Frühsommer heftig aneinander geraten war. Steinbrück habe sich "unglaublich ins Zeug gelegt" und einen "fantastischen Wahlkampf gemacht", lobt er. Steinbrück ist gerührt. "Das tut mir gut", dankt er den Genossen, um dann noch einmal sein Wahlkampfmotto aufzugreifen. "Zum Klartext gehört: Wir haben nicht das Ergebnis erzielt, das wir wollten." Die SPD haben zugelegt, aber nicht in dem Maße, wie erhofft, stellt er nüchtern fest.

Gabriel und Steinbrück haben vor allem eine Botschaft an die Partei: Jetzt bloß keine Debatten, wie es weitergeht in der Partei oder in einer Regierung, etwa in einer an der Basis verhassten großen Koalition. "Der Ball liegt bei Frau Merkel", betonen beide ein um das andere Mal. "Sie muss sich jetzt eine Mehrheit besorgen", unterstreicht Steinbrück. Aber an diesem Abend ist das Thema "große Koalition" - offiziell tabu. "Keine Spekulationen darüber, wie eine Regierungsbildung aussehen kann", mahnt Steinbrück. Gabriel beschwört die im Wahlkampf gezeigte Geschlossenheit.

Peer Steinbrücks Kandidatur war seine Idee. Das Projekt ist zwar nicht krachend schief gegangen. Aber es hat auch nicht die erhoffte Rendite eingefahren. Das ist jetzt auch Gabriels Problem. Der SPD dürfte schon heute eine lebhafte Gremiensitzung bevorstehen. Der Hamburger Bürgermeister und SPD-Vize Olaf Scholz hatte bereits vor einigen Tagen Interviews gegeben, die manche als Bewerbung für das Vorsitzenden-Amt lasen.

Steinbrück will kein Minister mehr werden. Kanzler oder gar nichts, das hat er immer wiederholt. Nun möglicherweise anstehende Verhandlungen über eine große Koalition will er zwar noch entscheidend mitprägen - so wie Gerhard Schröder 2005. Aber das war es dann. "Ich habe nie zu denen gehört, die geglaubt haben, dass sich die Realität dem Parteiprogramm anpasst", zweifelt ein Sozialdemokrat vom rechten Flügel an der Weisheit des dezidiert linken Programms. Seine Prognose: Der Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz und NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft werden jetzt stärker die Ausrichtung der SPD bestimmen, denn: "Die haben bewiesen, dass man Wahlen gewinnen kann."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.09.2013

Arnold Petersen

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Von Redakteur Arnold Petersen

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