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Politiker nehmen Flüchtlinge bei sich auf

Gelebte Integration: Politiker nehmen Flüchtlinge bei sich auf

Der „Wutbürger“ hat es oft gefordert: Sollen Politiker doch selbst Flüchtlinge aufnehmen. Dabei gibt es auch in Sachsen schon Beispiele für häusliche Integration.

Frank Kupfer

Quelle: dpa

Oschatz/Grimma. Der sächsische CDU-Politiker Frank Kupfer ist ein Mann klarer Worte. Oft eckt er damit beim politischen Gegner an. Auch in der Flüchtlingskrise hat der 53-Jährige CDU-Fraktionschef kein Blatt vor den Mund genommen und vor einem ungebremsten Zuzug von Asylsuchenden gewarnt. „Davor habe ich Angst“, sagt Kupfer und meint damit Parallelgesellschaften. Er selbst bemüht sich ganz persönlich um die Integration von Zuwanderern. Kupfer nahm schon vor mehr als einem Jahr vier Geschwister aus Afghanistan in seinem Haus in Oschatz auf, organisierte dann kurz vor Weihnachten 2014 auch den Nachzug ihrer Eltern. „Wir sind mittlerweile eine Großfamilie“, sagt Kupfer.

Im Rückblick spricht er von einer guten Erfahrung. Auch wenn er die Probleme nicht verschweigt. Manches habe er sich leichter vorgestellt, räumt er ein: „Ich ging immer davon aus, wenn jemand nach Deutschland kommt, dann weiß er auch, welche Kultur er hier vorfindet. Das ist aber nicht so.“ Wenn sich die Flüchtlingszahlen dieses Jahres auch 2016 und 2017 wiederholen würden, gebe es irgendwann viele Millionen Muslime in Deutschland - Menschen mit einer anderen Kultur und einer anderen Denkweise, sagt Kupfer: „Es gibt aber nicht so viele Familien wie meine, die sich so um die Betroffenen kümmern und ihnen unsere Kultur näherbringen können.“

Die Kupfers haben das gemacht, wovon viele in Deutschland nur reden. Weihnachten 2014 wurde zusammen mit den Afghanen begangen. „Wir haben ihnen die Weihnachtsgeschichte erzählt und mit ihnen Silvester gefeiert“, erzählt der frühere sächsische Agrar- und Umweltminister. Eigentlich sei er kein Fan von Pyrotechnik. Doch als die afghanische Familie in Deutschland wiedervereint war, habe er ein paar Raketen steigen lassen. Zum Weihnachtsgottesdienst wollte Kupfer die Neuen erstmal nicht mitgenehmen. Einen „Kulturschock“ habe er vermeiden wollen, erzählt er augenzwinkernd. Doch später hätten die Familien viel gemeinsam unternommen, Spaziergänge genauso wie Marktbesuche.

Die Geschwister - zwei Mädchen und zwei Jungen im Alter von 15 bis 18 Jahren - haben sich gut eingewöhnt, wie Kupfer berichtet. Der Älteste absolviert ein berufsvorbereitendes Jahr, die drei Jüngeren gehen aufs Gymnasium. Mit Wut im Bauch erzählt Kupfer davon, dass die Kinder auf dem Gymnasium immer wieder gemobbt worden seien. „Die Kleine kam diese Woche nach Hause und sagte, sie halte es nicht mehr aus. Keiner wolle mit ihr in der 8. Klasse reden. Mich ärgert so etwas maßlos.“ Dabei habe die persischsprachige Familie schon in ihrem früheren Lebensumfeld im Iran und in Afghanistan unter Schikanen und sogar Misshandlungen gelitten.

Auch beim Dialog mit Fremden ist Kupfer für klare Worte. Bei dem Familienvater hat er eine Art „Kopftuchverbot“ für die Mädchen durchgesetzt. Eines Tages habe der Vater sie wieder mit Kopftuch auf die Straße geschickt, nachdem die Mädchen in der Zeit ohne ihre Eltern das Haar unbedeckt trugen. „Ich habe gemerkt, wie sie darunter litten. Sie wurden in Oschatz angestarrt.“ Auch die Mutter trage nun kein Kopftuch mehr. Kupfer hofft auf Vorbildwirkung. Zwei der Geschwister hat er unlängst zu einem Termin mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mitgenommen. Das Mädchen Mahnaz Amirian hat später ein Foto mit ihrem Bruder und der Kanzlerin samt lupenreiner Raute gepostet. Die 17-Jährige will Politikerin werden.

Auch Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) hat ihr Amt wörtlich genommen und beherbergte wochenlang zwei junge Männer aus Syrien auf ihrem Dreiseitenhof bei Grimma. „Viele Menschen helfen schnell und spontan, da bin ich nicht anders als andere.“ Die beiden Muslime im Alter von 19 und 25 Jahren hätten auch den Sekt zur Begrüßung mitgetrunken. „Die sind so neugierig auf unser Land, dass sie auch alles probieren wollen und offen sind für alles. Das ist die Erfahrung, die ich gemacht habe“, berichtet die Ministerin. Überall habe sie die beiden mit hingenommen. Inzwischen gebe es in ihrem Dorf noch zwei weitere Familien, die Geflüchtete aufnehmen wollen.

Bei den Köppings wurden die neuen Mitbewohner gleichfalls schnell zu einem Teil der Familie. Da alle drei Kinder schon aus dem Haus sind und inzwischen Enkelkinder bei ihren Besuchen mitbringen, musste man ein wenig zusammenrücken. „Als das jüngste Enkelkind kam, wurde es sofort von den Syrern vereinnahmt. Sie kümmerten sich um das Kind, sie haben ja eine liebevolle Einstellung zur Familie.“ Nur an zwei Sachen musste sich die SPD-Politikerin gewöhnen. Dass die beiden Männer aus dem Süden selbst bei milden Außentemperaturen die Heizung voll aufdrehten, hat sie gewundert: „Die saßen bei 30 Grad im Zimmer und haben trotzdem noch gefroren.“

Auch die Wasserkosten seien durch ausgiebige Nutzung von Badewanne und Dusche in die Höhe geschnellt, verrät Köpping und lacht: „Dass man jederzeit duschen und baden kann, war neu für beiden Syrer.“ Oft hat Familie Köpping gemeinsam mit den Syrern und Nachbarn gekocht und gegessen. Unterdessen sind die beiden jungen Männer in Dresden und Leipzig in Wohnungen untergekommen, der Kontakt ist geblieben. Köpping will auch von Amts wegen dafür sorgen, dass die Integration von Geflüchteten vom ersten Tag an erfolgt. „Das ist eine Riesenaufgabe für Deutschland“, sagt die Ministerin: „Ich freue mich, dass ich daran beteiligt sein kann.“

Jörg Schurig, dpa

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