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Luther vor Reformationsjubiläum „in“ - Aber wenig Wissen

500-Jähriges Luther vor Reformationsjubiläum „in“ - Aber wenig Wissen

Luther-Bibel, Luther-Film, Luther-Oratorium - wenige Monate vor dem 500. Jubiläum der Reformation scheint der Hauptakteur von damals wieder in aller Munde. Dabei sei Luther weniger als religiöse Gestalt präsent denn als Tourismusmagnet, Identifikationsfigur für die Lutherstädte und Luther-Bundesländer oder Legende.

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Luther-Bibel, Luther-Film, Luther-Oratorium - wenige Monate vor dem 500. Jubiläum der Reformation scheint der Hauptakteur von damals wieder in aller Munde.

Quelle: dpa

Dresden. Luther-Bibel, Luther-Film, Luther-Oratorium - wenige Monate vor dem 500. Jubiläum der Reformation scheint der Hauptakteur von damals wieder in aller Munde. „Man begegnet ihm praktisch auf Schritt und Tritt“, sagt Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, dem Ursprungsland der Reformation. Vor allem in Wittenberg, wo der Mönch Martin Luther 1517 seine berühmten 95 Thesen veröffentlichte. Die folgende historische Umwälzung und deren Impulse bis in die Gegenwart ergründet die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) seit 2008 in Themenjahren.

„Das Jubiläum trägt auch dazu bei, Luthers Wirken immer wieder neu zu hinterfragen und zu bewerten, nicht nur aus kirchlicher Sicht“, sagt Haseloff. Für seinen sächsischen Amtskollegen Stanislaw Tillich (CDU) kann das Jubiläumsjahr 2017 auch zum kritischen Dialog über wichtige Fragen der Zeit motivieren und deutlich machen, „dass Religion etwas Bereicherndes und Selbstverständliches in der Geschichte und heutigen Gesellschaft ist“. Luthers Überzeugung von der Freiheit des Einzelnen bleibe mit Verantwortung für das Gemeinwesen verbunden. „Darüber sollten wir uns wieder bewusster werden.“

Die Auswirkungen der Reformation sind vielfältig präsent, wie der Thüringer Regierungschef Bodo Ramelow (Linke) unter Verweis auf die Schulpflicht oder das Meißner Kanzleideutsch, „die Grundform unserer heutigen Schriftsprache“, sagt. „Luther war Wegbereiter der Moderne.“ Er habe sprachmächtig verkrustete Strukturen aufgebrochen und „frischen Geist durchs Land wehen“ lassen. Andererseits habe er den Nazis mit seinem Antisemitismus die weltanschauliche Legitimation etwa für das Eisenacher „Entjudungsinstitut“ geliefert. „Wer Luther glaubwürdig gerecht werden will, muss sich auch dieser dunklen Facette seines Lebens und Wirkens stellen.“

Der Kieler Historiker Hartmut Lehmann schätzt, dass die meisten Leute mit Luther nicht viel anfangen können. „Der breiteren Öffentlichkeit ist kaum mehr als sein Name bekannt.“ Abgesehen von evangelischen Bildungsbürgern sei vielen zudem der „Luther der Legende“ wahrscheinlich wesentlich geläufiger als der tatsächliche historische. Wie zum Beleg dafür war etwa eine Playmobil-Figur des Reformators im Nu ausverkauft, sogar eine eigene Facebook-Gruppe dazu gibt es. Und den Wunsch von Fans nach Wartburg und Junker Jörg.

Auch am Lutherdenkmal vor der Dresdner Frauenkirche schauen viele derer, die sich auf dem Sockel niederlassen, nicht zum Reformator auf. „Die Wertschätzung des Jubiläums ist unter Lutheranern weltweit viel größer als im Kernland der Reformation“, sagt Pfarrer Sebastian Feydt. Die EKD-Botschaftern für das Jubiläum, Margot Käßmann, indes erlebt, dass Luther „für viele Menschen zuallererst der mutige Mensch ist, der trotz Lebensgefahr seinen Überzeugungen treu geblieben ist.“

Lehmann rät zu einer differenzierten Betrachtung. „Den jungen Luther kann man vielleicht als Anwalt für die einfachen gläubigen Menschen ansehen.“ Mit den Bauernkriegen aber habe sich seine Einstellung zugunsten der Fürsten geändert. Aus dem Reformkatholiken sei 1521 der Anführer einer kirchenpolitischen Partei geworden, die sich gegen Rom und die katholische Kirche zu behaupten versuchte. „Je älter, desto konservativ-bewahrender.“ Zum Vorbild tauge Luther nicht. „Seine Person ist zwiespältig, sein Vermächtnis ambivalent.“

Er habe eine Reihe von Dingen geschrieben, „von denen wir uns distanzieren müssen“, sagt Lehmann unter Verweis auf die Schriften im Bauernkrieg und zu konkurrierenden religiösen Gruppen wie den Täufern. Und im Blick auf die spätere deutsche Geschichte, insbesondere die des 20. Jahrhunderts, seien Luthers Judenschriften eine schwere Last. „Luther ist kein makelloser Held“, sagt auch Käßman. So habe er sich selbst auch nicht gesehen, sondern für ihn sei jeder Mensch Gerechter und Sünder zugleich gewesen, „macht also vieles falsch und vieles richtig“.

Man müsse auch die Schattenseite sehen, sagt der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm. „Martin Luther konnte ein feiner Seelsorger und kluger Theologe sein, aber auch ein heftiger Polemiker.“ Er habe „weltgeschichtliche Bedeutung“, betont Bedford-Strohm und wünscht sich, dass viele Menschen den Reformator neu entdecken. Der sei in sehr vielen Redewendungen der deutschen Sprache präsent, die er durch seine Bibelübersetzungen entscheidend mitprägte. Darüber hinaus könne man weite Teile der Musik, der Kunstgeschichte, der Malerei nicht verstehen ohne den Einfluss der Reformation und insbesondere Luthers wahrzunehmen.

Dass jeder Mensch in Fragen des Glaubens und Gewissens frei sei, hat laut Käßmann Auswirkungen bis heute. „Fundamentalismus, ob jüdischer, christlicher, muslimischer oder hinduistischer Prägung, mag gebildeten Glauben nicht.“ Luther habe aufgefordert, nachzufragen, selbst zu denken und eigene Worte für den eigenen Glauben zu finden. In einer Zeit der Säkularisierung hält sie seine Auseinandersetzung mit der Bibel für neu anregend. „Auch wenn ich nicht glaube, sollte ich doch wissen, was dort steht, denn unsere Kultur, Literatur, Architektur ist von der Bibel geprägt.“

Für den früheren sächsischen Landesbischof und EKD-Ratsvize Jochen Bohl sind viele der Einsichten des Reformators „von ungebrochener Modernität“. Er habe jeden Menschen als wunderbares Geschöpf, reich und in vielerlei Hinsicht begabt, aber auch gefährdet in einer widersprüchlichen und unübersichtlichen Welt gesehen. Auf dem Totenbett habe Luther sich selbst als Bettler gesehen, im Bewusstsein, was er bewegt und verändert hat. „Von dieser Demut wünscht man einem Teil der heutigen Eliten wenigstens etwas.“

Der reformatorische Impuls seiner Freiheitsschrift, die Freiheit nicht zum Selbstzweck, sondern als Grundlage für ein gutes Leben in Gemeinschaft sieht, „hat die Gesellschaften des freien Westens zutiefst geprägt“, sagt Bohl. „Angesichts der sich vertiefenden Spaltungen in unserer Zeit wäre es wichtig, das Element der Bindung und die Verantwortung für das Zusammenleben stärker zu betonen.“ Luther habe jedem einen Beitrag zum Gelingen der Gemeinschaft zugetraut und gewollt, dass alle Teile, Schichten und Klassen der Bevölkerung Zugang zur Bildung haben. „Jeder Mensch sollte selbst die Bibel lesen können, nicht länger in Fragen der Wahrheitsfindung auf Autoritäten angewiesen sein.“

Nach Ansicht von Bedford-Strohm hat die Lutherdekade viele dieser Themen wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, ebenso wie die Stätten der Reformation in den Kernländern Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen. „Alle diese Aktivitäten haben die Bekanntheit Luthers und der Reformation deutlich gesteigert.“ Den eigentlichen Boom erwartet der EKD-Ratschef erst im Jubiläumsjahr. Der Effekt sollte nicht überschätzt werden, warnt Lehmann. „Häufig war es ein Reden zu den Kreisen, die ohnehin noch nahe bei der Kirche sind.“

Wie groß das angesprochene Publikum für das Jubiläum tatsächlich ist, sei eher fraglich, vor allem in einer dechristianisierten Gesellschaft wie im Osten, sagt Lehmann. „Wie weit kirchenferne, kirchenfremde Leute oder gar Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund davon berührt werden, was 2017 gemacht werden soll, wage ich zu bezweifeln.“ Er könne sich nicht vorstellen, dass das Jahr 2017 eine Trendwende im Prozess der Säkularisierung bringt. „Nichts spricht dafür, dass es wie eine große Missionsveranstaltung dazu führt, dass die Mitgliederzahlen wieder zunehmen.“

Die Kooperation von EKD und Bund für das Jubiläum zeigt nach Ansicht von Lehmanns Münsteraner Kollegen Thomas Großbölting mit Blick auf den sozialen Kitt in der Gesellschaft eine gewisse Hilflosigkeit der staatlichen Seite. „In den letzten fünf Jahren wird verstärkt geschaut, inwieweit die Kirche helfen kann, diesen Zusammenhalt zu stärken.“ Das Luthergedenken stellt sich aus Sicht von Großbölting dar als Teil einer Retrobewegung zum Zusammengehen des kirchlich-christlichen Milieus der 1950er und 1960er Jahre.

Dabei sei Luther weniger als religiöse Gestalt und Herausforderung präsent denn als Tourismusmagnet, Identifikationsfigur für die Lutherstädte und Luther-Bundesländer oder Legende. „Also alles in allem eher ein Ferment des Lutherbildes, das das Bildungsbürgertum Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts transportierte, als eine auch religiös sperrige Figur.“ Dabei lohne es, sich wirklich mit ihm zu beschäftigen. „Es gibt wenige Menschen der frühen Neuzeit, die man biografisch so gut durchdringen kann und über die man so viel weiß.“ Dafür müsse man tiefer gehen hinter die Fassade des „Klischeeluthers“ mit „Kochbüchern, Thesenanschlag, Tintenfass und Teufel“.

dpa

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