Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Google+
„Nur für Dresden, Leipzig oder Jena ist die Aufholjagd noch realistisch“

Dresdner ifo-Chef: „Nur für Dresden, Leipzig oder Jena ist die Aufholjagd noch realistisch“

Ohne eine neue Wirtschaftinitiative wird der Osten den Westen nicht mehr einholen. Einzig die wirtschaftlichen Zentren Dresden, Leipzig und Jena könnten noch aufschließen, sagt Joachim Ragnitz, Vizechef des Dresdner ifo-Instituts.

Voriger Artikel
Zschocke: CDU verdrängt noch immer Problem des Rechtsextremismus'
Nächster Artikel
Rittergut von Neonazi Hoffmann soll erneut versteigert werden

Joachim Ragnitz (55), Vizechef des Dresdner ifo-Instituts.

Quelle: dpa

Dresden. Ohne eine neue Wirtschaftinitiative wird der Osten den Westen nicht mehr einholen. Einzig die wirtschaftlichen Zentren Dresden, Leipzig und Jena könnten noch aufschließen, sagt Joachim Ragnitz, Vizechef des Dresdner ifo-Instituts.

Es heißt, der Aufholprozess des Ostens hat sich verlangsamt. Hand aufs Herz: Wann hat der Osten Westniveau erreicht?

Die Wirtschaft in Ostdeutschland wächst in etwa in gleichem Tempo wie die in Westdeutschland – eine Annäherung der Wirtschaftskraft pro Kopf kommt insoweit nur noch zustande, weil die Bevölkerung hier stärker schrumpft. Wenn sich das nicht ändert, wird der Osten den Westen in überschaubarer Zeit gar nicht erreichen – nur für einzelne wirtschaftliche Zentren wie Dresden, Leipzig oder Jena ist diese Perspektive überhaupt noch realistisch.

Als eine der wesentlichen Ursachen für die schleichende Entwicklung galt immer die Kleinteiligkeit der Unternehmenslandschaft – hat sich da etwas geändert?

Nein – viele Unternehmen im Osten verfolgen ja auch gar keine echte Wachstumsstrategie. Sie setzen auf die Stabilisierung des Erreichten, weil die Unternehmenseigner heute kurz vor der Rente stehen. Das lässt sich wirtschaftspolitisch auch kaum beeinflussen – man kann nur hoffen, dass die Nachfolger dann mehr Elan mitbringen und unternehmerisches Wachstum stärker in den Vordergrund stellen.

Das bedeutet doch nichts anderes, als dass der Osten künftig weiter gefördert werden sollte, oder?

Mein Eindruck ist, dass die Wirtschaftspolitik sich mit dem fortbestehenden Rückstand weitgehend arrangiert hat. Leider stehen vielfach auch eher verteilungspolitische Ziele im Vordergrund, gerade auch auf Bundesebene. Weitere Unterstützung der ostdeutschen Wirtschaft ist notwendig, aber die bisherigen Konzepte verlieren zunehmend an Wirksamkeit. Da muss man also überlegen, was man künftig anders machen kann.

Sie sprechen sich für eine stärkere Förderung im Bereich Innovationen aus. Wie soll das gehen? Der Osten hinkt doch bei Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen dem Westen um Längen hinterher.

Ein gewichtiges strukturelles Defizit ist in der Tat die mangelnde technologische Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmen. Aber es gibt in der Welt so viel technologisches Wissen – das muss man nur in die Unternehmen hineinbekommen. Wir haben hier viele Universitäten, viele Fachhochschulen – meines Erachtens sollte man diese staatlicherseits in die Pflicht nehmen, stärker mit den hiesigen Unternehmen zusammenzuarbeiten, um auf diese Weise den Transfer von technologischen Neuerungen in wirtschaftliche Anwendungen zu unterstützen.

In den Jahren seit der Vereinigung war im Osten vor allem die Investition in Infrastruktur ein Treiber der Wirtschaft – rechnen Sie hier noch mit Impulsen?

Investitionen in die Infrastruktur sollten ja vor allem die Standortbedingungen für die Unternehmen verbessern – in vielen Bereichen hat das ja auch funktioniert. Im Verkehrsbereich zum Beispiel sehe ich kaum noch Nachholbedarfe in Ostdeutschland. Anders sieht es aber bei der Breitbandversorgung aus – hier muss auf jeden Fall mehr getan werden, um die Unternehmen auch in den peripheren Regionen mit ausreichend schnellen Internet-Verbindungen zu ver­sorgen. Ansonsten geht auch die viel beschworene Digitalisierung am Osten vorbei, mit der Folge, dass die Rückstände noch größer werden.

In  Ostdeutschland altert  die Bevölkerung wesentlich schneller. Wie kann dennoch ein Engpass bei den Arbeitskräften vermieden werden?

Da sehe ich eigentlich nur zwei Lösungsansätze: Entweder mehr Zuwanderung, oder aber den Übergang zu einer weniger arbeitsintensiven Produktionsweise. Solange Zuwanderer wenig Anreiz haben, sich im Osten niederzulassen, sollte man vor allem versuchen, mit weniger Arbeitskräften auszukommen. Da die Beschäftigungsintensität der Produktion im Osten im Schnitt noch um rund 30 Prozent höher liegt als im Westen, gibt es hier durchaus noch erhebliche Potenziale. Wichtig ist es schließlich auch, stärker in Bildung zu investieren – es ist er­schreckend, dass selbst in Sachsen rund acht Prozent aller Schüler ohne Abschluss die Schule verlassen und damit fürden Arbeitsmarkt weitgehend verloren sind.

Und was passiert, wenn das nicht gelingt?

Dann ist künftig mit noch schwächerem Wirtschaftswachstum zu rechnen – mit allen negativen Folgen, die das für die Einkommen, die Steuerkraft, die Angleichung der Lebensverhältnisse usw. hat. Sich auf dem Erreichten auszuruhen, wäre wirklich fatal. Es ist an der Zeit, dass die Wirtschaftspolitik offensiver auf die anstehenden Herausforderungen reagiert und eine neue Wachstumsinitiative für die ostdeutschen Länder startet.

Interview: Andreas Dunte

Von Andreas Dunte

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News

Majong: Der Klassiker unter den Computer-Puzzles. Hier kostenlos online spielen im Spieleportal von DNN.de ! mehr

20.08.2017 - 11:03 Uhr

Beim Gastspiel in Braunschweig hatten Anhänger von Erzgebirge Aue ein Banner mit der Aufschrift "Sportgerichtsbarkeit = Vereinsholocaust" gezeigt.

mehr
  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten DNN das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Digital Abo

    "DNN Digital Abo" heißt das Online-Premiumangebot der Dresdner Neuesten Nachrichten, das Sie überall und rund um die Uhr nutzen können -... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die DNN in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr