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„Mit dem Kopf in Deutschland“: Buchautor spricht über Margot Honeckers Leben in Chile

„Mit dem Kopf in Deutschland“: Buchautor spricht über Margot Honeckers Leben in Chile

Sie sei „sportiv“ und mit knapp 85 Jahren „intellektuell voll auf der Höhe“. An ihrer Heimat vermisst sie „den Wald und die Pilze“. Eine Rückkehr nach Deutschland kommt für Margot Honecker aber nicht in Frage.

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Familienidylle im Exil: Margot Honecker und ihr Enkel Roberto (rechts) mit Buchautor Frank Schumann vor dem Haus der Honeckers in Santiago de Chile.

Quelle: Frank Schumann

Nach fast 20 Jahren im chilenischen Exil hat die ehemalige Volksbildungsministerin der DDR nun ihr Schweigen gebrochen. Der aus Torgau stammende Verleger und Publizist Frank Schumann durfte sie im Herbst vergangenen Jahres interviewen. Am Donnerstag sind die ausführlichen Gespräche als Buch unter dem Titel „Zur Volksbildung“ im Verlag Das Neue Berlin erschienen.

LVZ-Online sprach mit dem 60-jährigen Autor über das Leben der ehemals mächtigsten Frau der DDR in Santiago de Chile und die Erinnerungen an ihren 1994 verstorbenen Ehemann Erich Honecker. „Völlig perplex“ sei Schumann gewesen, als Margot ein 400-seitiges Manuskript mit Hafttagebüchern des Ex-DDR-Staatschefs auf den Tisch legte. „Mach was draus“, hatte Margot zu ihm gesagt. Schumann, der zu DDR-Zeiten in Leipzig Journalistik studierte und später als Kulturchef der Jungen Welt arbeitete, machte was draus. Das im Februar erschienene Buch „Letzte Aufzeichnungen“ (edition ost) avanciert bereits zum Bestseller.

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Von Verbitterung ist bei Margot Honecker auch mehr als 20 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung keine Spur. "Sie hat mit der DDR abgeschlossen", sagt Buchautor Frank Schumann.

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Frage: Jahrelang hat sich Margot Honecker nicht mehr öffentlich geäußert. In Ihrem Buch gibt sie bislang unbekannte politische und persönliche Einblicke. Wie kam es zu dem Interview?

Frank Schumann: Die Verbindung zu Margot Honecker bestand schon seit 1994, als der von mir 1991 gegründete Verlag, die edition ost, die Moabiter Notizen herausbrachte, das politische Vermächtnis ihres Mannes. Wir hatten damals einen Schriftverkehr, der irgendwann einschlief. Vor einigen Jahren meldete sie sich dann wieder bei mir per E-Mail. Irgendwann habe ich sie gefragt: „Wieso lädst du mich nicht mal ein?“ Darauf sie: „Ich freue mich immer über Besuch aus der Heimat.“

Wie war Ihr erstes persönliches Treffen?

Sie wartete draußen auf der Straße vor der Wohnanlage. Sonst wäre ich auch gar nicht durchs Tor gelangt. Der Concierge der Communitie lässt niemanden hinein, den er nicht kennt oder der nicht avisiert ist. Wir gingen dann über den Hof in ihr Haus, tranken Kaffee und aßen ein Eis, was offensichtlich dort Brauch ist. Ich habe mir sagen lassen, dass die Chilenen auf Eis stehen.  

Plaudern im Wohnimmer: "Gespräch wie mit meiner Mutter"

Wie liefen die Gespräche ab?

Wie man solche Gespräche führt: mit Stift, Papier und Aufnahmetechnik. Sehr diszipliniert und konzentriert. Am Sonntag waren wir zwölf Stunden unterwegs, besuchten das Keramikdorf Pomaire, den Hafen San Antonio an der Pazifikküste, von dort ging es weiter nach Isla Negra, wo der bekannte chilenische Dichter und Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda lebte und wir eine individuelle Führung bekamen. Man zeigte uns auch die Privaträume, die sonst für Besucher nicht zugänglich sind. Von dort ging es weiter zur zweitgrößten Stadt des Landes, nach Valparaiso. Im Auto und auf der Straße haben wir uns natürlich nicht angeschwiegen. Das konzentrierte Gespräch fand aber bei ihr in der Wohnung statt. Wir saßen im Wohnzimmer am Tisch oder auf der Terrasse und haben geredet.

Wie kann man sich die Gesprächsatmosphäre vorstellen?

Normal, aufgeschlossen, offen, wechselseitig neugierig. Eis, das man hätte brechen müssen, war nicht vorhanden, es gab keinerlei Vorbehalte oder gar Argwohn. Das Gespräch lief stellenweise so, als unterhielte ich mich mit meiner Mutter, die so alt wie Margot Honecker ist.  Das war mitunter anrührend – manchmal wurde es auch richtig offiziell. Das Interview habe ich ja nicht mit der Oma Honecker, sondern mit der Ex-Ministerin geführt.

Irgendwann drückte Margot Ihnen dann das Gefängnis-Tagebuch ihres Mannes in die Hand…

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DDR-Staatschef Erich Honecker bei der Ankunft auf dem Flughafen von Santiago de Chile im Jahr 1993 mit seine Frau Margot.

Quelle: dpa

…das war am dritten oder vierten Tag. Sie ging zum Schrank und holte einen graugrünen Aktenordner mit 400 handschriftlichen Seiten hervor. Ich war völlig perplex, weil ich von der Existenz dieses Dokuments nichts wusste. Keiner wusste davon, nicht einmal gute Freunde, wie ich später mitbekam. Damit warf Margot Honecker meinen Plan, zum 100. Geburtstag von Erich Honecker im August 2012 eine Biografie zu schreiben – was ja der ursprüngliche Anlass meiner Reise nach Chile war – unbeabsichtigt über den Haufen. Denn was war der Text eines Nobodys im Vergleich zu einem Originaldokument?

Margot Honecker: "Selbstbewusst, charmant, kultiviert"

Hat sie gesagt, warum sie Ihnen die Notizen anvertraut hat?

Nein, aber ich vermute mal: weil sie mir vertraute. Obgleich sie skeptisch war, dass sich dafür nach so vielen Jahren jemand interessieren würde.

Was waren Ihre Intentionen?

 

Nach dem ersten Studium war mir bewusst, dass mit diesem Selbstzeugnis die Möglichkeit bestünde, Honecker jene Würde zurückzugeben, die ihm damals, insbesondere während des Prozesses 1992, genommen worden war. Das Gerichtsverfahren war ein unwürdiges Schauspiel, es war kein Ruhmesblatt in der deutschen Rechtsgeschichte. Darin sind sich inzwischen Juristen und Historiker einig. Honecker wurde behandelt wie ein 18-jähriger fitter Bursche, und nicht wie ein alter, todkranker Mann. Man hat eigentlich nur darauf gewartet, dass er im Gerichtssaal tot umfällt, und jeder Reporter war scharf darauf, das erste Bild zu machen.

Lassen Sie sich damit nicht auch ein Stück weit von Margot Honecker instrumentalisieren?

Nein, sie hat mir gegenüber weder Forderungen noch Wünsche geäußert, sondern nur gesagt: „Mach was draus!“ Sie war, ich sagte es bereits, sogar skeptisch, dass es funktionieren könnte, weil die meisten Namen und die Zusammenhänge nicht mehr bekannt sind. Ich sehe Honeckers Text als ein zeitgeschichtliches Dokument. Man kann daraus vieles herauslesen, Honeckers Sprache, seine Denkart. Ich will dokumentieren, nicht bewerten. Das soll und kann der mündige, wissende Leser selbst.

Welchen Eindruck hatten Sie in Ihren Gesprächen von Margot Honecker?

Sie ist eine kultivierte, angenehme Gesprächspartnerin, intellektuell voll auf der Höhe, sehr sportiv und gesund. Eine selbstbewusste, in Würde gealterte, gepflegte Frau und durchaus mit Charme.  

Haus der Honeckers: "Ich sah die Pressspanplatten

"

Immer wieder wurde geschrieben, sie lebe in Chile in einer Villa ...

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Eine kleine Siedlung am östlichen Stadtrand von Santiago de Chile - hier wohnt Margot Honecker seit 1992.

Quelle: Robert Nößler

Unsinn. Sie wohnt in einem kleinen, zweigeschossigen Häuschen am östlichen Stadtrand. Von den acht Häusern in ihrer Anlage ist es das kleinste. Es gibt unten drei Räume: das Wohnzimmer mit einer kleinen Elektroheizung fürs ganze Haus, ein Bad und eine Küche. Oben sind noch drei Zimmerchen, eigentlich eher Kammern von vielleicht drei mal drei Metern. Kein Platz für einen Computer. Der befindet sich auf dem Treppenabsatz. Sie hat inzwischen auch eine beachtliche Bibliothek. Selbst wenn sie es mir nicht gesagt hätte, dass sie eine Leseratte sei, sieht man das. Und zum Zeitvertreib löst sie Kreuzworträtsel, wie meine Mutter. Wenn sie nicht im Exil lebte, könnte man sagen: Sie führt ein völlig normales Rentnerinnenleben.

Wie hat sie sich eingerichtet?

Alles ist sehr bescheiden, von Luxus keine Spur. Sie hat ihre Bücher, Bilder und kleinen Plastiken auf den Sideboards stehen. Das Mobiliar scheint noch aus der DDR-Botschaft zu stammen. Ich sah, wie sich an den Füßen der Schränke die Folie löst, und dahinter die Pressspanplatten. Das kam mir alles sehr vertraut vor. Sie hat auch keine Haushälterin, wie das in fast allen chilenischen Haushalten üblich ist, das kann sie sich gar nicht leisten. Sie bekommt ihre deutsche Mindestrente, die hierzulande als Strafrente gilt, denn Ex-Minister – nicht nur Ex-Bundespräsidenten – bekommen bekanntlich ein wenig mehr. Dazu kommt eine schmale Hinterbliebenenrente. Davon muss sie alles bestreiten und unterstützt auch noch ihre beiden Enkel.

Es gibt das Gerücht, dass sich Erichs Urne im Haus befinden soll…

Absoluter Quatsch. Sie ist definitiv nicht dort, und auch noch nicht in Deutschland.

Lesen Sie auf Seite 2, wie Margot Honeckers Alltag in Chile aussieht und wie sie die aktuelle politische Situation in Deutschland einschätzt.

Interview: Robert Nößler

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